Um den Ballenberg spuckten sie Gift und Galle. Alte Hütten hätten sie hier schon mehr als genug, sie bräuchten davon nicht noch mehr und ganz bestimmt keine aus dem Unterland.

Führerin Dori Fuchs lächelt, auch ihr Vater sei einer dieser Stänkerer gewesen, einer, der sein Land nicht für die Museums-Idee hatte hergeben wollen.

Andere verkauften und die Hütten kamen. Windschiefe Lotterbuden, Stein für Stein, Schwelle für Schwelle abgetragen und durchnummeriert, wurden aus der ganzen Schweiz hochgefahren auf das Plateau ob dem Brienzersee und da neu zusammengesetzt.

So wie das Hochstudhaus aus Oberentfelden, eines von heute rund 100 Gebäuden im Freilichtmuseum Ballenberg.

Auf den Tag genau 30 Jahre sind es her, seit die Oberentfelder Festgesellschaft in sieben Erismann-Reisecars für die grosse Feier ins Bernbiet chauffiert wurde. 327 Einwohner, Behördenvertreter und Journalisten in feinem Zwirn und schultergepolsterten Blusen.

Stolz marschierte man hinter der Musikgesellschaft und der Trachtentanzgruppe Schinznach-Dorf her und kam vor dem Haus aus dem Staunen nicht mehr heraus, so schön hatten die Fachleute den einstigen Schandfleck zurechtgemacht.

24 Tonnen schützen Geschichte

30 Jahre – ein guter Moment, um zu schauen, was aus dem Haus geworden ist. Mit dabei ist auch Max Haudenschild, pensionierter Gemeindeschreiber. Er hat die Reise und die Feier damals mitorganisiert, Anreise und Eintritt für 22 Franken pro Erwachsenen, zehn für Kinder.

Ein schöner Ansturm sei das gewesen, erinnert er sich. «Kein Vergleich zu den Gemeindeversammlungen», sagt er und lacht. Aber das ist eine andere Geschichte.

Bevor Landammann Ulrich Siegrist an der Einweihung das Band durchschnitt, soll er gesagt haben, der Ballenberg sein nicht nur ein Museum, sondern trage die Geschichte sichtbar in die Zukunft und halte sie lebendig.

Und da steht sie also, die Oberentfelder Geschichte. Gut geschützt unter 24 Tonnen Schilf und Stroh, aufgetürmt auf fast 14 Metern: das Hochstudhaus vom Schustergässli.

Dori Fuchs vom Freilichtmuseum Ballenberg erzählt, wie schwierig es war, in der heutigen Zeit ein Walmdach mit Schilf und Stroh zu decken.

Dori Fuchs vom Freilichtmuseum Ballenberg erzählt, wie schwierig es war, in der heutigen Zeit ein Walmdach mit Schilf und Stroh zu decken.

Welche Idylle, was für eine Kulisse! Im Heilkräutergarten vor dem Haus taumeln trunken die Bienen über dem Roten Sonnenhut, dahinter trutzen das Burghorn und das Axalphorn.

Unter dem tief hängenden Dach fotografieren sich Besucher mitsamt etwas Stroh im Bild, und um ihre Beine streifen glucksend ein paar Hühner, Mordsviecher, dick wie Medizinbälle.

Und dann dieses Haus: Obwohl nur ein lebloses Ding, ein Haufen Stein, Holz, Schilf und Stroh, so strahlt es doch die Gelassenheit einer alten Dame aus, ein geduldiges Ausharren bei all dem Trubel, dem wirren Weltgeschehen, seit über 400 Jahren.

Fünf Wochen ohne Sonne

Die Reise des Oberentfelder Hauses auf den Ballenberg begann im April 1982 im «Frohsinn»: Während der damalige Eigentümer Alfred Lenzin das verlotterte Haus aus dem Jahr 1609 abreissen wollte, stemmte sich Bauverwalter Paul Widmer dagegen und schliesslich bot man das Haus mit Unterstützung der Kantonalen Denkmalpflege den Vertretern des Freilichtmuseums an – als Geschenk.

Das Haus wurde als «Repräsentant des Hochstudhauses mit Vollwalmdach» dankbar angenommen. Bis das Haus auf dem Ballenberg stand, sollte es aber noch ein paar Jahre dauern: Als man 1983 mit dem Abbau begann, merkte man, dass mindestens vier Bauphasen im Gebäude steckten.

Es war ein Kompromiss, die groben Veränderungen des 19. Jahrhunderts rückgängig zu machen und das Haus so darzustellen, wie es sich im 17. Jahrhundert präsentiert hatte.

Ein Kompromiss war auch die Rekonstruktion des Daches: Ursprünglich ein Strohdachhaus, war das Oberentfelder Haus wegen der Brandversicherungsvorschriften nach und nach mit Ziegeln gedeckt worden.

Für den Wiederaufbau war klar, dass die Ziegel verschwinden mussten. Doch war Stroh allein keine Alternative: Zu kurz ist seine Lebensdauer, ausserdem gibt die heutige Landwirtschaft von Hand gedroschenes Roggenstroh nicht mehr her.

«Dazu hält Stroh den hiesigen Witterungsbedingungen nicht stand», sagt Fuchs und zeigt auf die Felswände, die links und rechts des Plateaus in den Himmel ragen. Bis zu fünf Wochen lang scheine hier im Winter keine Sonne hin, da trockne das Dach kaum ab. «Schilf ist widerstandsfähiger, auch was Ungeziefer und Vögel anbelangt.»

Und so stiegen 1985 norddeutsche Dachdecker auf die Oberentfelder Latten und deckten das 700 Quadratmeter grosse Dach mit 24 Tonnen Schilf und Stroh. «Unten eine Schicht Stroh, dem Originalzustand zuliebe, darauf kam Schilf», sagt Fuchs und zeigt auf die «Wiibli», geknickte Strohbündel, die den Abschluss des Daches bilden.

Bis zu 18 Bewohner gleichzeitig

Es geht hinein in die gute Stube, vorbei an der Unterwäsche, die an der Leine vor dem Hauseingang hängt, und über die hohe Schwelle ins Dunkel, in die Zeit vor 1700, und wir ziehen die Köpfe ein.

Und wie dunkel das wird: Rabenschwarz ist die Wand über der Kochstelle, dick klebt der Russ in der Hutte, der riesigen Abzugshaube darüber. Fuchs holt aus, seit 16 Jahren führt sie hier Gäste herum, zu allem weiss sie etwas zu erzählen, also auch zur russigen Küche: Einen Kamin habe man damals nicht gebaut, der Rauch zog einfach unters Dach.

«Der Rauch trieb zwar der Hausfrau das Wasser in die Augen, machte aber dem Ungeziefer im Dach den Garaus.» Einmal im Jahr, da wurde die Wand mühsam geweisselt, in den Tagen vor Karfreitag.

Nicht weiss, sondern lindgrün gestrichen wurde die Stube: Das sollte die düsteren Kammern aufhellen. «Später nannte man das Lindgrün auch ‹Napoleon-Grün›», sagt Fuchs. «Denn waren aufwendig geschnitzte Truhen mit der grünen Farbe bepinselt, so glaubte man, würden die Plünderer das wertvolle Gut nicht so rasch erkennen.»

Ebenso abschreckend sollte der gemauerte Speicher wirken, den die Hauseigentümer um 1627 einbauten und der es Gesindel schwermachen sollte, Vorräte, Getreide und Saatgut zu klauen.

Mit lauter solchen Geschichten und Anekdoten geht es weiter durch das Haus mit seinen vielen Räumen. So viele sind es, dass es ein sehr reicher Bauer gewesen sein muss, der es einst erbaut hat – und trotzdem viel zu wenige, wenn man bedenkt, dass hier bis zu 18 Personen gleichzeitig gelebt haben.

Wir lauschen und staunen, wir ziehen Schubladen auf und drücken verschämt eine Taste auf dem Harmonium, probieren wie einst der Häftlimacher, der Geschirrflicker, ein Löchlein in einen Ziegel zu bohren und verkneifen es uns, in die bereitgehängten Kleider von anno dannzumal zu steigen.

Das sei es, was das Haus für das Museum unbezahlbar mache, sagt Fuchs: «Das Oberentfelder Haus ist im Museum das Haus zum Berühren und Anfassen. Das mache es zu einem Publikumsmagneten.»

Es ist also tatsächlich so, wie Landammann Siegrist es vor 30 Jahren versprochen hat: Auf dem Ballenberg wird die Geschichte lebendig gehalten.