Bühne
Aarau ist das Schweizer Jugend-Broadway

Das erste Schweizer Jugend-Theaterfestival findet ausgerechnet in Aarau statt. Das ist nur logisch, finden die Festivalleiter Gunhild Hamer und Martin Frank. Junges Theater werde hier gefördert und es hat Platz für Neues.

Sabine Kuster
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Die künstlerischen Leiter Gunhild Hamer und Martin Frank während eines Workshops des Jugend-Theaterfestivals in einem Übungslokal an der Schönenwerderstrasse in Aarau. Chris Iseli

Die künstlerischen Leiter Gunhild Hamer und Martin Frank während eines Workshops des Jugend-Theaterfestivals in einem Übungslokal an der Schönenwerderstrasse in Aarau. Chris Iseli

Noch bis zum Montag spielen in Aarau 80 Jugendliche Theater. Sie kommen aus der ganzen Schweiz und Deutschland. Es ist das erste nationale Jugend-Theaterfestival überhaupt. Ausserhalb der Theaterszene fragt man sich: Warum findet es ausgerechnet in Aarau statt? Die az stellte die Frage den beiden künstlerischen Leitern: Gunhild Hamer von der Fachstelle Kulturvermittlung des Kantons Aargau und Martin Frank vom Jungen Schauspiel am Theater Basel. Die beiden kennen sich schon länger, das Festival war ihre Idee.

Frau Hamer, Herr Frank, warum ausgerechnet Aarau?

Martin Frank: Im Aargau findet die erfolgreichste Vermittlung von Theater an ein junges Publikum statt. Der Kanton und der Swisslos-Fonds fördern hier junges Theater stark. Ausserdem liegt Aarau geografisch zentral.
Gunhild Hamer: Und Aarau ist noch nicht so stark mit Festivals besetzt wie andere Städte. Es hat noch Platz für Neues. Für den Kanton ist das Festival eine Chance. Es befruchtet die Szene.

Wächst die Szene überhaupt? Ist Theater nicht zu weit weg von der Lebenswelt der heutigen Jugend?

Hamer: Im Gegenteil. Die Jugendlichen sind interessiert an existenziellen Themen. Im Theater können sie sich damit auseinandersetzen. Das sind ihre Geschichten und sie spielen komplett in der Gegenwart.

Frank: Überall, wo in der Schweiz Jugendtheater professionell gemacht wird, liegt die Auslastung der Säle bei 80 bis 90 Prozent.

Es sind ja auch viele Schulklassen und Freunde darunter.

Frank: Natürlich zieht Jugendtheater erstmal die Freunde an und wir haben viele Schulklassen, die das Festival besuchen. Aber dann entsteht eine echte Szene von Jugendlichen, die Theater interessiert.

Das ist in Aarau schon passiert?

Ja, das ist passiert. Von zehn Theaterpädagogen der Zürcher Hochschule des letzten Jahrgangs sind nun acht im Aargau tätig! Und die Zuschauer kommen. Das Junge Schauspiel Basel zeigte hier am Jugend-Theaterfestival in Aarau «Othello – Who’s the Nigger». Also Shakespeare. Davor haben in Basel schon 4000 Zuschauer das Stück gesehen.
Hamer: Othello funktioniert, weil die Jugendlichen sich das Stück zu eigen gemacht haben und in einen total gegenwärtigen Kontext stellten.

Die Jugendlichen thematisieren sich selbst. Es geht immer um die Jugend im Jugendtheater, oder?

Frank: Nein, nicht immer. Aber es geht immer um jene, die auf der Bühne stehen. Gute Schauspieler thematisieren immer sich selbst – wenn sie sich verstellen würden, wären sie keine guten Schauspieler.

Warum machen die Jungen mit?

Die Jugendlichen merken, dass Theater etwas anderes ist als Fernsehen. Sie schauen wohl gebannt Filme, aber die ändern in ihrem Leben nichts. Wenn Jugendliche hingegen zusammen eine Szene spielen, merken sie, dass sie jetzt am Steuer stehen. Der andere reagiert und was sie sagen, bewirkt etwas. Auch das Publikum interagiert mit ihnen.

Ich verstehe: Auf der Bühne stehen tut den Jugendlichen gut. Ist Jugendtheater ein Selbstzweck?

Entschuldigen Sie, wir dürfen nicht auf die runterschauen! Ich behaupte, alle, die am Donnerstag «Frühlingserwachen» gesehen haben, würden sich das Stück noch einmal anschauen. Auch ohne ihre Lehrer. Die Jugendlichen fragen schon oft zuerst: Was bringt mir das? Aber nur, bis sie zum ersten Mal im Theater drin waren.

Die Jugendlichen sind sich das Veröffentlichen von dem, was sie sagen, von Facebook gewöhnt. Dagegen sind die vier Wände eines Theaters schon fast privat.

Hamer: Die Likes auf Facebook sind nur virtuell. Gerade im Medienzeitalter ist das Live-Erlebnis wichtig. Das Bedürfnis nach Live-Begegnung wird je länger je wichtiger.

Merken Sie, dass sich die Jugendlichen Live-Erlebnisse weniger gewöhnt sind?

Frank: Ja. Am Donnerstagabend bei «Frühlingserwachen» gab es eine Szene, wo zwei homosexuelle Jungs aufeinander zustürzen. Da sagte ein Mädchen in der dritten Reihe in die Stille hinein: «Mein Gooott!» Oder bei «Sagt Lila»: Da gab es nach dem Stück eine zum Teil sehr philosophische Diskussion. Ganz am Ende fragt eine zirka
17-Jährige: «Ist Lila tot?» Die Frage hat sie nach einer halben Stunde Diskussion noch so beschäftigt! Man kann sich der Unmittelbarkeit des Theaters nicht entziehen. Leute scheitern vor uns auf der Bühne, Leute werden zum Helden. Das ist reinigend für unsere Seele. Jugendliche gehen ins Theater, wenn sie mal angedockt haben. Natürlich schauen sie nach der Vorstellung als Erstes auf ihr Handy. Aber das ist nur die Sucht nach etwas, was nie befriedigt wird.

Was befriedigt das Handy nicht?

Frank: Aus dem Gerät kommen keine Menschen raus. Es ist bloss das Versprechen von Nähe. Im Theater, wenn es gut gemacht ist, gelingt Nähe.

Warum muss Theater trotzdem immer ums Überleben kämpfen?

Frank: Gestern hat ein Sponsor das Gegenteil gesagt. Er sagte: Wir sind uns doch beide einig, dass das Theater überlebt, auch wenn der Geldhahn zugedreht wird. Ich sagte: Ja.
Hamer: Das Volks-Theater boomt wie nie zuvor. Problematisch ist es in den Stadttheatern, wenn dort eine Form von Theater gezeigt wird, die mit dem Publikum relativ wenig zu tun hat. Theater muss in der Gegenwart bleiben. Dann geht es weiter.
Frank: Ich habe oft das Gefühl, ich müsse etwas Sterbendes rechtfertigen. Die Zeitungen können es schreiben, so oft sie wollen, aber es ist nicht so. Die Ränge sind voll.

Der Verdacht des Theatersterbens kommt daher: Kann die Generation von heute, die sich viel Ablenkung gewöhnt ist, still sitzen, ohne sich zu langweilen?

Hamer: Die Jugendlichen können. Eben, weil es mit ihnen zu tun hat. Weil es sie berührt. Dann vergessen sie die Zeit. Finden in dieser Stunde etwas, wonach sie vielleicht den ganzen Tag gesucht haben.
Frank: Wie gestern: Zwei Jugendliche reden auf der Bühne und 230 im Saal sind komplett still, still, still, still.