Küttigen
30 Jahre lang Coiffeusen unterrichtet: Sie hat jeden Trend doppelt erlebt

Die Küttigerin Beatrice Lienhard bildete 30 Jahre lang Coiffeusen aus – manchmal auch im Kunsthaus. Der "Schweiz am Wochenende" verrät sie, zu welcher Frisur ihr der Mut fehlt.

Katja Schlegel
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Beatrice Lienhard
5 Bilder
 Eine Schülerin fertigt Skizzen an.
 Lienhard im Unterricht.
 Kunst inspieriert Lienhard.
 Lernen am Modell: Lienhard legt ihre Lehrtätigkeit bald nieder.

Beatrice Lienhard

Katja Schlegel

Waschen, legen und so viel Volumen wie nur irgend möglich. So wollten es alle, egal ob Teenager oder Grossmutter. Man trug Naturtöne von Blond bis Schwarz. Keine grellen Farben, keine Nuancen, allerhöchstens Strähnchen, «coup soleil». So war das in den Siebzigerjahren. Und Beatrice Lienhard liebte diesen Beruf. Sie liebte ihn sogar so sehr, dass sie sich damals dazu entschloss, Coiffeusen und Coiffeuren zu unterrichten, um ihnen ihr Feuer weiterzugeben. 30 Jahre lang war die Küttigerin an der Berufsschule Aarau tätig, kurz bsa, hat ganze Generationen Berufsleute begleitet.

Dauerwelle, Toupet, Vokuhila, Bob, Schnittlauchhaare, Lockenmähne – Beatrice Lienhard (61) hat alles erlebt. Jeden Trend hat sie gesehen, meistens doppelt, mit 20 Jahren Unterbruch. Ein Beispiel? Der Bart. Zwischenzeitlich so verschrien, dass «Rasieren» aus der Bildungsverordnung gestrichen wurde. Heute ist der Bart wieder hip. «Aber bis das Rasieren wieder Teil der Abschlussprüfung wird, ist der Trend bestimmt schon wieder vorbei», sagt Lienhard und lacht.

Und sie? Ausgerechnet sie, die 30 Jahre lang jeden Trend verfolgt hat, macht sich nichts daraus. Kurz eine Dachkänelfrisur, wippende, das Gesicht umrahmende Fransen, dann eine Phase mit geflochtenen Partien und nun seit Jahren ein Pony – zu mehr konnte sich Beatrice Lienhard nicht durchringen. Eine Kurzhaarfrisur würde sie zwar gerne einmal ausprobieren. «Aber dazu fehlt mir der Mut.»

Ein wunder Punkt

Mut. Ein gutes Stichwort. Insbesondere für Coiffeusen. Mut und Selbstbewusstsein, oft ein wunder Punkt. Nicht im eigenen Auftreten, als ausgewiesene Ästheten wäre das auch verkehrt. Aber gegen aussen. «Coiffeusen werden in unserer Gesellschaft häufig unterschätzt», sagt Lienhard. «Zu Unrecht.» Eine Coiffeuse müsse ein grosses Grundwissen erarbeiten, von Physik, Chemie, Biologie und Mathematik bis hin zu Verkaufskunde, Materialkunde, Gesundheitsvorsorge, Wissen über Technik und Werkzeug, das sei nicht ohne. «Und im Alltag sind Coiffeusen und Coiffeure dazu noch Seelenklempner, Blitzableiter, Stilberater und Vertrauensperson.» Und das alles, währenddessen sie mit Kamm und Schere hantieren. «Es ist ganz einfach eine verkannte Dienstleistung», sagt Lienhard.

In ihren 30 Jahren als Lehrerin hat Lienhard viele Generationen Coiffeusen betreut. Vom Typ Mensch her seien sie sich über all die Jahre ähnlich geblieben, sagt sie. «Heute sind sie anspruchsvoller und fordern viel. Gleichzeitig können sie eher schlecht einstecken.» Aber dafür habe sie mehr Verständnis; Altersmilde, nennt sie es und lacht. «Sie sind einfach noch so jung, zwischen 16 und 20 Jahren, sie kennen viel von der Welt, haben aber noch wenig selber erlebt», sagt Lienhard liebevoll. Man merkt gut, wie sehr sie ihre Schülerinnen und wenigen Schüler gemocht hat.

Mit Skizzenblock ins Kunsthaus

Sie war es auch, die allen Schülerinnen und Schülern ihre Handynummer gegeben hat, damit sie sich mit sämtlichen Problemen an sie wenden konnten. «Wer in Schwierigkeiten steckte, wusste, dass er mich Tag und Nacht anrufen konnte.»

Bei aller Offenheit, bei allem Verständnis: Beatrice Lienhard zeigte ihren Schülerinnen und Schülern auch Grenzen auf. Und Dinge, die einige von ihnen noch nie davor in echt gesehen hatten. Kunst, zum Beispiel. Meisterwerke längst verstorbener Künstler, gezeigt im Kunstmuseum in Aarau.

Lienhard liess ihre Schützlinge beispielsweise auf dem Skizzenblock den adeligen und heiligen Köpfen neue Frisuren verpassen. Zwei Fliegen auf einen Streich: Spielerisch Kunst entdecken und das Auge schulen. «Mir war wichtig, dass die Schüler lernen, über den Tellerrand zu schauen. Damit sie merken, woher man kommt, was wie zusammenhängt, was sich wiederholt.»

Kunst als Ausgleich

Kunst war es auch, die Beatrice Lienhard all die Jahre lang einen Ausgleich gab. Das Atelier der Ort, an dem sie ausprobieren, sich austoben konnte. Seit sie 20 Jahre alt ist, malt sie, inzwischen gestaltet sie auch Skulpturen aus Holz und Gips, Draht und Farbe. «Veränderung lebe ich in der Kunst aus», sagt sie und lacht. «Und nicht an mir selbst.»

Jetzt ist Beatrice Lienhard pensioniert, Ende Schuljahr hat sie sich aus dem Berufsleben verabschiedet. Lienhard erzählt, dass ihr eine Schülerin beim Abschied gewünscht habe, sie solle doch jetzt mit ihrem Mann den Lebensabend geniessen. «Ich musste leer schlucken», sagt sie und lacht. Lebensabend? Ofenbänkli? Beatrice Lienhard schüttelt den Kopf. «Jetzt geht es erst richtig los. Ich habe noch zu viel Freude am Leben und Erleben.» Das nächste Erlebnis stand just in diesen Tagen an: Am Mittwoch feierte sie in der Villa Aarau an der Laurenzenvorstadt 103 in Aarau Vernissage mit ihrer siebten Ausstellung.