Aarau
25 Jahre Elternverein: Die Eltern wollten ein Wörtchen mitreden

25 Jahre Elternverein Aarau: Seine Ideen wurden erst abgelehnt, heute ist vieles selbstverständlich. Der Erfolg kam nur nach und nach.

Sabine Kuster
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Ein Ausflug mit dem Velo des Elternvereins Aarau in seinen Anfängen in den 90er-Jahren. Fotos: zvg

Ein Ausflug mit dem Velo des Elternvereins Aarau in seinen Anfängen in den 90er-Jahren. Fotos: zvg

Der erste Erfolg war eigentlich eine Kleinigkeit: Die Lehrer verteilten den Stundenplan fürs neue Schuljahr nicht mehr am Montag nach den Sommerferien, sondern noch vor den Ferien. Für berufstätige Eltern bedeutete dies immerhin, dass sie nicht mehr in der ersten Schulwoche Hals über Kopf die Betreuung ihrer Kinder neu organisieren mussten.

Für solches kämpfte der Elternverein Aarau in den ersten Jahren nach der Gründung 1989. Doch selbst Forderungen wie diese empfanden die Schulpflege und manche Lehrer damals als Affront. «Es war nicht einfach am Anfang», erinnert sich Silvia Schibli, die erste Präsidentin des Elternvereins. «Behörden und Lehrer waren misstrauisch, befürchteten, die Eltern wollten der Schule zu stark reinreden oder würden gar zu einer zweiten Schulpflege.»

Viele Mütter engagierten sich

Die Gründerinnen des Elternvereins liessen sich davon nicht bremsen. «Es war eine hervorragende Teamarbeit», sagt Schibli. Die meisten im Vorstand und den Arbeitsgruppen waren Mütter aus dem Gönhard- und Zelgliquartier, zwei wurden später Stadträtinnen (Jolanda Urech und Angelica Cavegn Leitner), die allermeisten aber wurden nie bekannt und erhielten auch keine besondere Anerkennung. Dabei findet Verena Oehler, die bis WANN? Co-Präsidentin des Elternvereins war: «Die Gründerinnen hätten einen ‹Award› verdient.»

Zumindest ein Fest gibt es heute bei der Markthalle Aarau: ein Vierteljahrhundert Elternverein Aarau. In den letzten 25 Jahren hat sich einiges verändert, denn vieles ist inzwischen selbstverständlich geworden. Einen Mittagstisch, wie der Elternverein ihn 1994 im Gönhardschulhaus initiiert hat, gibt es inzwischen in allen Schulhäusern. Und dass die Schulen den Verein anfragen, wenn es darum geht, den Pausenplatz neu zu gestalten, ist normal.

Als Väter unter der Leitung von Silvia Schiblis Mann in den 90er-Jahren in Zusammenarbeit mit Lehrern die Umgebung des Kindergartens und des Pausenplatzes im Gönhard neu gestalteten, war dies eine Pioniertat. Sie fand nicht zufällig im Kindergarten statt: «Die Kindergärtnerinnen waren am meisten interessiert am Kontakt mit den Eltern», erinnert sich Silvia Schibli.

Der Elternverein versuchte dort auch, den Morgen-Kindergarten einzuführen: Die Kinder sollten nicht mehr zwei Stunden morgens und zwei nachmittags den Kindergarten besuchen, sondern hauptsächlich morgens von 8 Uhr bis halb 12 Uhr. Das kam nicht nur berufstätigen Eltern entgegen – und ist heute Standard. Nach Recherchen in der ganzen Schweiz und mehreren Anläufen bei der Schulpflege klappte es. Auch die zweite von der zögernden Schulpflege durchgeführte Umfrage hatte unmissverständlich gezeigt: Die Eltern waren dafür.

«Es war ein Prozess», sagt Silvia Schibli und tönt nachsichtig. «Wir liessen uns nicht entmutigen.»

Grosses Interesse

80 interessierte Eltern waren zur allerersten Versammlung des Elternvereins gekommen. Bald entstanden viele verschiedene Arbeitsgruppen, die sich um Mittagstisch, Kontakte zu den Schulhäusern oder die Kinderfasnacht kümmerten. Sie forderten mehr Elternabende und informierten die Eltern über das Schulrecht.

Eine Lehrperson sagte der Präsidentin damals: «Das ist warmer Wind, euch gibt es bald nicht mehr.» Es kam anders: Viele Anliegen des Elternvereins wurden sogar institutionalisiert. Die familienergänzenden Tagestrukturen (Fusta) wurden 2007 gegründet, die Fachstelle für Kind und Familie 2008, der Elternbeirat in der Schule 2010.

Heute fixer Bestandteil der Stadt

Besonders mit der Einführung des Elternbeirat wurde der Elternverein aber fast Opfer seines eigenen Erfolges: Auch das Hauptanliegen vieler Eltern – der Kontakt zur Schule – ist jetzt institutionalisiert. Zwar ist die Zahl der 250 Mitgliederfamilien seit längerem konstant, aber Leute für den Vorstand sind immer schwieriger zu finden. Seit XX? Jahren hat der Verein kein Präsidium mehr. Angelica Cavegn Leitner, Präsidentin in den 90er-Jahren, sagt: «Einerseits wurde das Umfeld der Eltern viel aktiver. Sie sind ausgelastet, selbst wenn sie nicht berufstätig sind. Andererseits sind viele Anliegen der Eltern inzwischen einfach in guten Händen.»

Nach wie vor Plattform für Kontakte

Seine Daseinsberechtigung hat der Elternverein deswegen nicht verloren: «Wir sind eine Lobby für die Eltern und eine Vernetzungsplattform», sagt Verena Oehler. Der Verein fördert Spielplätze und bietet den Hauptteil aller Familienangebote in der Stadt, wie Kinderfasnacht, Räbeliechtliumzug, Ferienpass, Babysittervermittlung, Kinderkleiderbörse oder das Kinderkafi, das jeden Dienstag und Freitagmorgen an der Pelzgasse 17 im 1. Stock stattfindet. «Es ist oft der erste Kontaktort von Neuzuzügern», sagt Verena Oehler und hofft, dass die Eltern endlich ein Lokal im Erdgeschoss finden, nicht nur wegen der besseren Sichtbarkeit – auch damit die Sache mit den Kinderwagen einfacher wird.