Bezirksgericht
Raubüberfall oder geplatzter Drogendeal? Auf jeden Fall ging es in Aarau um schlechtes Gras

Ein 18-Jähriger wurde diesen Januar in der Nähe des Bahnhofes Aarau ausgeraubt. Nun standen die Täter vor Gericht.

Florian Wicki
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Vor dem Bezirksgericht Aarau blieben am Montag viele Fragen offen.

Vor dem Bezirksgericht Aarau blieben am Montag viele Fragen offen.

Severin Bigler

Schlussendlich blieben vor den Schranken viele Fragen offen. Fest steht, dass Michael, ein zum Tatzeitpunkt 18-jähriger Schweizer, Mitte Januar an einem Samstagabend in Aarau war. Und fest steht ebenfalls, dass Luam und Tesfaye (alle Namen geändert), ein damals 22- und ein 18-jähriger Eritreer, an diesem Abend in der Umgebung des Aarauer Pestalozzi-Schulhauses Michael einen Rucksack mit Cannabis gewaltsam entwendet haben. Und dass dieser dabei verletzt wurde.

Weiter steht fest, dass die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau für Luam zehn Monate und für Tesfaye acht Monate Gefängnis fordert, beides unbedingt, sowie jeweils eine Busse. Ausserdem sollen die beiden im Anschluss an die Haft für acht Jahre des Landes verwiesen werden.

Opfer und Täter begegnen sich nicht mehr

Wie es zur Tat gekommen sein soll, da gehen die Aussagen von Opfer und Täter massiv auseinander. An diesem Montag vor dem Bezirksgericht wird zuerst Michael angehört. Er hat erfolgreich beantragt, dass er den beiden Angeklagten nicht begegnen muss, weshalb diese vor seiner Aussage von jeweils zwei Polizisten aus dem Raum geführt werden.

Dann betritt er den Raum. Auf die Fragen von Gerichtspräsidentin Patricia Berger antwortet er langsam, wirkt unkonzentriert, muss zum Beispiel mehrfach darauf hingewiesen werden, dass er Hochdeutsch sprechen soll. Er gibt an, er sei mit dem Bus nach Aarau gefahren, um für seine Mutter am Bahnhof eine Flasche Coca Cola zu kaufen.

Dafür sei er bei der Bushaltestelle Kunsthaus ausgestiegen, habe von da aus laufen wollen, habe aber den Bahnhof nie erreicht. Denn kurz vor dem Pestalozzi-Schulhaus sei er hinterrücks von drei Personen attackiert worden, die er noch nie getroffen habe. Einer der Beschuldigten, Luam, habe Michael von hinten an beiden Schultern gepackt, ihm ein Bein gestellt und habe den stolpernden Michael zu Boden gedrückt.

Video beweist Fehler in der Aussage

Danach hätten Luam und Tesfaye versucht, Michaels Rucksack zu entreissen, und hätten ihm ausserdem einen Schlag gegen den Hinterkopf versetzt, damit sich dieser nicht mehr wehrt. Schliesslich hätten sie ihm den Rucksack entrissen, wonach die Angreifer weggerannt seien. Michael sagt, er sei aufgestanden und habe die Räuber verfolgt, was er heute nicht mehr tun würde, da habe er wohl unter Schock gestanden. Im schlecht beleuchteten Park hinter dem Kunsthaus habe er sie schliesslich aus den Augen verloren.

Durch den Angriff habe er Schürfwunden an beiden Händen erlitten, eine Rötung am linken Knie und eine posttraumatische Belastungsstörung, weswegen er seit dem Vorfall erst in stationärer und schliesslich in ambulanter Behandlung war, es beziehungsweise heute noch immer ist. Arbeiten kann er derzeit nicht, will aber bald die Lehre bei seinem alten Lehrbetrieb fortsetzen, sobald es wieder geht. Später im Prozess wird seine Anwältin eine Genugtuung von 8’000 Franken sowie Schadenersatz und Haftbarkeit für alle weiteren Folgekosten fordern.

An die Momente vor der Tat erinnert sich Michael nicht mehr so genau, sagt er. So kann er sich nicht erklären, warum auf einem Überwachungsvideo des Bahnhofs Aarau zu erkennen ist, wie er an diesem Abend zwei Eritreer anspricht.

War es doch ein Drogengeschäft?

Eine Erklärung dafür liesse sich in der Aussage von Tesfaye finden. Er gibt in der Befragung durch Richterin Berger an, Michael habe ihn und Luam am Bahnhof Aarau angesprochen und sie gefragt, ob sie Cannabis kaufen wollten. Sie hätten das bejaht, für 100 Franken, und seien dann zu dritt zum Pestalozzi-Schulhaus. Dies, weil allgemein bekannt sei, dass der Bahnhof überwacht werde und deshalb für Drogengeschäfte kein praktikabler Ort sei.

Beim Schulhaus hätte Luam aber befürchtet, dass es sich bei der Ware um schlechtes Gras gehandelt habe. Deshalb hätten sie Michael davon überzeugen wollen, mit ihnen einen Joint zu rauchen und abzuwarten, ob sich der Verdacht bestätigt. Das hätte dieser aber partout nicht wollen, weshalb sie ihm den Rucksack weggerissen hätten, jedoch ohne Schlag auf den Hinterkopf. Dabei sei er auf dem schneebedeckten Boden ausgerutscht und gestürzt, so wie Luam auch. Der habe sich aufgerafft, hätte Tesfaye den Rucksack in die Hand gedrückt und beide seien weggerannt.

Luams Aussage deckt sich weitgehend mit der von Tesfaye, im Gegensatz zu diesem braucht er aber einen Dolmetscher, um sich verständlich auf Deutsch auszudrücken. Er sei wütend geworden, lässt er übersetzen, als er die schlechte Qualität des Cannabis’ bemerkt habe, und hätte sich gefragt, warum er für so etwas bezahlen soll, wenn er schon über den Tisch gezogen wird. Also hätten sie ihm den Rucksack kurzerhand weggenommen.

Strafe nach dem Urteil bereits abgesessen

Für den Raub erhält Luam neun Monate unbedingt, darin ist eine Erhöhung enthalten, weil er den Kanton Aargau letzten Dezember unerlaubt verlassen haben soll. Fürs Kiffen gibts noch eine Busse von 200 Franken Busse und ausserdem noch eine Geldstrafe, weil er ebenfalls letzten Dezember vor der Polizei geflüchtet ist. Schadenersatz- und Genugtuungsforderungen verweist Richterin Berger auf den Zivilweg. Der Zusammenhang zwischen Trauma und Raub sei nicht ausreichend erwiesen.

Tesfaye wird als Gehilfe beim Raub weniger hart bestraft, bei ihm sind es sieben Monate unbedingt. Die 140 Tage Untersuchungshaft und 50 Tage Sicherheitshaft, ohne Schuldspruch, werden dem Urteil angerechnet, weshalb Tesfaye am selben Abend noch freigelassen wird. Luam war bereits 210 Tage in Haft – er muss sich jedoch noch ein paar Tage gedulden, da er nach der am Montag verhängten Strafe noch eine Ersatzfreiheitsstrafe aus einer früheren und nicht bezahlten Busse absitzen muss. Beide kassieren ausserdem einen Landesverweis für die nächsten sechs Jahre.

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