Adventskalender
19. Fenster: Das Mädchen mit den Täfeli im Schulthek

Eine Blechkiste und eine aus dem Alteisen gerettete Maschine wecken süsse Kindheitserinnerungen.

Katja Schlegel
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Erika Hochstrasser und Christian Wüthrich mit der geretteten Täfeli-Maschine und der Lüthy-Blechkiste.Sandra Ardizzone

Erika Hochstrasser und Christian Wüthrich mit der geretteten Täfeli-Maschine und der Lüthy-Blechkiste.Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

Das war vielleicht ein Kraftakt. Hatte der Vater die Zuckermasse auf den mit Leder bezogenen Tisch gegossen und war die Masse etwas abgekühlt, musste man sie zu einer Wurst formen und diese unaufhörlich drehen und rollen, damit sie nicht in sich zusammenfiel. Drehen und rollen, drehen und rollen, während die klebrige Zuckermasse sich mit einem feinen Knistern und Schmatzen vom Leder löste und der Vater Melodien durch die geschlossenen Zähne zischte.

«Das war ganz schön anstrengend für uns Mädchen», erinnert sich Erika Hochstrasser (84) und formt mit Zeigefinger und Daumen einen Ring: So dick musste die Wurst sein, dann wurde sie in Stücke geschnitten und durch eine der vielen Maschinen gewalzt, in der die Masse in Schablonen gepresst wurde: Ostereier, Himbeeren, Brickets, Apfel- oder Kirschenförmli, Caramelstängeli oder Schleckstängelkugeln, Vater Karl Lüthy, der «Täfeli-Lüthy», hatte alle Formen im Angebot. Und als gelernter Mechaniker alle Maschinen dazu selbst gebaut.

Abgeplatztes «zum Schnausen»

Lange ist das her. Irgendwann Anfang der Zwanzigerjahre hatte Karl mit seinem Bruder Hans-Jakob die Zuckerwarenfabrik Lüthy im Erdgeschoss an der Küttiger-strasse gegründet, direkt gegenüber dem alten Gemeindehaus. In Kupferkesseln wurde der Zucker über glühenden Kohlen geschmolzen, zu Würsten gerollt, in Täfeli-Form gewalzt und die Täfeli schliesslich zum Abkühlen in Kessel gefüllt. Damit sie nicht aneinander kleben blieben, wurden die Kessel ständig gedreht. Beim Durcheinanderpurzeln platzten auch die Brauen ab, die feinen Zuckerrückstände an den Kanten. Diese wurden als Abfallprodukt ausgeschieden – ganz zur Freude der Schulkollegen der beiden Lüthy-Meitli.

«Die Lüthy-Meitli haben immer etwas süsser gerochen als alle anderen Meitli», erinnert sich Christian Wüthrich und lacht. Er kennt Erika Hochstrasser schon aus Kinderzeiten, später hatte er bei ihrem Onkel Gottlieb Lüthy im Velomechaniker-Geschäft gleich im Haus nebenan seine Ausbildung gemacht. Und noch viel später, als die Fabrik aufgelöst wurde, fischte er geistesgegenwärtig die Ostereier-Täfeli-Maschine aus der Alteisensammlung, nahm sie nach Hause und brachte sie wieder in Schuss. Heute steht das schwere Stück in einer Vitrine im Kultur- und Begegnungszentrum Wygärtli in Erlinsbach, nur ein paar Schritte von der einstigen Fabrik entfernt. Verkauft wurden die Täfeli übrigens auch vor Ort, im kleinen Lädeli neben der Fabrik, das die Tante führte. Da wurden nicht nur Täfeli verkauft, sondern auch Zucker und Mehl.

Neben der Maschine steht auch eine originale Blechkiste in der Vitrine, in der die Täfeli bis in die Ostschweiz verschickt oder von den Mädchen in die Läden im Dorf oder in die Nachbarorte ausgeliefert wurden. «Mit dem Leiterwägeli», erinnert sich Erika Hochstrasser. Freie Nachmittage habe sie nur wenige gehabt, die ganze Familie habe mitgeholfen.

Wenn Erika Hochstrasser nicht die Zuckerwurst rollen oder die Täfeli ausliefern musste, half sie in der Packerei mit, liess die süssen Stücke durch die Verpackungsmaschine rattern oder schaufelte sie in Büchsen und Säckli. Da sei durchaus auch die eine oder andere Handvoll Täfeli oder ein Säckli mit abgeschlagenen Zuckerrändli im Schulthek verschwunden, sagt Erika Hochstrasser und lacht. «Meine Schulkameraden hatten natürlich immer grosse Freude daran.»

Harte Konkurrenz aus Schweden

Das Geschäft lief viele Jahre lang gut. Doch in den Fünfzigerjahren kam die Konkurrenz aus Schweden, die den Markt mit ihren Täfeli flutete. «Ausserdem stieg der Zuckerpreis extrem an», sagt Erika Hochstrasser. Die Idee, die Firma mit ihrem Mann zu übernehmen, zerschlug sich. «Wir hätten so viel in die Fabrik investieren müssen, das hätte sich nicht rentiert.»

Und so wurde die Täfelifabrik 1958 geräumt, die Maschinen landeten im Alteisen. Der Duft nach Rahm, Himbeeren oder Eukalyptus, der jeweils rund um die Küttigerstrasse Nummer 10 in der Luft hing und über den dahinterliegenden Pausenplatz schwebte, verzog sich. Aus den Köpfen der Erlinsbacher verschwunden ist er aber noch längst nicht: «Noch heute sprechen mich Leute darauf an, dass sie sich an den Täfeli-Duft erinnern», sagt Erika Hochstrasser. «Dieser Duft ist noch immer für viele der Duft ihrer Kindheit.»

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