Die Geschichte der 1868 gegründete Offiziersgesellschaft Aarau (OGA) feiert ist eindrücklich. Sie hat im aargauischen und schweizerischen Wehrwesen Spuren gelegt. Das Mitgliederarchiv gleicht einem Personenlexikon bedeutender Zeitgenossen. Gründer war General Hans Herzog (1819-1994), Sohn eines Aarauer Textilfabrikanten. Er bewältigte als Oberbefehlshaber der Schweizer Armee bei der Grenzbesetzung im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 die schwierige Internierung der 87 000-köpfigen französischen Bourbaki-Armee. Unter den 52 Präsidenten der OG Aarau finden sich neun spätere Korps-, Divisions- und Brigadekommandanten. Das ist eine einmalige personelle Dichte.

Turbulente Gründungszeit

Schon früh erwies sich Aarau als «wüchsiger» militärischer Nährboden. Der Infanterie- und Kavallerie-Waffenplatz, das eidgenössische Artilleriebüro und der Sitz der 5. Division führten hochrangige und bestens vernetzte Offiziere zusammen. Die OGA bot ihnen eine Plattform für den fachlichen Austausch. An Themen mit militärischem Bezug fehlte es nicht, denn die Gründungszeit war turbulent. In Italien entstand das geeinte Königreich und in Deutschland das Kaiserreich, wogegen die Kaiserherrschaft in Frankreich unterging. In der Schweiz übernahm der Bund das Kommando über die vorher aus kantonalen Kontingenten bestehende Armee.

Die neue Offiziersgesellschaft förderte die ausserdienstliche Weiterbildung der Kader. Im Mittelpunkt standen Vorträge zu aktuellen Kriegen und Manövern im In- und Ausland, zu militärtechnischen und -organisatorischen Fragen, zudem «Kriegsspiele» und später Geländeübungen. Oft stellten sich neben den qualifizierten eigenen Kräften hochkarätige fremde Referenten zur Verfügung, zum Beispiel deutsche, englische, israelische, finnische und amerikanische Offiziere.

Markante Persönlichkeiten

Der Offiziersgesellschaft gaben von Anfang an markante Köpfe aus Aarauer Familien Profil. Allen voran General Hans Herzog, dem die Kantonshauptstadt 1915 an der Fassade des ehemaligen Zeughauses an der Laurenzenvorstadt ein Denkmal widmete, sowie Divisionär Emil Rothpletz (1824-1897), Grossrat, Oberrichter, danach Berufsmilitär und enger Vertrauter Herzogs, erster OGA-Vizepräsident, erster Kommandant der 1874 geschaffenen 5. Division und erster Leiter der neu gegründeten Militärabteilung der ETH.

Zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg begann eine andere Gestalt die OG Aarau zu prägen: Divisionär Eugen Bircher (1882-1956), Chirurg und Chefarzt am Kantonsspital Aarau, Generalstäbler, Militärwissenschafter und Truppenführer, von 1938 bis 1942 Kommandant der 5. Division, später Nationalrat.

Er galt als «Offizier, der die Soldatenseele verstand», aber auch polarisierte. Die einen bewunderten ihn als «universale Persönlichkeit», für andere war er ein «eingefleischter prodeutscher Militarist», etc. Unbestritten bereicherte er die Programme der OGA durch Vorträge und Übungen.

Der Karriere förderlich

Das zusätzliche Engagement in der angesehenen OG Aarau scheint mancher militärischen Karriere förderlich gewesen zu sein. Zu den bekannten Namen auf der Liste früherer Präsidenten gehört auch der Kommandant der Felddivision 5, Hans Trautweiler (1920-1980). Er prägte als Milizoffizier in den akzentuiert armeekritischen Siebzigerjahren das Bild vom «mündigen Bürger in Uniform». OGA-Vorsitzende waren sodann fünf der insgesamt zehn Kommandanten der ehemaligen Grenzbrigade 5: Karl Renold, Gustav Adolf Frey-Bally, Benno Siegwart, Hans Hemmeler und Kurt Eichenberger.

Zu den Gründungsmitgliedern zählten 1868 auch zwei Regierungsräte. Der eine war der angesehene Baudirektor Arnold Künzli, später Nationalrat und schliesslich Kommandant des 4. Armeekorps, der andere der glücklose Militärdirektor Hans von Hallwyl – ein Paradiesvogel. Ihm gehörten die Schlösser Rued und Hallwyl. Aber er verschuldete sich in seinen Privatunternehmungen, verliess 1874 fluchtartig das Land, lebte in Serbien und zeitweise in Österreich und heiratete nach der Scheidung das einstige Kindermädchen der Familie.

Einsatz für Wehrbereitschaft

Zur ausserdienstlichen Weiterbildung in der OG Aarau gehörten von Beginn an anspruchsvolle taktische Aufgaben. Schon in der hoch angesetzten ersten Übung galt es, den Aufmarsch einer Division aus dem Raum Zofingen gegen einen angenommenen Feind im Osten und die erwartete Schlacht im Raum Aarau-Suhr-Rohr-Buchs zu planen. Der Einsatz für die Wehrbereitschaft erweiterte sich mit der Zeit von militärhandwerklichen zu militärpolitischen Themen wie Militärbudgets, Rüstungsbeschaffung, Dienstverweigerung, Zivildienst, Armeeabschaffung und Armeereformen.

Die 1968er-Bewegung und der Vietnamkrieg gaben dem gesellschaftlichen Wandel und einer armeekritischen Haltung Auftrieb. Mit der Oswaldreform wurde die Anrede «Herr» gegenüber Offizieren abgeschafft. Geringe Teilnehmerzahlen an Anlässen lösten 1976 sogar eine Diskussion über die Auflösung der OG Aarau aus. Doch die Aarauer Waffenplatzfrage rüttelte sie auf. Sie erlangte ihre Vitalität wieder. Von 1994 bis 1997 stellte die OGA die Mehrheit im Kantonalvorstand der Aargauischen Offiziersgesellschaft und sorgte für eine bessere Koordination zwischen den militärischen Verbänden im Aargau.

Gesellschaftlicher Anker

Ein fester Bestandteil der Offiziersgesellschaft Aarau ist die Reitgesellschaft Arizona. Sie entstand nach dem Ersten Weltkrieg aus längst eingeführten Reitkursen für Offiziere. Dazu bot der Kavallerie-Waffenplatz beste Bedingungen. Zwar verblasste Aaraus Image als Reiterstadt nach der Aufhebung der Kavallerie 1973, aber die Arizona überlebte die Zäsur. Ein munteres Gesellschaftsleben und die Traditionspflege geben ihr Kitt. Mit ihren Auftritten steckte sie schon mancher historischen Jubelfeier in Stadt, Kanton und Bund Glanzlichter auf. Ihre herbstliche Soirée im Kultur- und Kongresszentrum gehört zu Aaraus gesellschaftlichen Highlights.