Aarau

1. Türchen des Adventskalenders: Napoleons vergessenes Wagenrad

Markus Bertschi mit dem riesigen Wagenrad, das Napoleons Soldaten in Suhr flicken lassen mussten.

Markus Bertschi mit dem riesigen Wagenrad, das Napoleons Soldaten in Suhr flicken lassen mussten.

Im Museum Suhr steht ein Rad im Depot, das an düstere Zeiten im Dorf erinnert.

Das arme Pferd, das den Wagen ziehen musste. Allein dieses eine Rad ist so schwer, dass es vier Hände braucht, um es aufrecht zu halten. Aus harter Eiche gemacht, mit Eisen beschlagen, ockerfarben angemalt – und einer der Schätze des Museum Suhr. Das Wagenrad stammt auch nicht von irgendwo her: Es soll beim Durchmarsch von Napoleons Truppen in den Jahren 1798 oder 1799 bei einem Suhrer Wagner zur Reparatur abgegeben worden – und vergessen gegangen sein. Und so stand es jahrein, jahraus in der Werkstatt, bis es von einem Nachfahren des Wagners ins Museum gebracht wurde.

Ein Rad aus Napoleons Tross, so gross im Durchmesser, dass es dem klein gewachsenen Franzosen bis unters Kinn gereicht hätte, hätte er sich danebengestellt. «Dieses Rad ist für uns etwas ganz Besonderes», sagt Markus Bertschi, Beisitzer im Museum Suhr. Passend dazu rollt er ein Ölgemälde aus, das die älteren Suhrer noch aus ihren Kindertagen kennen: Die Suhrer Kirche ist in dicke Rauchschwaden gehüllt, ein Strohdachhaus steht im Vollbrand, auf dem Feld liegen niedergemetzelte Pferde, tote Soldaten. Ein furchtbares Bild, das jahrelang in der Bärenmatte über der Bühne gehangen hat. Es habe noch viel mehr Tote darauf gehabt, erinnert sich Bertschi. «Aber irgendjemand hat das abgeschnitten.» Tatsächlich: Der untere Bildrand ist ausgefranst, da wurde ein Teil einfach abgesäbelt.

Wer das Bild gemalt hat und was es darstellt, ist unklar. Vermutlich sind es die Szenen der Brandschatzung Suhrs im Frühling 1798 durch die französischen Truppen. Im März hatte Bern vor den heranrückenden Franzosen kapituliert. Mit dem Ausrufen der «Helvetischen Republik» vom Balkon des Aarauer Rathauses aus endete die fast 400-jährige Herrschaft der Berner über den Aargau. Was den Aarauern mehrheitlich recht war, stiess den Suhrern sauer auf. Die Suhrer hatten es nicht schlecht gehabt unter den Berner Herrschaften.

Von Franzosen erstochen

Mit dem Bejubeln der französischen Befreier war es aber auch in Aarau schnell vorbei: Während des «Zweiten Koalitionskrieges» im Gebiet der heutigen Schweiz zwischen Frankreich und seinen Gegnern Russland und Österreich zogen nicht nur zehntausend Soldaten durch den heutigen Aargau, die helvetische Republik musste zudem Transporte erledigen, Frondienste und Kriegssteuern leisten. Ausserdem quartierten sich zwölftausend Soldaten in Aarau und der Umgebung ein und liessen sich von der Bevölkerung durchfüttern.

Die Soldaten benahmen sich aber alles andere denn als dankbare Gäste. So ist beispielsweise im Totenrodel der Gemeinde im Jahr 1798 eingetragen: «Suhr den 10ten May ist mörderischer weise von einem französischen Husaren erstochen und den 13ten dito begraben worden Felix Wildi, Hausvater von Suhr, war im 50ten Jahr seines Alters.» Wie Alfred Lüthi in seiner Dorfchronik schreibt, soll Müller Wildi zwei einquartierten Husaren den Wein nicht schnell genug herbeigeschafft – und dafür mit dem Leben bezahlt haben.

Traurige Geschichten. Aber wohl die Geschichte, die zum Wagenrad gehört. «Es ist doch schön, wenn man nicht nur die Geschichten erzählen kann, sondern auch etwas Handfestes dazu hat», sagt Bertschi und lacht. In Suhr jedenfalls kennt jedes Schulkind die Geschichte von «Napoleons Wagenrad».

Öffnungszeiten im Winter 4. Dezember, 15. Januar, 19. Februar, 5. März, jeweils von 14 bis 17 Uhr. www.museum-suhr.ch. Das Rad ist aktuell nicht ausgestellt.

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