Aargauer Winzer
2020 ist ein schwieriges Jahr: Dem Wein geht es aber blendend

Die Winzer haben unter Corona gelitten. Doch für die Trauben lief alles bestens und der Wein 2020 wird sehr gut.

Janine Gloor
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Die Reben bekamen von Corona nichts mit und konnten dieses Jahr sehr schön heranreifen.

Die Reben bekamen von Corona nichts mit und konnten dieses Jahr sehr schön heranreifen.

Michael Küng (30.10.2020

2020 ist ein schwieriges Jahr. Doch nicht alles ist schlecht. Der soeben erschienene Weinlesebericht des Kantons Aargau bringt frohe Kunde: Der Wein aus dem Jahr 2020 ist überdurchschnittlich gut.

«Es gibt einen guten bis hervorragenden Wein», sagt Urs Podzorski, Fachspezialist Weinbau beim Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg. Es war der wärmste Winter seit Messbeginn 1864. «Wir hatten danach einen sehr schönen Frühling und die Winzer sind ohne grosse Probleme durch die Kälteperioden gekommen.» Dann folgte ein überdurchschnittlich warmer Sommer mit vereinzelten Hitzetagen und Regenfällen nach längeren Trockenperioden. Und darauf kam es noch besser: «Der September war ein richtiger Wonnemonat.»

Die warmen Tage mit kalten Nächten sorgen dafür, dass sich in den Trauben das Aroma ausbilden kann. Die Trauben waren im Laufe des Jahres und des Septembers so gut und schnell herangereift, dass am 30. September bereits 90 Prozent der Aargauer Trübel geerntet waren. Die Zahlen bestätigen die positive Wetterrückschau: Für die Hauptsorte Blauburgunder Pinot Noir beziffert Podzorski ein mittleres Mostgewicht von 98,9 Grad Öchsle. Insgesamt wurden im Aargau rund 2000 Tonnen Trauben geerntet. Das sind neun Prozent weniger als im Vorjahr und 19 Prozent unter dem Zehnjahresschnitt. Dafür sei die Qualität überdurchschnittlich gut, sagt Urs Podzorski.

Urs Pudorski, Fachspezialist Weinbau beim Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg.

Urs Pudorski, Fachspezialist Weinbau beim Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg.

Britta Gut

Kein Trockenstress und kein Frost

Auch die Winzerinnen und Winzer sind zufrieden. «Der Wein hatte keinen Stress und wird sehr gut», sagt Manfred Widmer, Rebmeister der JVA Lenzburg. Kein Trockenstress und kein Frost hat seinen Trauben das Wachstum vermiest. Als negatives Erlebnis sind Widmer die Wespen in Erinnerung geblieben. Die seien in Lenzburg vor allem für die Erntehelferinnen und Erntehelfer mühsam gewesen. Und haben auch Schäden verursacht, wie der Weinlesebericht festhält.

Das immer wärmere Klima ist für den Wein ein zweischneidiges Schwert. Heute kann man im Aargau Sorten anpflanzen, die noch vor 30 Jahren undenkbar gewesen wären. «Malbec oder Syrah etwa», sagt Manfred Widmer. Immer wärmere Temperaturen bringen aber auch Kehrseiten. Wenn die Reben früh austreiben, besteht die Gefahr, dass sie dem Frost zum Opfer fallen.

Aufgrund der Trockenheit werde in naher Zukunft die Bewässerung der Reben an Bedeutung gewinnen, steht im Weinlesebericht 2020. Das ist auch vom Boden abhängig, wie Winzerin Susi Steiger vom Weingut Wehrli in Küttigen erklärt. «Am Jurasüdfuss haben wir einen sehr kalkhaltigen Boden, der gut Wasser speichern kann.» Bei den Reben des Weinguts am Hallwilersee sorgt der See für Luftfeuchtigkeit. Zusätzliche Bewässerung sei momentan noch kein Thema.

Mit dem Wein aus dem Jahr 2020 ist Susi Steiger-Wehrli sehr zufrieden. «Ich stehe gerade im Weinkeller», sagt sie. «Das wird ein sehr gehaltvoller Wein.» Wie auf den anderen Weingütern haben die Coronamassnahmen die Arbeiten in den Reben nicht eingeschränkt. «Wir haben trotzdem gearbeitet und die Trauben haben von allem nichts gemerkt», sagt Steiger-Wehrli und lacht. Doch die Winzerinnen und Winzer haben unter den Massnahmen gelitten. Mit dem Lockdown, den Versammlungsbeschränkungen und den Absagen von Events fielen ihnen die Verkaufskanäle weg.

Winzerin Susi Steiger-Wehrli.

Winzerin Susi Steiger-Wehrli.

Chris Iseli

Man versuchte alles, um den Wein trotzdem an die Leute zu bringen. «Die Winzer haben sich schnell aufgerafft und innovative Alternativen gesucht», sagt Urs Podzorski. Zufrieden erzählt er von Online-Degustationen und kreative Webshops, mit denen die Weingüter den lokalen Verkauf ankurbelten. Um das Verkaufsgeschäft online abzuwickeln, muss man digital ausgerüstet sein. Für viele Winzer war die Coronakrise eine Motivation gewesen, digitaler zu werden. «Wir haben in Windeseile Twint installiert und die Dienstleistungen über das Internet organisiert», sagt Steiger-Wehrli. Auch ein Instagram-Profil für das Weingut hat sie eingerichtet.

Der Wein lässt sich zum Glück gut lagern

Bei anderen hat der Stillstand im Frühling kreative Kräfte freigesetzt. Pirmin Umbricht vom gleichnamigen Weingut in Untersiggenthal hat im Frühling den COWII-20 lanciert. Für jede verkaufte Flasche werden zwei Franken an die Glückskette gespendet. Auf der Etikette prangt eine Art Virus aus einer Frühkartoffel mit herausragenden Spargeln, eine Hommage an das ausgefallene Spargelessen im Mai. Pirmin Umbricht fehlte neben dem Verkauf der Kontakt zu den Kunden. Auch bei der Ernte, der letzte Tag war der 2. November, fiel das Gesellige weg. «Das ist schade, vor allem für die Erntehelfer, die sich für die Wümmet Zeit nehmen.»

Rückblickend sagt Umbricht: «Das war ein Rotweinjahr.» Dieser sei sehr gut geworden und, was Umbricht besonders freut; man könne ihn gut lagern. «In einem Jahr, in dem man mit dem Verkauf zu kämpfen hat, ist das besonders gut.» Er habe sich auch schon überlegt, eventuell noch einen Rotwein mit angepasstem Design zu kreieren. Einen 2020er-Lagerwein. Denn irgendwann kann man aufschnaufen. Und bei einem süssen Tropfen über das saure Jahr 2020 sinnieren.