Stadtkirche Aarau
Stefan Blumer: «Ich war so mit Haut und Haar Pfarrer, dass es mich privat eigentlich nicht gibt»

37 Jahre lang war er «Herr Pfarrer», zuletzt in der Stadtkirche Aarau. Jetzt freut sich Stefan Blumer darauf, wieder Privatperson zu werden – und nicht mehr geschont zu werden. Der leidenschaftliche Fussballer kann es kaum erwarten, gefoult und angeflucht zu werden.

Katja Schlegel
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Stefan Blumer geht Ende September in Pension.

Stefan Blumer geht Ende September in Pension.

Alex Spichale / AAR

Auf Grätschen und Schwalben. Auf hemmungsloses Streiten und ausufernde Bandproben, darauf freut sich Stefan Blumer. Auf den Moment, in dem er nicht mehr geschont wird, seinem Amt wegen. Lange dauert das nicht mehr: Ende September wird der Basler, seit 2015 Pfarrer der Stadtkirche, pensioniert. Nach fünf Jahren in einem Spezialpfarramt im Bereich Jugend in Basel, arbeitete er insgesamt 32 Jahre lang als Gemeindepfarrer auf Kirchberg (Küttigen und Biberstein), in Baden und zuletzt in Aarau.

Foulen, fluchen, rocken; das tönt nicht nach Pfarrer. Aber Stefan Blumer ist eben auch leidenschaftlicher Fussballer und begeisterter Musiker; in Aarau hat sich sein Traum einer eigenen Band – die «Adelbändli Old Jazzers» – endlich erfüllt. Aber eben. «Als Pfarrer wird man immer geschont, hat immer eine etwas andere Rolle», sagt er. Keiner rennt den Pfarrer auf dem Spielfeld absichtlich über den Haufen, keiner pfurrt ihn hemmungslos an. Blumer grinst, er für sich kennt diese göttliche Handbremse nicht. «Die staunen, dass der Pfarrer foulen und austeilen kann.»

Für die Grossmutter war es die logische Konsequenz

Dass Stefan Blumer Pfarrer wurde, dazu gibt es zwei Geschichten: Seine Grossmutter habe zeitlebens erzählt, er habe schon als Bub immer in den Himmel geschaut. Für sie war seine Berufswahl somit logische Konsequenz.

Er selbst sagt, es sei die Auseinandersetzung mit den Menschen, das Unterstützen in der Not, das ihn seit jeher fasziniert. Und an der Kirche deren Netz, ihr Generationenverzahnendes:

«Diese Konzentration an Leben, diese Echtheit, über alle Generationen hinweg. Die Kirche ist der vielleicht letzte Ort der Gemeinschaft. Hier begegnen sich Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Schichten, Menschen jeden Alters.»

Das Solidarische und Vielfältige dieser Gemeinschaft sei auch das gewesen, was er die Konfirmanden, mit deren Betreuung er schwerpunktmässig zuständig war, erleben lassen wollte. Und er wollte sie ermutigen, zu hinterfragen und kritisieren, sich zu wehren.

Blumer kritisiert ganz unverblümt

Nur wenige erfahren das Leben so nah, so echt, so umspannend wie Pfarrpersonen. Trotzdem hängt vieles vom Menschen ab, von der Nahbarkeit, die er zulässt. Stefan Blumer wollte ein persönlicher Pfarrer sein, hat viel und oft zugehört, jederzeit und so lange wie nötig, nie halbherzig. Das bereichert, das berührt, das macht betroffen – «und macht uns erst zu Mitmenschen». Aber: Es belastet auch. Etwas, das er jetzt, da das Ende absehbar ist, deutlich spürt. «Ich war so mit Haut und Haar Pfarrer, dass es mich privat eigentlich nicht gibt.»

Leben für die Gemeinde; ein Umstand, der so alt ist wie die Seelsorge. Und doch sagt Blumer, dass der Pfarrberuf in den letzten Jahren intensiver geworden sei: «Früher lagen die Lebenswelten im Dorf nah beieinander, da war sich alles ähnlich: die Menschen, ihre Lebensgeschichten. Heute sind die Lebenswelten fragmentiert und hochkomplex.»

Das mache nicht nur die Seelsorge aufwendiger, sondern vor allem das Organisatorische. Extern wie intern. Blumer kritisiert ganz offen die Flut an Formalitäten, die vielen Sitzungen, die überbordende Strukturierung, das Überwälzen von gebietsfremden Aufgaben; Flyer gestalten, zum Beispiel. Das koste ihn eine Kraft, die er zunehmend nicht mehr bereit sei, aufzubringen. «Wenn man einen Pfarrer die Arbeitszeit aufschreiben lässt, geht etwas verloren. Dann verkommt der Beruf zu etwas Geistlosem.»

Zufrieden mit Vergangenem, glücklich über Neues

Jetzt also legt Stefan Blumer sein Amt ab, zieht mit seiner Frau Maya Graf aus der Pfarrwohnung im Adelbändli aus. Zufrieden mit dem Vergangenen, aber glücklich, dass nun nach 37 Jahren etwas Neues kommt. «Jetzt kann ich endlich ich sein», sagt er. Was er tun möchte – nebst Fussballspielen, Musikmachen, Lesen und sich mehr Zeit für sich, die beiden Grosskinder, seine Familie und nahen Freunde zu nehmen – ist Schweigen. Und Schreiben. «Ich möchte nicht trösten, nicht erklären, nicht motivieren, nicht werten, nicht gewichten. Sondern einfach nur beschreiben, das Leben schildern, um so den riesigen Reichtum an Lebensgeschichten zu verarbeiten. Mit genügend Zeit. Und auch ganz allein für mich.»

Hinweis

Abschiedsgottesdienst von Stefan Blumer am Sonntag, 22. August, 10 Uhr, in der Stadtkirche Aarau. Mit Johannes Fankhauser (Orgel), Georges Müller (Saxophon, Klarinette) und Dieter Wagner (Kantor).

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