Aarau
Neue Stadtkünstlerin Félicia Eisenring: Das Spannungsfeld zwischen Mensch und Tier fasziniert sie

Seit 2021 erklärt Aarau ein Jahr lang eine Person zur Stadtkünstlerin oder zum Stadtkünstler und unterstützt diese auch finanziell. Auf Petra Njezic folgt nun Félicia Eisenring. Am 18. November wird sie mit einer Ausstellung im Rathaus der Öffentlichkeit vorgestellt. Die AZ durfte bei der Entstehung ihrer neuen Werke kurz hineinschauen.

Daniel Vizentini
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Félicia Eisenring ist die neue Aarauer Stadtkünstlerin.

Félicia Eisenring ist die neue Aarauer Stadtkünstlerin.

Mathias Förster

Aarau setzt bei der lokalen Kulturförderung direkt auf die Menschen, die Kultur auch erschaffen. Nachdem Petra Njezic als Stadtkünstlerin ein Jahr lang die Unterstützung der Stadt genoss – nebst dem ehrenvollen Titel ein Anerkennungsbeitrag von 10’000 Franken –, ernannte die Kulturförderkommission als Nachfolgerin nun Félicia Eisenring.

Die 37-Jährige wuchs in Suhr auf und lebt seit vielen Jahren in Aarau. Als Künstlerin interessiert sie sich für die Entstehung und Veränderung von Wissen, wie es in einer Mitteilung der Stadt heisst. «Parallel existierende Wahrheiten» aus Wissenschaft und mystischer Erzählung überlagern sich in ihren Werken, die den Betrachtenden nebst der rein ästhetischen Wirkung auch etwas zum Denken mitgeben sollen.

Félicia Eisenrings erster öffentlicher Auftritt als Stadtkünstlerin wird am 18. November über die Bühne gehen: Dann findet die Vernissage zur Ausstellung «The Wings We Lack» im Aarauer Rathaus statt. Die Werke, die sie dort zeigt, sind alle erst kürzlich in den letzten Wochen und Monaten entstanden und handeln von der Welt der Reiterei.

Letzten Monat durfte die AZ in ihr Atelier hineinschauen und die Arbeit an ihren neuen Werken miterleben. Und anders als vielleicht erwartet, entstanden diese nicht mit besonders modernen, teuren oder ausgeklügelten Werkzeugen, sondern ganz simpel über eine grosse Schachtel handelsüblicher «Caran d'Ache»-Buntstifte.

Félicia Eisenring bei ihrer Arbeit für die Ausstellung «The Wings We Lack».

Félicia Eisenring bei ihrer Arbeit für die Ausstellung «The Wings We Lack».

Mathias Förster

Strich um Strich malte Félicia Eisenring geduldig ihre grossformatigen Zeichnungen von Hand aufs weisse Papier. Und sie genoss sichtlich, was auf den ersten Blick als schier unendlich scheinende Sisyphusarbeit gesehen werden könnte.

Von der Berufsreiterin zur Künstlerin

Die Arbeit mit den Buntstiften ist langsam, detailbehaftet, vielleicht gar perfektionistisch. Aber eben auch geerdet und beruhigend. «Das Medium Zeichnung interessiert mich und ich zeichne gerne ganz simpel mit Stift auf Papier», erklärte Félicia Eisenring schlicht ihre Entscheidung dafür. Eine Abwechslung für sie, die in den letzten Jahren vor allem an Kunstinstallationen gearbeitet hatte, meistens zusammen mit Künstlerkollegin Isabell Bullerschen. Werke der beiden waren zuletzt regelmässig in Aarau zu sehen, etwa im Aargauer Kunsthaus oder im Kunstraum Eck.

Jetzt aber, da sie wieder allein arbeitet, besann sie nicht nur zurück auf ihren sozusagen handwerklichen Ursprung mit den Buntstiften, sondern brachte auch etwas aus ihrer persönlichen Lebensgeschichte zum Vorschein. Félicia Eisenring war «ein richtiges Reitermädchen», wie sie sagt, machte als Jugendliche auch eine Lehre in einem Reitbetrieb. Ein raues Umfeld sei dies gewesen, das sie aber einiges lehrte.

Nebst viel Disziplin, die ihr auch heute im Leben dient, erlebte sie hautnah den Umgang und die teils widersprüchliche Beziehung zwischen Mensch und Tier: Einerseits in ihrer Schönheit und Stärke bewundert oder gar verhätschelt, werden andererseits vor allem Nutztiere klar den Bedürfnissen der Menschen unterstellt. «Der Mythos Pferd als Träger von Freiheit zerbricht daran, dass der Mensch das Tier seinen Diensten unterwirft», beschreibt sie den Widerspruch.

Im Spannungsfeld zwischen Mensch und Tier

Dieses Spannungsfeld fasziniert sie. So wie eben auch die alten Weisheiten und Mythen, die den Menschen allgemein, aber insbesondere im Umgang mit Tieren bis heute prägen. Das wollte sie in ihren Werken zum Ausdruck bringen, indem sie über die Buntstiftzeichnungen eine gewisse Kinderbuchästhetik auf graue Bleistiftzeichnungen kontrastieren liess. Das Bunte wäre quasi das heute vom blossen Auge Sichtbare, das Graue eine Art rauchige Darstellung abstrakter, albtraumartiger Figuren dieser alten Mythen.

Für ihre erste Ausstellung als Stadtkünstlerin fand Félicia Eisenring offenbar ziemlich genau etwas, wo sie ihre Urinteressen und ihr handwerkliches Können ausleben, wo sie schlich sich selbst sein kann. Auch ihre Persönlichkeit scheint in diesem Spannungsfeld ihrer neuesten Werke klar widergespiegelt.

Einerseits sehr scheu: Ein Interview zu geben und sich der Öffentlichkeit auszusetzen, sei gefühlt der Horror. Andererseits aber sagt sie mit ihrem dezidierten Charakter klar und direkt, was sie will und was sie denkt. Mystische Traumwesen im Hintergrund, kontrastiert mit glasklaren Buntstiftzeichnungen – das passt zu dem, was sie ausdrücken will, so wie auch zu ihr.

Félicia Eisenring wird ein Jahr lang den Titel der Aarauer Stadtkünstlerin tragen dürfen.

Félicia Eisenring wird ein Jahr lang den Titel der Aarauer Stadtkünstlerin tragen dürfen.

Mathias Förster

Kunstausstellung Félicia Eisenring «The Wings We Lack», 19. November 2022 bis 18. Februar 2023 im Aarauer Rathaus. Vernissage am 18. November um 19 Uhr, öffentliche Rundgänge am 8.12. und 18.2.