Aarau
1000 Kilometer am Stück auf dem Velo – trotz Beinamputation: «Keine Ahnung, ob ich es schaffe»

Im August will der unterschenkelamputierte Jürgen Kallfass im Rahmen der «Tortour» mehr als 1000 Kilometer am Stück auf dem Rennvelo zurücklegen.

Fabio Baranzini
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Als 16-Jähriger verlor Jürgen Kallfass (heute 43) bei einem Mofaunfall einen Unterschenkel. Heute ist er Leistungssportler.

Als 16-Jähriger verlor Jürgen Kallfass (heute 43) bei einem Mofaunfall einen Unterschenkel. Heute ist er Leistungssportler.

Fabio Baranzini

Die Tortour ist das härteste Radrennen hierzulande. Mehr als 1000 Kilometer legen die Athleten auf ihrer Fahrt rund um die Schweiz zurück und überqueren dabei nicht weniger als fünf Alpenpässe und weitere happige Anstiege im Jura – und das alles ohne Unterbruch. Knapp 50 Stunden haben die Tortour-Teilnehmer Zeit, um diese gewaltige Herausforderung zu meistern. Der Aarauer Jürgen Kallfass ist einer derjenigen, die sich am 16. August als Solo-Fahrer an die Startlinie stellen.

Doch Kallfass ist nicht einfach «nur» Solo-Fahrer. Er ist der erste unterschenkelamputierte Athlet überhaupt, der die Tortour in Angriff nimmt. «Ich habe keine Ahnung, ob ich es schaffe, so lange auf dem Velo zu bleiben», sagt Kallfass. «Bisher liegt mein Rekord bei 720 Kilometern am Stück. Mich reizt jedoch die Frage, ob ich es noch weiter schaffe. Deshalb nehme ich an der Tortour teil.»

Verhängnisvoller Moped-Unfall

Aufgewachsen ist Jürgen Kallfass im Kleinen Wiesental in der Nähe von Lörrach. Als Jugendlicher hat er Tennis und Fussball gespielt und eine Lehre als Maschinenschlosser begonnen. Im Mai 1991 – Kallfass war damals 16 Jahre alt – verunglückte er mit seinem Moped. «Ich bin zu schnell in eine Kurve gefahren, bin ausgerutscht und in die Leitplanke geknallt», erinnert er sich. Beim Unfall wurde die Hauptschlagader in seinem linken Bein durchtrennt. Man versuchte, die Arterie zu reparieren, doch das klappte nicht. So war die Amputation des Unterschenkels fünf Tage nach dem Unfall die einzige Option.

Rund sieben Monaten später kehrte Jürgen Kallfass zur Arbeit zurück. Er schloss seine Lehre erfolgreich ab und bildete sich später zum Maschinentechniker weiter. Der Liebe wegen zog es ihn 2007 nach Aarau, wo er mit seiner Frau und seiner Tochter Amelie lebt. Im Herbst erwartet das Paar sein zweites Kind.

Von den Ski aufs Rennrad

Der Sport spielte im Leben von Jürgen Kallfass auch nach dem Unfall eine wichtige Rolle. Ungefähr zwei Jahre nach dem Unfall sass er zum ersten Mal auf einem Velo. «Ich wollte testen, welche Sportarten ich mit meiner Prothese überhaupt noch ausüben kann», blickt er zurück. Auch Schlittschuhlaufen und Skifahren probierte er aus. Bei Letzterem blieb er hängen. Fünf Jahre lang fuhr er regelmässig Ski und nahm auch an Rennen teil.

Doch dann zog es ihn immer mehr zum Radfahren. Zuerst waren die Einheiten auf dem Velo lediglich der Ausgleich zum Skifahren. Doch bald packte es ihn richtig. 2003 absolvierte Jürgen Kallfass sein erstes Rennen und begann danach immer intensiver zu trainieren. Vor allem die langen Distanzen haben es ihm angetan. Sein grosser Traum: Die Qualifikation zum «Race across America»zu schaffen.

Crowd-Funding ist geplant

«Bislang bin ich drei Mal in der Qualifikation gescheitert. Die Tortour ist nun mein vierter Anlauf», sagt Kallfass. Wenn der 43-Jährige es schafft, die 1000 Kilometer in 52 Stunden zu absolvieren, darf er sich «Race Across America qualified Racer» nennen. Dafür trainiert er intensiv. Aktuell sitzt er jede Woche bis zu 15 Stunden auf dem Rad und spult rund 300 Kilometer ab. Sein Trainingspensum intensiviert er kontinuierlich bis im August, damit er bereit ist für seine bislang grösste Herausforderung.

An der Tortour wird er von einem sechsköpfigen Team begleitet und betreut. Ohne sein Team ist das Rennen nicht zu meistern. Um die Kosten für seine Betreuer, das Material und das Startgeld zu decken, lanciert Jürgen Kallfass bald eine Crowd-Funding-Aktion. «Ich hoffe, dass ich die 5000 Franken zusammenkriege, damit ich an der Tortour teilnehmen kann und mich hoffentlich für das ‹Race Across America› qualifiziere», sagt Kallfass.

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