Seit fast 700 Jahren ist Aarau auch die Stadt der Glockengiesser. Als erste Glocke, die hier entstanden ist, gilt die Barbara-Glocke in der Freiburger Kathedrale.

Sie ist 1367 im Betrieb von Walter Reber – der ersten Aarauer Giesserfamilie – entstanden.

Dafür, dass diese Glocke heute noch fast schöner tönt als damals und noch viele Jahrzehnte wohlbehalten überleben wird, haben jüngst die Spezialisten der Aarauer Glockengiesserei Rüetschi gesorgt.

Letzte tonnenschwere Glocke wurde im Jahr 2000 gegossen

Die Firma steht heute noch am Rain. Dort, wo 1607 Hans-Jakob Stalder seine Schmelzhütte aufgebaut hat, welche Anfang des 19. Jahrhunderts von Jakob und Sebastian Rüetschi übernommen worden ist. Die Giesserfamilie Rüetschi ist 1917 ausgestorben, mit der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft konnte der Name jedoch erhalten werden.

Kirchenglocken entstehen am Rain nach wie vor, allerdings selten mehr richtig grosse. Die letzte 5-Tonnen-Glocke ist im Jahr 2000 gegossen worden. Zurzeit ist der Ersatz für das Geläut der Kirche Saint-Aubin in Arbeit, das im September 2012 durch einen Brand zerstört worden ist.

Der Glockenguss macht aber nur noch wenige Prozent des Umsatzes aus. Einen Drittel ihres Umsatzes erwirtschaftet die Firma in den Bereichen Automation und Steuerungstechnik und einen weiteren Drittel mit Sanierungen.

Dabei geht es heute nicht mehr primär um die isolierte Restauration von Glocken und Glockenstühlen, sondern darum, ganze Kirchtürme auf Vordermann zu bringen. Das nötige Know-how hat sich das Unternehmen auch im Rahmen seiner Beteiligung am europäischen Forschungsprogramm ProBell erworben.

Lebensdauer von Glocken verbessern

«Früher haben wir Planer, Architekten, Denkmalpfleger und Konservatoren mit unserer langjährigen Erfahrung überzeugen können, wenn es um einen Auftrag ging. Heute wird verlangt, dass wir die Auswirkungen der ins Auge gefassten Massnahmen schon vor der Ausführung mit Zahlen belegen können», erklärt Geschäftsführer René Spielmann.

Die Glockenforschung habe deshalb Verfahren entwickelt, mit denen sich Erfahrung messen und aufzeichnen lasse. «Ziel der Sanierungen ist es heute nicht nur, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Glocken möglichst schön tönen. Wir arbeiten in einem Turm möglichst ganzheitlich», sagt Spielmann.

Dabei gehe es darum, Glocken und Glockenstuhl so aufzustellen, dass trotz optimiertem Glockenklang negative Auswirkungen auf den Turm ausblieben und das Geläute nicht lauter werde.

Es sei mittlerweile möglich, erklärt René Spielmann, mit geeigneten Massnahmen erheblich Einfluss auf die Statik von Glockentürmen zu nehmen: «Wir können die Wirkung der Vibrationen eines Geläuts auf das Gebäude um bis zu 70 Prozent reduzieren und damit auch weitgehend verhindern, dass sich ein Glockenturm aufschaukelt.»

Mit solchen Verbesserungen liessen sich nicht nur die Lebensdauer der Glocken, sondern auch jene der Kirchtürme massgeblich steigern.

Möglich sei das einerseits dank der intensiven Forschung in den letzten Jahren. Anderseits habe sich aber auch die Messtechnik deutlich verbessert. «Wir sehen heute viel direkter und exakter, welche Massnahmen an einem Geläut sich wo und wie auswirken», sagt Spielmann.

Und so hat die traditionelle Glockengiesserei denn auch massgeblich dazu beigetragen, dass der volle Klang der vor bald 700 Jahren in Aarau gegossenen ersten Glocke erhalten bleibt, und sie vom Glockenstuhl der Kathedrale Freiburg aus die Bevölkerung noch weitere Jahrhunderte erfreuen darf.