Jede vierte Person in der Schweiz ist schon einmal betrieben worden. Das zeigt eine neue Umfrage des Informationsdienstes Comparis. Das rächt sich spätestens dann, wenn man seine Kreditwürdigkeit unter Beweis stellen muss – etwa bei der Wohnungssuche. Denn jeder Vermieter verlangt einen Betreibungsregisterauszug. Und dort drin sind die Betreibungen der letzten fünf Jahre ersichtlich.

Das musste auch Goran (Name geändert) merken. Sein Betreibungsregisterauszug wies allerdings nicht nur ein oder zwei Einträge auf. Sondern 38 gegen ihn laufende Betreibungen sowie 23 offene Verlustscheine per Dezember 2016. Insgesamt hatte der Bosnier zu diesem Zeitpunkt über 100'000 Franken Schulden. Grosse Posten machen die Krankenkasse, Alimentenbevorschussung und die Steuern aus. So stand er alleine beim Finanzamt einer Gemeinde in der Aarauer Agglo mit 16'000 Franken in der Kreide.

Kein Wunder also, dass Goran Mühe hatte bei der Wohnungssuche. Zumal er zu jener Zeit keinen festen Job hatte und seine unregelmässigen, temporären Einsätze nur etwa 3500 Franken netto pro Monat einbrachten. Nach einigen Absagen kam Goran deshalb auf eine Idee: Er manipulierte seinen Betreibungsregisterauszug mithilfe eines Fotokopierers so, dass er aussah, als hätte es keine Einträge mehr.

Doch das flog auf. Und führte dazu, dass Goran vor dem Bezirksgericht Aarau antraben musste. Die Vorwürfe: versuchter Betrug und Urkundenfälschung. Damit nicht genug: Bei einer Verurteilung drohte der Vollzug zweier bislang aufgeschobener Strafen. Eine Geldstrafe wegen Nichtabgabe des Ausweises und – weitaus gravierender – eine Haftstrafe wegen eines Vermögensdelikts, wovon Goran neun Monate abgesessen hat, weitere neun wurden zur Bewährung ausgesetzt.

Goran kam ohne Anwalt zum Gerichtstermin. Er ist nicht gross, aber bullig, seine Haare so lange wie sein Dreitagebart, seine Haut blass, sein Deutsch akzentfrei. Der Mittvierziger hat nach gescheiterter Selbstständigkeit und einer Phase, in der sich Temporärjobs und Arbeitslosigkeit abwechselten, seit wenigen Wochen wieder eine feste Stelle. Man sei zufrieden mit ihm, beteuerte er.

Auf Nachfrage von Gerichtspräsidentin Patricia Berger, ob sich alles so zugetragen habe, wie es in der Anklageschrift stehe, bestritt Goran den Sachverhalt nicht. «Ich habe keinen anderen Ausweg gesehen», sagte er mehrfach. Bei seiner Scheidung habe er alles verloren, erklärt der zweifache Vater. Er habe noch eine Zeit lang im Elternhaus gelebt, bis dieses verkauft wurde, weil die Eltern ins Heimatland zurückgekehrt seien. Danach sei er – aufgrund der vergeblichen Wohnungssuche – mal bei Freunden untergekommen, mal in Hotels. Doch Letztere konnte er sich «finanziell nicht mehr leisten». Auf dem Sozialamt sei er gewesen, erzählte Goran: «Ich wollte keine Sozialhilfe, aber ich habe gehofft, man könne mir eine Notwohnung vermitteln.» Man habe ihm auf die Schnelle aber nicht helfen können.

Weil Goran zu dieser Zeit öfter Temporärstellen im Freiamt hatte, bewarb er sich schliesslich dort um eine Wohnung, die rund 1200 Franken kostete. Doch Goran hatte sich mit dem gezinkten Betreibungsregisterauszug beworben − und prompt wurde der Schwindel entdeckt. «Haben Sie gewusst, dass Sie noch auf Bewährung sind?», fragte die Gerichtspräsidentin. «Ich war so im Scheissdreck drin, dass ich das nicht vor Augen hatte. Man überlegt in der Situation nicht, dass jemand zu Schaden kommen könnte.» – «Was würde es für Sie bedeuten, wenn Sie wieder ins Gefängnis müssten?» Goran schwieg. Blickte zum Fenster. Biss sich auf die Lippen. «Ich weiss es nicht», sagte er schliesslich. Seine Zukunft? Er habe jetzt erstmals seit Jahren wieder eine Festanstellung. Eine Wohnung mit der Lebenspartnerin. Er sei daran, seine Schulden abzuzahlen, der Lohn wird gepfändet. Er wolle einfach die Gewissheit haben, dass er jeden Tag arbeiten gehen könne und dass Ende Monat ein bestimmter Betrag auf seinem Konto liege, sagte er.

Doch vorerst wandert Goran nochmals hinter schwedische Gardinen: «Sie haben mit Wissen und Willen gehandelt», sagte Patricia Berger in der Urteilsverkündung. Es sei davon auszugehen, dass er den Mietzins nicht hätte zahlen können – oder wollen –, dadurch habe eine Vermögensgefährdung für den Vermieter bestanden.

Die Gerichtspräsidentin verurteilte Goran zu einer Gesamtstrafe von 90 Tagessätzen à 30 Franken (2700 Franken). Ausserdem wird die Bewährung zu seiner früheren Haftstrafe widerrufen. Das heisst: Goran muss die verbliebenen neun Monate absitzen.