Suhr
68-Jähriger bei Polizeieinsatz erschossen – Anwohnerin: «Er sagte zum Polizisten, er werde ihn umbringen»

Mit fünf Schüssen tötete ein Polizist in einer Wohnsiedlung am Montagabend in Suhr einen 68-jährigen Mann. Die Anwohner sind erschüttert.

Stefania Telesca
Drucken
Teilen

Mit Metalldetektoren sucht die Forensik die grünen Wiesen und die Gebüsche rund um den Tatort ab. Ein grosser dunkelroter Blutfleck am Boden zeugt davon, was nur wenige Stunden zuvor hier inmitten einer Familiensiedlung im Helgenfeldquartier in Suhr passiert war. Ein Polizist der Kantonspolizei Aargau erschoss am späten Montagabend einen 68-jährigen Mann, der nur wenige Meter weit entfernt wohnte.

Der Rentner sei zuvor mit einem Messer auf den Polizisten losgegangen. «Er war ausser sich und schrie laut herum», schildert eine Anwohnerin die Szene. Zuvor habe er – vermutlich zu seiner Partnerin – gesagt: «Das ist alles deine Schuld.» Vom Fenster aus hatte die Anwohnerin alles mitbekommen: «Er sagte zum Polizisten, er werde ihn umbringen.» Danach hätten sich die Beteiligten aus ihrem Sichtfeld entfernt und die Schüsse seien gefallen. Sie habe in diesem Moment nicht gewusst, wer auf wen geschossen hatte.

Von der anderen Seite der Wohnung aus beobachtete sie später, wie der Mann durch die Polizeibeamten und durch das Team der ausgerückten Ambulanz reanimiert wurde. Doch jede Hilfe kam zu spät, der 68-Jährige verstarb noch auf der Stelle.

Einsatzkräfte der Polizei am Montagabend in Suhr.
5 Bilder
Der Morgen danach: Forensiker der Kantonspolizei suchen Büsche und Wiesen ab
Ein grosser dunkelroter Blutfleck am Boden zeugt davon, was nur wenige Stunden zuvor hier inmitten einer Familiensiedlung im Helgenfeldquartier in Suhr passiert war.

Einsatzkräfte der Polizei am Montagabend in Suhr.

BRK News

Der Polizist drückte fünf Mal ab

Es seien viele Schüsse gefallen, mindestens fünf, wie eine weitere Anwohnerin schildert. Die Staatsanwaltschaft bestätigte diese Zahl. Beim Fernsehschauen habe die Anwohnerin gegen 22.30 Uhr plötzlich das laute Knallen gehört. «Zuerst dachte ich an Feuerwerkskörper.» Dann habe sie sich nach draussen auf ihren Sitzplatz begeben und verstanden, dass etwas Schreckliches passiert sein musste: «Ich sah viele Polizisten und hörte lautes Geschrei.»

Nur wenige Meter von ihrem Balkon entfernt habe die Polizei die Partnerin des erschossenen Mannes abgeführt. «Sie schrie: Lebt er noch? Lebt er überhaupt noch?» Die Polizei sei sehr ruppig mit der Frau umgegangen. «Sie sagte noch, dass sie zurück in ihre Wohnung müsse, um die Medikamente zu holen. Und sie sagte, dass sie zu ihren Katzen muss.» Am Dienstagmorgen war die Partnerin des getöteten Mannes bereits wieder in ihrem Zuhause.

Die Anwohner sind schockiert

Der Schock bei den Anwohnern sitzt tief: «Es beschäftigt mich. Dies ist sehr ein idyllischer und ruhiger Wohnort. Man kennt und grüsst sich», sagt die Frau, die vom Sitzplatz aus das Geschehene beobachtet hatte. Auch sie habe den erschossenen Mann gekannt: «Er war immer sehr freundlich zu mir.»

Gegen 22.15 Uhr war bei der Kantonspolizei Aargau eine Meldung eingegangen, wonach der Mann bewaffnet sei und mit dem Suizid drohe. Die Anwohner sind erschüttert, man kann noch gar nicht so recht glauben, dass der 68-Jährige tot ist. Er war in der Siedlung bekannt. «Hast du gehört, was passiert ist?», sagt eine Frau auf Italienisch zu einem Anwohner, als dieser in der Morgensonne mit seinem Hund spazieren geht.

«Was müssen wir in diesem Jahr noch alles ertragen?», sagt eine andere Anwohnerin, die im Quartier wohnt. Sie und ihr Mann hätten die Schussabgabe nicht gehört. Erst am Morgen habe sie durch ihre Tochter erfahren, was wenige Meter vor ihrer Haustür passiert war. «Wir sind schockiert. Es ist für alle Beteiligten tragisch, dass jemand auf diese Weise das Leben lassen musste. Aber wir wissen ja nicht, was zuvor passiert ist.» Sie hätten das Paar auch schon gesehen, aber nicht persönlich gekannt. Das Geschehene gibt ihr zu Denken. «Ich laufe jeden Tag durch die Siedlung. Normalerweise, wenn man solche Geschichten in den Nachrichten hört, ist es ganz weit weg.»

Die Staatsanwaltschaft sucht Zeugen

Die Auseinandersetzung und die Schussabgabe haben sich inmitten von mindestens fünf Wohnblöcken – allesamt mit Balkonen – abgespielt. Viele Anwohner dürften die brutalen Szenen aus nächster Nähe mitbekommen haben. Die Staatsanwaltschaft sucht nun Zeugen: Wer Angaben zur polizeilichen Schussabgabe machen kann, wird gebeten, sich bei der Luzerner Polizei unter der Nummer 041 248 81 17 zu melden. Die Ermittlungen werden durch sie geführt.

Die Forensische Arbeit in der Siedlung dauerte fast den ganzen Morgen. Die Kriminaltechnischen Arbeiten wurden dem forensischen Institut Zürich übertragen. Wonach das Team genau suchte, konnte die Staatsanwaltschaft Aargau aufgrund des Untersuchungsgeheimnisses auf Anfrage nicht beantworten. Das Messer, mit dem der Mann dem Polizisten gedroht hatte, konnte jedoch bereits sichergestellt werden.

Bei einer polizeilichen Schussabgabe wird von Amtes wegen geprüft, ob diese verhältnismässig war. Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau hat gegen den Kantonspolizisten, der von der Dienstwaffe Gebrauch gemacht hat, ein Verfahren wegen vorsätzlicher Tötung eröffnet.