An seinem ersten Schultag musste Werner Bertschi sich mit dem Platz ganz unten am Tisch im Lehrerzimmer begnügen. Er, der Neue. Mit 20 Lenzen nur vier Jahre älter als seine Schüler, aber immerhin schon nach dem Stimmbruch und mit glattrasiertem Kinn. Den Vollbart und die langen Haare hatte er sich gestutzt, so ginge das nicht, hatte der Rektor ihn zuvor gemahnt. Von einem Tag auf den andern war aus dem Mittelschüler ein Lehrer mit Vorbildfunktion geworden.

So war das im Frühling 1977. Dem Jahr, in dem die deutsche terroristische Vereinigung RAF mit ihren Anschlägen die Welt in Atem hielt, die Schweiz nichts lieber hörte als Smokie mit «Living next door to Alice» und kein Mensch über Themen wie Jugendverschuldung oder Reizüberflutung durch digitale Medien sprach.

Und es war das Jahr, in dem es viel zu viele Lehrer gab. So viele, dass Werner Bertschi sich erst an Privatschulen bewarb, bevor er sich in Aarau traute. Schliesslich musste er hier eine Probelektion halten, an einem Samstagmorgen. Thema: Geruchssinn. Zeit: 30 Minuten. Da stand er nun, vor sich eine Schulklasse, dahinter wie die Hühner auf der Stange Schulpflege und Stadtrat. In corpore. Nach 30 Minuten schnitt ihm der Rektor das Wort ab und tippte auf das Zifferblatt seiner Armbanduhr, mitten im Satz. Werner Bertschi bekam die Stelle. Heuer feiert er sein 40-Jahr-Jubiläum am Oberstufenschulhaus Aarau, kurz OSA.

Schulreisli mit dem Jumbojet

40 Jahre Lehrer. Und 40 Jahre an der gleichen Schule, das ist schon aussergewöhnlich. Zumindest für Aussenstehende. Werner Bertschi empfindet das nicht so, ihm ist die Aufmerksamkeit im ersten Moment nicht ganz recht. Und doch, beim Hintersinnen und Zurückdenken entdeckt Bertschi das Aussergewöhnliche dann doch wieder. Erinnerungsstück für Erinnerungsstück. Die Schulreise 1988 beispielsweise. Ein Flug Kloten–Genf retour im Jumbojet statt einer Schifffahrt auf dem Hallwilersee, 50 Franken habe das damals pro Kind gekostet, man stelle sich das heute einmal vor, sagt Bertschi und lacht. Oder die drei Monate auf dem Zeltplatz im Loire-Tal, die junge Familie Bertschi in einem Zelt, weil Vater Werner, damals knapp 30, für die Weiterbildung zum Seklehrer zwei Semester an einer französischsprachigen Uni absolvieren musste.

Acht Jahre lang war Werner Bertschi Realschullehrer, seit 32 Jahren ist er Seklehrer. «Es ist die Stufe, die mir am besten gefällt», sagt er. Hier ist er Zehnkämpfer, Generalist. Acht Fächer unterrichtet er; Mathe, Geschichte, Geografie, Englisch, Deutsch, Bio, Bildnerisches Gestalten und Sport – auch mit 61 Jahren. Fühlte er sich vor 40 Jahren oft noch zu jung für seine Aufgabe, der Sache nicht gewachsen, so hat er sich bis heute doch nie zu alt gefühlt. «Man muss bloss rechtzeitig merken, dass man älter wird. Dass man der Grossvater dieser Jugendlichen sein könnte. Wenn man sich wie ein Spätpubertierender verhält, hat man verloren. Man muss die Grösse haben, sich von den Jungen etwas beibringen zu lassen.»

Und damals? «Ich habe mir die Sporen abverdienen müssen.» Harte erste Jahre waren es. Jahre des Kräftemessens, in denen er oft auf die Unterstützung von Rektor und Kollegen angewiesen war. «Ich durfte aber auch Fehler machen. Das hat mich viel gelehrt.» Sowieso, ausgelernt habe er all die Jahre nie. Unzählige Male habe er seine Methoden über den Haufen werfen müssen, nicht zuletzt seine eigenen drei Kinder hätten ihn viel gelehrt. «Ich habe heute mehr Verständnis für die Schulkinder als früher.»

Sein oberstes Ziel sei immer gewesen, die Schülerinnen und Schüler da abzuholen, wo sie sind, ihnen aufzuzeigen, was sie können. «Nicht bloss Wissen in sie hineinstopfen, sondern möglichst viel aus ihnen herausholen», erklärt er es. «Denn Stärken haben sie alle.» Um diese Fähigkeiten zu fördern, den Wissensdurst zu stillen, lässt Bertschi auch mal fünfe gerade sein und die Römer links liegen. «Wenn sich Schüler freiwillig einem Thema widmen, sich mit Begeisterung reinknien, dann ist das das Grösste.» Dann kommen die Römer eben später dran.

Nur ein müdes Lachen übrig

Der Begeisterung für den Lehrerberuf zum Trotz; es gab sie, die Momente, in denen Werner Bertschi den Bettel hinschmeissen wollte. «So, wie es allen geht, in allen Berufen.» Verschiedentlich hatte er sich beworben, für ganz artfremde Stellen, und doch nie Ernst gemacht. «Nie war das Angebot so verlockend, dass ich das hier hätte aufgeben wollen. Ich habe hier enorm viele Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten. Das schätze ich unglaublich.»

Diese Begeisterung verleitet. Aber da sei zum Glück sein Umfeld, Frau und Kinder, die ihn am Schlafittchen packen, wenn er sich in der Arbeit zu verlieren droht. «Denn das kann man, man könnte jeden Tag bis Mitternacht arbeiten.» Über Witze betreffend Lehrer und Ferien kann er deshalb auch nicht lachen. Diese Sorte Vorurteil mag er nicht, genauso wenig wie Mitleid. «Lehrer zu sein, ist heute nicht schwieriger als früher. Früher war man eher der Willkür von jemandem schutzlos ausgeliefert. Ein falsches Wort und man sass in der Patsche.» Heute sei alles professioneller, mit geklärter Hierarchie und besserer Transparenz. «Eine respektvolle Kommunikation ist Gold wert.»

Manchmal muss Werner Bertschi raus. An die frische Luft. Er ist der «Mister Lager» an der OSA, seit er Schule gibt, leitet er auch Lager; Velolager, Bergwaldprojektlager, Velolager, Wanderlager, Wintersportlager. Diesen Frühling reist er zum 17. Mal ins Schneesportcamp. Mit 20 bis 40 Jugendlichen und einem Leiterteam macht er geführte Ski- und Snowboardtouren auf drei, vier Gipfel, wohnt mit ihnen abgeschieden mitten in der überwältigenden Bergwelt, in einfachsten Verhältnissen. «Der Erlebniswert ist grandios. Den Jugendlichen diese Eindrücke mitgeben zu können, das macht mich glücklich. Das sind Eindrücke, die sie ein Leben lang nicht mehr vergessen.»