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«10 Jahre her» – Meilensteine für die Region: Der neue Bahnhof machte Aarau zur Metropole

Vor zehn Jahren wurde der neue Bahnhof eröffnet. Ein Grossprojekt, auf das die Stadt Aarau jahrelang gewartet hatte.

Janine Gloor
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Die grösste Bahnhofsuhr der Schweiz, das Busbahnhofdach «Wolke» und die roten Tulpensitze machen den Aarauer Bahnhof unverkennbar. Das Schützendenkmal vor dem alten Bahnhof.

Die grösste Bahnhofsuhr der Schweiz, das Busbahnhofdach «Wolke» und die roten Tulpensitze machen den Aarauer Bahnhof unverkennbar. Das Schützendenkmal vor dem alten Bahnhof.

Michael Küng (3.2.2020) Bild: to (18.11.2007

2010 erhielt Aarau mit dem Bahnhofsneubau ein neues Portal. Verschwunden war der gelbe, spätklassizistische Bau mit Wurzeln im Jahr 1859. Er wurde ersetzt durch einen langen Koloss aus Stahl und Glas, modern glänzend, mit einer riesigen Bahnhofsuhr. Endlich ein Bahnhof, der einer Hauptstadt würdig ist. SBB-Chef Andreas Meyer verglich den neuen Aarauer Bahnhof bei der Eröffnung im Herbst 2010 gar mit dem Neat-Durchstich am Gotthard; eine «Investition in die Zukunft dieses Landes und dessen Bürgerinnen und Bürger».

Serie «10 Jahre her»

Meilensteine für die Region

Der Bahnhof war ein Erfolgsprojekt. Die Hürden einer kantonalen und zwei städtischen Abstimmungen habe der Bahnhof elegant genommen, sagte der damalige Stadtpräsident Marcel Guignard an der Eröffnung. Eine Ja-Welle für den Bahnhof Aarau, schrieb die Aargauer Zeitung nach der Abstimmung im Februar 2008, keine Aargauer Gemeinde hat Nein gesagt zum 21-Millionen-Franken-Grosskredit des Kantons für das Stockwerkeigentum im Bahnhofsgebäude. Obwohl es im Vorfeld der Abstimmung zu Diskussionen gekommen ist. Auch die Stadt Aarau kaufte ein Stockwerk. Diese Investitionen machten den Neubau des Bahnhofs überhaupt möglich. Die Stadt verkaufte ihren Anteil später an das Kantonsspital Aarau.

Marcel Guignard, ehem. Stadtpräsident: «Wir haben im Stadtrat und beim Stadtbauamt viel Energie darauf verwendet, dass der Neubau Realität wurde.»

Marcel Guignard, ehem. Stadtpräsident: «Wir haben im Stadtrat und beim Stadtbauamt viel Energie darauf verwendet, dass der Neubau Realität wurde.»

«Treffpunkt Schützendenkmal»

Mit der Umgestaltung verlor der Bahnhof das Schützendenkmal, einen wichtigen Treffpunkt für Schulreisen, gewann aber ein veritables Einkaufsparadies dazu. Ein Ort, an dem man am Sonntag und nach Feierabend einkaufen konnte. Der neue Bahnhof machte Aarau zur modernen Stadt.

Schon ein Jahr vor der Eröffnung waren sämtliche Gewerbeflächen vermietet. Im Erdgeschoss sind die meisten Läden und Restaurants auch zehn Jahre später noch anzutreffen: Buchhaus Lüthy, Blumenhaus Frei, Café Ritazza, das asiatische Restaurant Scent of Bamboo (ursprünglicher Name Suan Long), Migrolino, Kiosk, Apotheke Dr. Bähler. Im Untergeschoss seit Eröffnung dabei sind Coop, Burger King, das Modegeschäft Chicorée, Salt (früher Orange), Swisscom-Shop, Tchibo, Visilab, der Zeitungs- und Bücherkiosk von Valora, SBB-Schalter, das Süsswarengeschäft Lolipop, der Coiffeur (heute Gidor) und die chemische Reinigung, heute 5àsec. Neu dazugekommen sind der Brezelkönig, der Geschenkartikelladen Box und das Nagelstudio Nail World Center.

Das Schützendenkmal vor dem alten Bahnhof. (18.11.2007)

Das Schützendenkmal vor dem alten Bahnhof. (18.11.2007)

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Für Coop scheint der Bahnhof Aarau ein guter Standort zu sein. 2014 wurde der Laden umgebaut, 2017 eröffnete Coop schräg vis-à-vis die schweizweit erste Filiale ihres Italien-Ablegers «Sapori d’Italia». «Wir sind mit der Entwicklung des Supermarkts und des Sapori d’ Italia im Bahnhof Aarau zufrieden. Die Angebote unserer Verkaufsstellen ergänzen sich», sagt ein Sprecher von Coop. Ob die im November 2018 eröffnete Mi­gros-Filiale im östlichen, neuen Teil des Bahnhofs zu einer Konkurrentin geworden ist, kommentiert er nicht.

Dunkle Zeit, Wolke und Tulpen

Es war ein Bahnhof der Superlative, der 2010 in Aarau eröffnet wurde. Der modernste Bahnhof der Schweiz mit der grössten Bahnhofsuhr Europas, so wurde er angepriesen. Mit einem Durchmesser von neun Metern, der über drei Stockwerke reicht, hat Aarau tatsächlich die grösste Uhr im Schweizer Bahnhofsdesign. Der Titel «grösste Bahnhofsuhr Europas» musste sie aber ziemlich bald wieder abgeben, als herauskam, dass der Bahnhof der französischen Stadt Cergy-Saint-Christophe eine noch grössere Uhr hat. Dort besteht der ganze Bahnhof aus Uhr.
Und noch eine andere Enttäuschung gab es: Die grösste Bahnhofsuhr der Schweiz war quasi eine Tageslichtuhr, im Dunkeln konnte man die Zeit nicht ablesen, weil nur die Stunden- und Minutenmarkierungen erleuchtet waren. Die Zeiger drehten im Dunkeln. Jahre später wurde nachgerüstet. Doch dann trübte das mehrfach ausgezeichnete Busbahnhofdach «Wolke» die Sicht auf die Uhr. Wie der Name verspricht, ist das Dach jedoch genug luftig, dass darunter sogar Tulpen wachsen: So heissen die roten Stühle niederländischer Machart, die 2013 montiert wurden. Doch die Sitze verbreiten auch nicht hundertprozentiges Glücksgefühl, sie sind ein bisschen widerspenstig und ein beliebtes Ziel für Vandalen und deshalb ständig kaputt. Die Stadt gibt ihnen derzeit noch eine letzte Chance: Der Hersteller hat versprochen, die Tulpen der neusten Generation seien stabiler. (jgl)

Das Schützendenkmal, ein Geschenk der Schützen anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens 1924 an die Stadt, wurde auf das Kasernenareal umgesiedelt.

Bahnhof war Dauerbrenner auf der To-do-Liste

10 Jahre neuer Bahnhof sind eine lange Zeit. Aber noch viel länger dauerte die Vorbereitungszeit. Marcel Guignard wurde 1988 Stadtammann von Aarau. «Der Bahnhof hat mich vom Wettbewerb in den frühen 90er-Jahren bis zum fertigen Bau permanent begleitet», sagt er. «Wir haben im Stadtrat und beim Stadtbauamt viel Energie darauf verwendet, dass der Neubau Realität wurde.»

In der gleichen Volksabstimmung, in der die Aargauerinnen über das Stockwerkeigentum im Bahnhofsgebäude abstimmten, sagten die Aarauer Ja zu 17 Millionen Franken für ein neues Fussballstadion. «Aarau erhält eine Maladière», titelte die Aargauer Zeitung. Im Gegensatz zu dieser Misère ist der Bahnhof auf weniger Widerstand von der Bevölkerung gestossen. Nie haben Beschwerden oder Einsprachen das Projekt massiv verzögert, sagt Guignard. «Es war, als hätte sich Aarau nach einem neuen Bahnhof gesehnt.» Er sei nach wie vor sehr zufrieden mit dem Bahnhof. «Die Architektur des langen Gebäudes war eine Herausforderung und gefällt mir gut.» Guignard freut sich auch heute noch jedes Mal, wenn er durch den Bahnhof geht.