Oberentfelden

100 Jahre Schuhfabrik Ammann: Ein haariges Erfolgsrezept

Ammann war neben Bally und Fretz einer der Schuhproduzenten im Raum Aarau (Bild 1955).

Ammann war neben Bally und Fretz einer der Schuhproduzenten im Raum Aarau (Bild 1955).

Vor 100 Jahren nähte Albert Ammann Finken für die Nachbarn. Heute führt sein Urenkel die Firma, die zwischenzeitlich vor allem in Italien produziert

Abends nach der Arbeit setzte er sich an den Holztisch und schnitt mit Schablonen Sohlen, Oberteil und Rand aus dem Leder, nähte alles zusammen und klebte Lammfell hinein. Prächtige Finken gegen kalte Füsse, die er für zwei Franken verkaufte, ein hübscher Nebenverdienst in struben Zeiten.

Er, Alfred Ammann-Bodmer, Sohn einer Schuhmacherfamilie aus dem Zürcher Oberland. Ein Wagemutiger, ein Optimist, der in der Stube in einer Mietwohnung am Schustergässchen in Oberentfelden Finken nähte, während draussen der Erste Weltkrieg tobte. Und einer, der Erfolg hatte. Das Geschäft lief so gut, dass Alfred Ammann am 2. Oktober 1917 seine eigene Schuhfabrik gründet.

Das ist 100 Jahre her. Doch die Schuhfabrik Ammann gibt es noch immer, noch immer hat sie Sitz in Oberentfelden und geführt wird die Firma inzwischen von Urenkel Marc Ammann.

2000 Finken pro Tag

Zeit für einen Blick in das Geschichtsbuch: Das Geschäft mit den gefütterten Finken floriert. Bereits drei Jahre nach der Firmengründung ist die Nachfrage so gross, dass Alfred Ammann ausbauen und eine Liegenschaft an der Muhenstrasse 11 kaufen kann. In den krisengeschüttelten Dreissigerjahren zählt das Unternehmen 225 Arbeitskräfte, die täglich 2000 Paar Schuhe herstellen. 1945 übernehmen die Söhne Kurt und Hugo Ammann die Nachfolge von Alfred Amman, der 1949 stirbt.

Es brechen schwere Jahre an: Nur zwei Jahre nach dem Patron stirbt auch Kurt Ammann, Hugo Ammann übernimmt die Gesamtleitung. Unter seiner Führung wird die Produktepalette ausgebaut, weil der Import von Billig-Finken aus dem Ausland den Absatz zeitweise empfindlich schwächt. Vermehrt werden nun auch Lederschuh-Spezialitäten hergestellt.

Viel Handarbeit: Die Schuhproduktion 1952.

Viel Handarbeit: Die Schuhproduktion 1952.

Die Rechnung geht auf, der Absatz der Hausschuhe zieht wieder an, es herrscht Aufbruchstimmung: Eine Montage wird eingeführt, eine Näherei und Zuschneiderei gegründet. 1958 wird die Produktionsfläche erneut ausgebaut und zum 50-Jahr-Jubiläum 1967 wird das heute noch bestehende Ammann-Gebäude eingeweiht.

Nach dem Tod von Hugo Ammann übernimmt Sohn Rolf 1978 die Firma in dritter Generation. Unter seiner Führung wird das Sortiment bereinigt und gestrafft. Ammann macht sich einen Namen in der Herstellung von Kampfstiefeln für die Schweizer Armee und Sicherheitsschuhe für Uniformierte.

Erfolg mit Michel Jordi

1991 beginnt die Zusammenarbeit mit der Schuhfabrik Bally. Personal und Maschinen von Ammann ziehen nach Schönenwerd, einzig das Vertriebsbüro und der Firmensitz verbleiben in Oberentfelden. Die Firmengebäude werden vermietet und bilden heute das Einkaufszentrum Ammann-Center. Zum 75-Jahr-Jubiläum erreicht das Unternehmen mit Bally einen Produktionsrekord: Pro Jahr stellen die 57 Mitarbeiter rund 66 000 Paar Schuhe her. Gleichzeitig schafft Ammann 1991 mit der Lancierung der «Michel Jordi Ethno Shoes» mit dem Kuhfell als Markenzeichen den Durchbruch, 1995 wird bereits das hunderttausendste Paar verkauft.

2006 steigt mit Marc Ammann die vierte Generation in die Firma ein. Er setzt auf Handwerk und Qualität statt auf Masse und verlegt die Produktion in eine Fabrik nach Italien. Seit zwei Jahren produziert Ammann ausserdem bei Fretz Men in Fahrwangen. Die Schuhe werden nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Kanada, den USA, Schweden, Norwegen, Finnland, Dänemark, Österreich, Deutschland, Italien, Frankreich und sogar der Mongolei und in Grönland verkauft.

Grund zum Feiern hat Ammann of Switzerland heuer nicht nur dem Jubiläum wegen. Das Geschäftsjahr 2016 war ein gutes: 14 200 Schuhe konnten ausgeliefert werden, das sind fast
15 Prozent mehr als noch 2015. «Wir sind nicht unzufrieden», sagt Marc Ammann dazu, das seien gute Zahlen. Doch die goldenen Zeiten sind vorbei. «Wie alle in der Mode-, Textil- und Schuhbranche mussten auch wir Abstriche machen.»

Schuld seien der Onlinehandel – und das Wetter. «Im Herbst, wenn die Winterstiefel in den Läden stehen, ist es zu warm. Und jetzt, da es erstmals richtig kalt ist, haben die Läden bereits wieder die Frühlingsschuhe in den Regalen.» Wer sich nicht über fehlende Minustemperaturen beklagen kann, sind die Mongolen und Kanadier. In diesen Ländern laufen auch die Verkäufe entsprechend gut.

Vieles hat sich gewandelt in den letzten 100 Jahren. Nur eines ist seit je gleich, es ist wohl das Erfolgsrezept: Damals wie heute steckt Lammfell in den Schuhen.

Aktivitäten im Jubiläumsjahr

  • 20. April Jubiläumsakt in der Trattoria amano Oberentfelden
  • 23./24. August Jubiläumsfest Ammann-Center Oberentfelden

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