Neujahrsempfang

Aarau ist etwas anders gestrickt – warum es seit 20 Jahren mehr als nur Cüpli und Häppchen gibt

Jeder Neujahrsempfang ist anders: 2017 stand er unter dem Motto «Aarau zeigt Herkunft». AZ-Archiv

Jeder Neujahrsempfang ist anders: 2017 stand er unter dem Motto «Aarau zeigt Herkunft». AZ-Archiv

Seit 2000 feiern die Hauptstädter das neue Jahr etwas anders als die andern. Etwas schöner, origineller und gemeinsamer. Und das nun schon zum 20. Mal. Eine steile Karriere für einen Anlass, der eigentlich als Eintagsfliege gedacht war.

Das Millennium, der Jahrtausendwechsel. Längst sind die Ängste vor Weltuntergang und Computerkollaps vergessen. Aarau aber ist etwas aus dieser sagenhaften Nacht geblieben: der Neujahrsempfang. 

Überrascht vom Erfolg waren damals auch die Organisatoren. Angefragt vom Stadtrat, hatte eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Jolanda Urech (mit Esther Kaelin, Irene Naef, Guy Krneta, Nicole Pfister, Marika Wonisch und Daniele De Min) den Anlass neu gestrickt.

Beim «alten» Anlass war die Luft draussen: Seit Jahr und Tag lud der Stadtrat die Bevölkerung am Vormittag ins Rathaus, wo im Foyer auf das neue Jahr angestossen wurde. Zu Wein und Häppchen spielten die Turmbläser und der Stadtmann hielt eine launige Rede. Ein Teil, der auch in der neuen Neujahrsfeier seinen Platz behalten sollte. Aber nicht mehr im Rathaus. Und vor allem sollte die Neujahrsfeier nicht nur für, sondern vor allem mit den Aarauerinnen und Aarauern stattfinden. «Wir wollten die Bevölkerung aktiv am Anlass beteiligen und zusammenführen. Und zwar quer durch alle Bevölkerungsschichten, Altersstufen und Quartiere», sagt Jolanda Urech rückblickend. Man nahm allen Mut zusammen und fragte kühn, wer denn bereit wäre, mitzumachen. 

Alle Sorgen umsonst

All die Sorgen, ob sich irgendwer auf den Aufruf hin melden würde, waren vergebens: «Die Idee hat eingeschlagen wie eine Bombe, es hat die Stadt elektrisiert.» 49 Private und Vereine, Geschäfte und Schulen erklärten sich bereit, unter dem Titel «Aarau verleiht Flügel» ihr Nest zu öffnen. «Es war, als ob die Aarauerinnen und Aarauer nur darauf gewartet hätten, diesen Anlass mitzugestalten», sagt Urech.

Auch der Anlass war ein voller Erfolg: Zu Hunderten flatterten die Aarauer zwischen den Nestern hin und her, bevor sie im Saalbau an der Feier des Stadtrats landeten, wo Stadtammann Marcel Guignard seine Rede hielt. Diese wurde via Tele M1 und Radio Argovia live in alle Nester gesendet. Rund 2000 Aarauerinnen und Aarauer liessen im Saalbau bei Tanz und Musik sowie Speis und Trank aus dem Hause «Schützen» den ersten Tag des neuen Jahrtausends ausklingen. Ein Fest, das alle Erwartungen übertraf.

«Wir waren überwältigt vom Erfolg», sagt Jolanda Urech. Überwältigt, aber auch müde; die Arbeitsgruppe hatte ein Jahr lang unentgeltlich gearbeitet. «Ein riesiger Aufwand», so Urech, «für uns war deshalb klar, dass es eine einmalige Sache war.» Auch deshalb, weil für den Anlass ein Sponsor hatte gesucht werden müssen; während die Stadt 10 000 Franken und den Wein springen liess, zahlte die Zschokke Locher AG das Dreifache. Doch damit hatte die die Arbeitsgruppe die Rechnung ohne den Stadtrat gemacht. «Und der stellte es geschickt an», sagt Urech und lacht.

Die Bitte kam zum Dessert

Beim Dessert liess Stadtammann Marcel Guignard die Katze aus dem Sack. Man hatte getafelt an weiss gedeckten Tischen im Haus zum Schlossgarten, löffelte matt und satt die Schälchen aus; ein guter Moment, um grosszügig über all die freiwillig geleisteten Arbeitsstunden hinwegzusehen und Marcel Guignard seine Bitte nicht abzuschlagen, den Anlass auch noch ein zweites Mal durchzuführen. «Wir haben lange darüber diskutiert», sagt Jolanda Urech. «Aber schlussendlich hatte uns der Erfolg der Millenniums-Ausgabe dermassen beflügelt und begeistert, dass wir zugesagt haben.»

Den Rest der Geschichte ist bekannt: Seit 2000 tanzen, lauschen, wundern sich die Aarauer im Jahrestakt, sie steigen sich gegenseitig in die Keller und nehmen in fremden Wohnzimmern Platz, bevor man sich im KuK zum Empfang des Stadtrates trifft (immer auch mit Kinderprogramm). Seit 2002 wird der Anlass von der damals neu geschaffenen Neujahrs-Kommission organisiert, das Präsidium obliegt seit 2002 einem Mitglied des Stadtrates (Jolanda Urech bis 2010, Michael Ganz bis 2014, seither Angelica Cavegn Leitner). Viel mehr hat sich aber nicht verändert. Das freut Jolanda Urech. «Das Strickmuster ist über all die Jahre das gleiche geblieben. Und obwohl es so einfach ist, ist es noch nicht ausgeleiert. Der Neujahrsempfang ist ein bisschen wie Maienzug im Winter.»

Der Neujahrsempfang 2019 steht im Zeichen von «19+1» und vereint sämtliche bisherigen Mottos. 22 Gastgeber zeigen von 16 bis 18.45 Uhr ihre ganz persönliche Welt. Ab 19 Uhr heisst der Stadtrat die Bevölkerung im KuK willkommen, 20 Uhr Ansprache von Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker. Danach Konzert mit King Caruso oder Jukebox Jam mit Zapp’n’Duster. Kinderprogramm mit Duo Comiccassa (Beginn 19.45 Uhr).

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