Aarau/ Suhr
Geld verdienen mit selbstgemachten Teppichen? Vor Corona hätte sie nur laut darüber gelacht

Als Lichtdesignerin musste Jennifer von Känel ihr Leben vor einem Jahr neu sortieren – und fing mit dem Tuften an, dem Herstellen von Teppichen. Jetzt bietet sie mit Laura Schwyter unter dem Label Textilosaurus im Suhrer Rüetschi-Haus Kurse für Stricken und Tuften an.

Katja Schlegel
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Jennifer von Känel (30, mit kurzen Haaren) und Laura Schwyter (27). Sie haben sich als «Textilosaurus» zusammengetan und bieten Kurse im Rüetschi-Haus in Suhr an. Ein Projekt, das ohne Corona nie entstanden wäre.

Jennifer von Känel (30, mit kurzen Haaren) und Laura Schwyter (27). Sie haben sich als «Textilosaurus» zusammengetan und bieten Kurse im Rüetschi-Haus in Suhr an. Ein Projekt, das ohne Corona nie entstanden wäre.

Katja Schlegel

Da fuhr der eine oder andere ganz schön zusammen. Da, mit der Nase an der Scheibe und der Sonne im Rücken, und der Erkenntnis, dass es sich bei den beiden Figuren im Schaufenster nicht um leblose Puppen, sondern um zwei Frauen aus Fleisch und Blut handelt.

Die beiden, die da am Wochenende im «Kaufhaus zum Glück» in Aarau im Fenster sassen und strickten und tufteten, heissen Jennifer von Känel (30) und Laura Schwyter (27). Sie haben sich als «Textilosaurus» zusammengetan. Ein Projekt, das ohne Corona nie entstanden wäre.

Keine Schaufensterpuppen, sondern Frauen aus Fleisch und Blut: Laura Schwyter und Jennifer von Känel arbeiten aktuell jeden Freitagnachmittag und Samstag im Schaufenster vom «Kaufhaus zum Glück» in Aarau.

Keine Schaufensterpuppen, sondern Frauen aus Fleisch und Blut: Laura Schwyter und Jennifer von Känel arbeiten aktuell jeden Freitagnachmittag und Samstag im Schaufenster vom «Kaufhaus zum Glück» in Aarau.

zvg

Im Sprung von Corona kalt erwischt

Jennifer von Känel aus Aarau, gelernte Schreinerin und seit Jahren selbstständige Lichtkünstlerin, hatte ihr Business ausbauen wollen. Hatte dazu im «Rüetschi-Haus» in Suhr extra ein Atelier gemietet. Per 1. März, zwei Wochen vor dem Lockdown.

Seit einer letzten Tournee bis Mitte März herrscht Leere in der Agenda. «Ich musste etwas tun, eine neue Beschäftigung suchen», sagt Jennifer von Känel. Und die fand sie: Tuften, das Herstellen von Teppichen oder Wandbehängen. Ein Hype, der Kanäle wie Instagram, Facebook und Tiktok flutet.

So sieht das aus, wenn Jennifer von Känel mit ihrer Pistole arbeitet.

So sieht das aus, wenn Jennifer von Känel mit ihrer Pistole arbeitet.

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Jennifer von Känel bestellte eine Pistole, eine «tufting gun», und legte los. «Da hat es mir den Ärmel aber so richtig reingenommen», sagt sie. Beim Hantieren mit Pistole und Garn erst habe sie gemerkt, wie sehr ihr das Kreative ihrer Arbeit gefehlt hatte. Und Tuften sei da genau das Richtige gewesen. «Die Lernkurve ist so steil; innert eines Tages hat man begriffen, wie es funktioniert. Und dann gibt es keine Grenzen mehr», sagt sie. Um dann herzlich zu lachen: «Hätte mir jemand vor einem Jahr erzählt, dass ich nun mein Geld mit dem Herstellen von Teppichen verdienen würde; ich hätte nur laut gelacht.»

Dank einer Rochade genügend Platz

Geld verdienen, das wollen Jennifer von Känel und Laura Schwyter nun. Die beiden kennen sich von einem Nähkurs; Laura Schwyter, gelernte Schneiderin und aktuell am Abschluss des Textildesignstudiums, ist seit 2016 Mitmieterin eines Ateliers im «Rüetschi-Haus» und bietet hier seit bald drei Jahren Nähkurse an.

Das werden die beiden künftig nun gemeinsam tun, mit dem «Textilosaurus». Wegen einer Rochade wird ein grösseres Atelier frei, das Raum für ein Dutzend Arbeitsplätze bietet. Das Angebot besteht aus Kursen zu Tuften, Stricken und Nähen, für Anfängerinnen, Fortgeschrittene und Familien. Ab Sommer sollen die Kurse starten.

Trend zum Selbermachen ist gewaltig

Der Moment könnte nicht besser sein, da sind sich die beiden einig: «Die Textilindustrie ist im Umbruch», sagt Laura Schwyter. «Corona hat die Menschen auf Nachhaltigkeit sensibilisiert, Wertschätzung und Ressourcen sind ein Riesenthema.» Der Trend in Richtung Selbermachen sei gewaltig. Das zeigen auch die Zahlen aus der Branche: Stricknadeln, Nähmaschinen, Wolle – die Verkaufszahlen gehen durch die Decke. Und es zeigt sich auch, dass Handarbeit längst kein Frauending mehr ist.

Laura Schwyter mit dem Endprodukt, den selbstgemachten Teppichen.

Laura Schwyter mit dem Endprodukt, den selbstgemachten Teppichen.

zvg

Bis die Kurse losgehen, haben die beiden noch einiges zu tun. Ein Umzug innerhalb des Hauses, das Einrichten. Und das Stemmen der Finanzierung, denn die Maschinen sind teuer. Dazu haben die beiden eine Sammelaktion auf «wemakeit.ch» gestartet. Und damit auch so viele Menschen wie möglich auf sie aufmerksam werden, sitzen sie noch bis Anfang Juni jeden Freitagnachmittag und Samstag im Schaufenster vom «Kaufhaus zum Glück» und zeigen, was sie in ihren Kursen alles anbieten. Zur Freude der einen – und zum grossen Erschrecken anderer.

Mehr Infos zu den Kursen oder der Sammelaktion auf www.textilosaurus.ch