Region Aarau

72 Ateliers geöffnet: So entsteht in Aarau und Umgebung Kunst

Am Samstag konnte man 72 Kunstschaffenden in der Region Aarau über die Schultern blicken. Sie öffneten zum dritten Mal nach 2007 und 2010 ihre Ateliers für das Publikum. Ein Besuch in zwei Werkstätten.

Enkel Tinguelys und Grossnichten von Niki de Saint Phalle? In Aarau und Umgebung wird nicht «nur» gemalt. Da entstehen auch skurrile, verspielte Objekte; es wird mit Bienenwachs und Blattgold experimentiert, Holzbildhauer wirken ebenso wie Keramikerinnen und Fotografen.

Viele Kunstschaffende der Region führen ihr Atelier in eigentlichen Kulturzentren unter Ihresgleichen. Die Alte Bürsti in Oberentfelden ist eines, aber auch das Ballyareal in Schönenwerd oder das Rüetschi-Haus in Suhr. Dort hat sich die Lenzburger Künstlerin Francisca Ingold-Wildi eingemietet. So liebevoll!», sagt eine Besucherin bewundernd zu deren vielfältigen Werken. «Das Kind im Menschen ist bei mir ausgeprägt noch an Leben», sagt Francisca Ingold. Die Grafikerin und Absolventin der Kunstgewerbeschule hat ihr Atelier seit 1997 in Suhr. Auf den Musenkuss müsse sie nicht warten, sagt sie: «Die Ideen lachen mich an, liegen auf dem Tisch, in einem Stück Holz.» Da sieht sie eine Löwenmähne. Nein, Holzbildhauerin ist sie nicht. Vielmehr interpretiert sie die vorliegende Form.

Eine Frau sucht ein grosses Bild für ihr Wohnzimmer. Eine abstrakte Farb- und Formkomposition mit Teilen, die sich in die dritte Dimension erheben, lacht sie an. «Man kann ein Bild auch mal zur Probe zu Hause aufhängen», bietet die Künstlerin der potenziellen Kundin an. Und weist auf die kommenden Ausstellungen hin.

Auf dem Tisch liegen Kleinmaterialien aller Art: Stoffreste, Teile eines handgeschriebenen Briefes, alte Socken der Kinder. Eine Fundgrube für die Collage auf einem Holzbrett, an der sie gerade arbeitet. Neben den grossformatigen Ölbildern hängen Holzobjekte an der Wand, Paare und Einzelstücke. Ingold arbeitet parallel in verschiedenen Bereichen und Themen. Wie Kinderzeichnungen – lebendig, ausdrucksstark – kommen ihre jüngsten kolorierten Zeichnungen daher. «Ich beginne irgendwo und lassen das Bild entstehen, intuitiv, additiv», sagt sie. Aus dem Bild entspringt dann der Name: «Kaffeebohnen Special».

«Sternesiech» mit Propeller

In der Alten Bürsti in Oberentfelden, im 5. Stock mit Bergsicht, arbeitet Michael Stampf. Der gelernte Buchhändler aus Tschechien war als Hilfsarbeiter in der Bürsti angestellt und arbeitet nun im Spital. Er ist Autodidakt. Seine Palette umfasst skurrile, aberwitzige Skulpturen, Miniaturen und Bilder im Grossformat. So hat Stampf das eidgenössische Fluchwort «Sternesiech» beim Wort genommen uns als verspielte Skulptur gebaut. Mit Propeller. Einige seiner kinetischen Skulpturen treibt die Sonne an.

Humor spricht aus seinen Werken. Schwarzer Humor, Galgenhumor. So im Bild, das einen Blinden zeigt, der einerseits eine Schnecke, anderseits einen Hasen an der Leine hält. Magischer Realismus? Surrealismus? Manchmal grüsst René Magritte. «Aber der Blinde lacht!», so Stampf schmunzelnd.

«Man muss fleissig sein», sagt der Mann, der nebst der Kunst einen 100-Prozent-Job hat. Kein Fernsehen, Wochenendarbeit. «Ich habe eine gnädige Frau.» Tiere bevölkern viele Bilder, so auch jenes, das im Büro des Spitaldirektors hängt: Interview mit Hunden. «Tiere sind die besseren Menschen», sagt er. Michael Stampf verarbeitet Material, das andere nicht mehr brauchen können. Kollegen wissen von seinem Interesse. So dient ihm eine geschwungene Tischplatte als Bilduntergrund. Parabeln, versponnene Geschichten und schräge Figuren. Und dann schnitzt Michael Stampf noch Marionetten und Tabakpfeifen.

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