Es ist spät geworden, richtig spät. Erst gegen 5 Uhr am Morgen nach seiner letzten Gemeindeversammlung kam Peter Frei ins Bett. Der abtretende Bibersteiner Ammann war zwar schon während des offiziellen Teils gewürdigt worden. Richtig losgegangen ist es dann beim Apéro – Frei sang «Lumpenliedli» mit der Musikgesellschaft, schnupfte mit dem Turnverein, jodelte mit dem Jodelclub Haselbrünneli und lauschte der Alphorngruppe. «Es war grandios!», erinnert er sich. Gewusst hatte er zuvor von nichts, die Bibersteiner sind geborene Geheimniskrämer. Dass seine Ratskollegen ein zusätzliches Traktandum – die Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Frei und seine Frau Brigitte – auf die Einladung zur Gmeind geschmuggelt hatten, stellte der verdutzte Ammann erst fest, als ihn seine Nachbarin drauf ansprach.

«Es fällt mir nicht leicht»

Eben erst ist Frei 65 Jahre alt geworden. Pensionsalter. Im Architekturbüro, das er zusammen mit seinem Zwillingsbruder Christian in Aarau führt, wird er weiterarbeiten – «fragen Sie mich jetzt aber nicht, wie lange» –, im Gemeinderat ist jedoch Schluss. Nach 38 Jahren Behördenarbeit. «Ich kann nicht sagen, dass es mir leichtfällt.» Immerhin: Er bleibt in der Begleitgruppe für die Bau- und Nutzungsplanungsrevision.

Frei hat bald mehr Zeit für sein grosses Hobby: die Jagd. «S’Wild im Brengenzer Wald zitteret jetz scho», spöttelte Politkomiker Edgar Zimmermann bei Freis Verabschiedung. Tatsächlich liegt sein Revier ennet der Grenze, im österreichischen Voralpengebiet. Das Hobby des Ammanns kam auch seinen Ratskollegen zugute, servierte ihnen Brigitte Frei doch an jeder Klausur einen Hirschbraten. Peter Frei will ab kommendem Jahr aber nicht nur mehr jagen, sondern auch mehr lesen – und vielleicht doch noch einen Kochkurs besuchen oder dem Jodelclub beitreten: «Ich würde extrem gerne regelmässig singen.»

Ein «parteiloser Ur-Liberaler»

Seine Ämter hat Frei, der sich als «parteiloser Ur-Liberaler» bezeichnet, nie gesucht. «Ich habe das Glück, dass mir im Leben vieles einfach zugefallen ist.» Als 17-Jähriger wurde er notfallmässig Präsident des Turnvereins, obwohl er da noch nicht einmal Verträge unterschreiben durfte. Später war er 18 Jahre Mitglied der Baukommission, davon 10 Jahre Präsident. Bis dann Ammann Beat Sigrist auf ihn zukam und ihn bat, sein Nachfolger zu werden. «Als Erstes habe ich gesagt: ‹Du spinnst!›», erinnert sich Frei lachend. Ihm sei aber klar gewesen, dass «der Kelch nicht an mir vorübergehen wird». Frei sagt das mit Schalk, wie so oft. Sein Dorf liegt ihm am Herzen, seit 20 Jahren ist er «mit Leib und Seele» Ammann.

Als Fünfjähriger kam er mit den Eltern, Bruder und Schwester nach Biberstein, das damals noch nicht den Status einer reichen, angesehenen Gemeinde hatte wie heute. «Auf dem Pausenplatz der Oberstufe in Aarau wurden wir für unsere Herkunft gefoppt.»

Viel hat sich geändert seit seinem Amtsantritt 1998. Der Schulhausabwart war damals noch Dorfpolizist und rückte mit dem Ammann aus, wenn es irgendwo Streit gab. In Freis ersten Amtsmonaten mussten Ehepaare, die sich scheiden lassen wollen, zuerst beim Ammann für ein Gespräch antraben. Nur ein solches Gespräch hat Peter Frei durchführen müssen – als Eheretter konnte er sich dabei nicht profilieren.

«Leute tendenziell fordernder»

Was ist sonst noch anders? «Die Anspruchshaltung der Leute – sie sind tendenziell fordernder und glauben, alles schon zu wissen, weil sie es gegoogelt haben», sagt er. Auch seien viele Bereiche professionalisiert worden, was nicht zwingend mit einer Verbesserung einhergegangen sei. Einen Arbeitstag pro Woche, so schätzt Frei, habe er zuletzt für sein Amt aufgewendet. Unterstützt wurde er in all den Jahren von nur zwei Gemeindeschreibern, Peter und Stephan Kopp – Vater und Sohn. «Ohne zwei so gute Schreiber hätte ich es nie 20 Jahre gemacht.»

1998 hatte Biberstein knapp über 1000 Einwohner, jetzt sind es rund 1600. Das Steueraufkommen ist von bescheidenen 2,6 Mio. auf 5,3 Mio. gewachsen – der Steuerfuss liegt heute bei 92 Prozent (früher 125). «Wir haben etwas bewegt, aber es war eine riesige Knochenarbeit», sagt Frei. Biberstein profitiere von der guten Aussichtslage, doch die Baulanderschliessungen seien aufwendig gewesen.

41 Gemeindeversammlungen hat Frei geleitet und in rund 820 Ratssitzungen über 7000 Geschäfte behandelt. Höchstens zwei Stunden sollten die Sitzungen dauern. Denn danach gings immer ins «Jägerstübli» – «die Mittlere», wie die Bibersteiner ihre Beizen analog zu deren Lage nennen –, wo sich Gemeinderäte und Gemeindeschreiber einen Wurst-Käse-Salat gönnten. Das Wirtepaar Lanz offerierte jedem einen Eiscafé – «Weil ich den so sehr mag, dass ich jeden Tag einen essen könnte», so Frei.

Diese Geste ist in den Augen des Ammanns sinnbildlich für den Bibersteiner Geist. Wenn Frei über sein Dorf spricht, fällt oft das Wort «Vertrauen». «Wir haben stabile politische Verhältnisse, pflegen einen respektvollen Umgang miteinander und bemühen uns um Lösungen, nicht ums Rechthaben.» Während seiner ganzen Amtszeit wurde nie ein Geschäft von der Gemeindeversammlung abgelehnt. «Die Leute wissen, dass wir nichts unter den Tisch wischen», vermutet Frei. «Den Schulhausneubau – mit 13 Mio. Franken eine gigantische Investition für Biberstein – haben wir beispielsweise vor der Abstimmung nochmals zurückgezogen und überarbeitet, weil wir doch nicht sicher waren, ob wir die beste Lösung gefunden hatten.»

Besonders am Herzen liegt Frei die Juraweid. Hier, wo früher im Säli mangels Turnhalle jede Dorfveranstaltung stattgefunden habe und «wo viele Beziehungen begannen und einige wohl auch wieder zu Ende gingen», plante der Kanton in den 1970er-Jahren ein riesiges Sportzentrum. Frei und andere kämpften erfolgreich dagegen. Viel später dann, als der Kanton Restaurant und Landwirtschaftsbetrieb verkaufen wollte, gab es auf einmal zwei Interessenten: Pro Natura und die Gemeinde. Die 3,6 Mio. Franken waren für beide nicht zu stemmen, also kaufte man die Juraweid gemeinsam. «Ich war 300 Prozent sicher, dass die Gmeind Ja sagt dazu», betont Frei. Ein Stimmbürger monierte zwar, der Kauf sei nicht Sache der Gemeinde. Frei gab ihm recht: Das sei kein Kopfentscheid, sondern eine Herzensangelegenheit. Der Kauf wurde mit ganz wenigen Gegenstimmen bewilligt.

Herrscht in Biberstein also heile Welt? Schwierige Momente habe es schon gegeben, sagt Frei. Besonders am Ende seiner ersten Amtsperiode, als ein Streit um ein Bauprojekt losbrannte. «Ich habe daraus gelernt, dass nicht alles, was vernünftig ist, auch richtig ist.» Seinem Dorf wünscht Peter Frei jetzt, dass es auf dem eingeschlagenen Pfad weitergehe. «Wir sind gut aufgestellt, die grossen Aufgaben wie der Schulhausneubau sind erledigt. Mir wäre wichtig, dass dem gegenseitigen Vertrauen weiterhin Sorge getragen wird – dann kommt das schon gut.»