Aarau
71-Jähriger überlebte Herzflimmern, weil es in der KSA-Cafeteria passierte

Anton Thommen überlebte in der Cafeteria des Aarauer Kantonsspitals ein Unwetter aus heiterem Himmel. Der 71-Jährige entging nach einem Herzkammerflimmern knapp dem Tod. Seither schmecke das Leben anders, sagt er.

Sabine Kuster
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Auf diesem Stuhl passierte es: Anton Thommen mit seiner Frau Gertrud vor der Aarauer Spital-Cafeteria.

Auf diesem Stuhl passierte es: Anton Thommen mit seiner Frau Gertrud vor der Aarauer Spital-Cafeteria.

Sabine Kuster

Das Unwetter hatte sich angekündigt: Die dunklen Wolken zogen von Westen immer näher und entleerten sich in einem Regen-Hagel-Gemisch just dann, als Anton Thommen und seine Frau Gertrud mit ihrem Auto auf das Gelände des Kantonsspitals einbogen.

Thommen ist darauf vorbereitet: Er steigt aus dem Auto und spannt einen grossen Schirm auf. Dann geht er zu dem Ort zurück, wo ihn vor einem Monat ein anderes Ereignis traf. Es kam aus heiterem Himmel. Er merkte es nicht einmal richtig, als ihm das Leben langsam entglitt.

Es war der 24. April, 11 Uhr, als sich Anton Thommen, freiwilliger Rotkreuz-Fahrer seit einem halben Jahr, auf einen der Aluminium-Stühle auf der Terrasse der Cafeteria im Kantonsspital Aarau setzte. Er hatte soeben eine Frau im Rollstuhl und ihren Ehemann zur Behandlung ins Spital gebracht. Hier auf dem Stuhl wollte er Zeitung lesen und warten, bis sie wiederkämen.

Dann wurde es grau vor seinen Augen. «Wie eine Wolke», sagt Thommen. Das Gewitter aber war mitten in seinem Körper: das Herz zitterte, schlug nicht mehr richtig, akutes Kammerflimmern. In der Regel überlebt das ein Patient nicht, oder er trägt Schädigungen am Gehirn davon. Nach zehn Minuten ohne Hilfe ist die Überlebenschance praktisch null. Sowieso, wenn kein Defibrillator in der Nähe ist.

Thommen hatte Glück. Pures Glück, dass sein Herz gerade im Moment, als er sich auf den Stuhl der Spital-Cafeteria setzte, aus dem Takt geriet. Einen Moment später, als die grauen Wolken sich kurz verzogen, sah er auf einmal weiss: Weisse Hosen und Kittel, die um ihn standen. Er merkte noch halb, wie ihn jemand auf den Steinboden legte, dann verlor er erneut das Bewusstsein.

«Wenn es schon nur im Park des Spitals geschehen wäre, wo mich nicht sofort jemand gesehen hätte, wäre alles zu spät gewesen», sagt Thommen. «Keine Chance», sagt seine Frau.

Fürs Foto setzt sich der Rotkreuzfahrer noch einmal auf den Stuhl. Das Lachen für die Kamera fällt ihm leicht. Noch glücklicher wirkt seine Frau daneben. Sie erreichte der Anruf des Spitals um 12.20 Uhr, zu Hause in Staufen. Sie nahm den nächsten Bus 12:48 zum Bahnhof, hoffte, dass es nicht so schlimm sei, wie es tönte. Im Spital setzte sie sich in ein Wartezimmer, hörte, wie der Arzt ihr sagte, ihr Mann kämpfe um sein Leben. Sie rief die Tochter an, erreichte sie nicht, versuchte Zeitung zu lesen, es gelang nicht.

Nachdem jemand Thommen schon auf der Terrasse das Herz massiert hatte, mussten die Ärzte auf dem Notfall den Patienten noch zweimal mit dem Defibrillator zurück ins Leben holen. Danach setzten sie Thommen drei Stent, Gefässstützen, um die Herzkranzgefässe zu erweitern.

Es war 16 Uhr, als ein Arzt zu Gertrud Thommen trat und endlich sagte: «Es ist überstanden.» Ihr Mann musste noch fast zwei Wochen im Spital bleiben, doch er konnte klar denken – seine Helfer hatten so schnell reagiert, dass sein Hirn immer genug Sauerstoff hatte.

Jetzt, einen Monat später, erinnern ihn nur drei Dinge noch daran, wie viel Glück er hatte: Die schmerzenden drei Rippen, gebrochen bei der Herzmassage, Müdigkeit, und dass das Leben anders schmeckt als vorher: süsser.

Die Rippenschmerzen, sagt er, seien dazu da, dass er nicht zu übermütig werde, und sie seien ein Andenken, dass alle im Spital vollen Einsatz gezeigt hätten. «Bis zur Pflegefachfrau in Ausbildung», sagt Thommen. Er hat der «Schweiz am Sonntag» seine Geschichte erzählt, weil er sich auf diesem Weg beim Spital bedanken will, dass sie sein Leben gerettet haben. Und als Rotkreuzfahrer will der pensionierte Chauffeur des Regionalbusses Lenzburg RBL weiterfahren. «Nach diesem Ereignis erst recht», sagt er.