Jubiläum
100 Jahre Aarauer Schmuckgeschichte im "Zum Silberhof"

Wie in den drei Generationen der Familie Widmer neben dem Silber das Gold immer wichtiger wurde.

Hermann Rauber (Text) und Sandra Ardizzone (Foto)
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Das heutige Widmer-Team: Jeannette Frey, Schmuck-Beraterin, Mireille Werz, Goldschmiedin, Thomas Widmer, Geschäftsführer, Noa Birti, Goldschmiedin (v.l.) und sitzend Susanne Widmer, Geschäftsführerin.

Das heutige Widmer-Team: Jeannette Frey, Schmuck-Beraterin, Mireille Werz, Goldschmiedin, Thomas Widmer, Geschäftsführer, Noa Birti, Goldschmiedin (v.l.) und sitzend Susanne Widmer, Geschäftsführerin.

Sandra Ardizzone

Eigentlich hätte der 1891 geborene Fritz Widmer wie sein Vater «Postcommissär» werden sollen. Doch dem jungen Mann stand der Sinn nicht nach Beamtentum, sondern nach Kreativität und beruflichem Kunsthandwerk. Also lernte er Gold- und Silberschmied und eröffnete 1917, mitten in schwierigen Kriegsjahren, sein eigenes Fachgeschäft in Aarau. Der Laden befand sich anfänglich an der Laurenzentorgasse im Haus des «Cigarren-Fischer», später in der 1922 neu erbauten Postfiliale im Kaufhaus. Ein Jahr später packte Widmer die Chance, das alte Mädchenschulhaus am Graben 22 zu kaufen, das er nach einem Umbau und zu seinem Metier passend 1924 «Zum Silberhof» benannte. An diesem geschichtsträchtigen Ort kann die dritte Generation heute mit Stolz auf «100 Jahre Aarauer Schmuckgeschichte» zurückblicken.

«Butzli» war Mitinitiant des MAG

Für Fritz Widmer, von seinen Freunden «Butzli» gerufen, war «Silber das wahre Gold», sein Erfolg beruhte vornehmlich auf dekorativem Tafelsilber. Dazu gehörten auch Trinkbecher und -pokale, die sich nicht zuletzt am Eidgenössischen Schützenfest 1924 bestens verkaufen liessen. Sein eigenhändiges Schaffen war teilweise inspiriert durch Jugendstil und Art Déco. Zu seinen besonderen Werken gehören die in Kupfer getriebenen Affen, die einst die Front des Restaurants Affenkasten an der Hinteren und Vorderen Vorstadt zierten und heute noch zu sehen sind. «Butzli» war eine Frohnatur, ein echtes Stadtoriginal, der die Geselligkeit liebte und pflegte, etwa beim täglichen Abendschoppen. Er zählte 1937 zu den Initianten des MAG (Markt Aarauer Gewerbetreibender).

1963 übernahm Sohn Ruedi Widmer nach Jahren als Teilhaber das Geschäft in alleiniger Verantwortung. Er passte sich der Entwicklung der Branche an und setzte auf kunstvolle Einzelstücke. Dank seiner Kreativität und trotz seiner offenbar «zu grossen Hände» entstanden Unikate aus Gold in Kombination mit Edelsteinen, das neue Markenzeichen des Familienunternehmens. Seine Lehr- und Wanderjahre führten den Berufsmann bis nach Stockholm und Helsinki, er verkörperte «weltoffenes Flair mit Aarauer Solidität». Diese Eigenschaften schätzte die Bürgerschaft, wählte sie ihn doch 1961 in den Stadtrat, dem er während dreier Amtsperioden angehörte.

Die modische «Zeitbezogenheit ist an den Moment gebunden und wechselhaft», stellt Thomas Widmer fest, der Vertreter der dritten Generation, der seit 1990 für das Unternehmen verantwortlich zeichnet. Widmer, der seine Ausbildung in Los Angeles, London und Glasgow absolvierte, setzt bis heute auf «schlichte Formen», auf ein «reduziertes und zeitlos gültiges Schmuckdesign». Er zeigt damit augenscheinlich, dass «die Welt seit 1917 eine andere geworden ist».

Frauen spielen wichtige Rolle

Entscheidenden Anteil am Gelingen und Gedeihen hatten über die hundert Jahre lang auch die Frauen im «Silberhof», das heisst in der ersten Generation Rosa Widmer-Baumann, dann Doris Widmer-Merkelbach und seit 1992 Susanne Widmer-Gerber. Während die Gold- und Silberschmiede vorwiegend im Atelier ihrem Kunsthandwerk nachgingen, standen die Ehegattinnen – neben der Rolle als Hausfrau und Mutter notabene – ihren «Mann» an der «Front», im Ladengeschäft bei Beratung und Verkauf oder spät am Abend auch noch über der Buchhaltung.

Drei Schaufenster im «Silberhof» zeigen zum Jubiläum Zeugnisse der Schaffenskraft von drei Generationen Widmer, ein viertes ist der «Zukunft» gewidmet. Sohn Adrian und Tochter Cornelia der Eheleute Widmer-Gerber haben andere berufliche Erfüllungen gefunden. Trotzdem betont das heutige Inhaber-Paar, dass die Familie «dem Bestreben, die lange Tradition von Goldschmied Widmer in eine neue Epoche zu lenken, die grösste Aufmerksamkeit schenken wird». Das dürfte in drei bis vier Jahren der Fall sein. Doch vorerst darf am Samstag das hundertjährige Bestehen am Graben gefeiert werden.