50 Jahre Frauenstimmrecht
Frauenstimmen: «Ich war eine absolute Exotin unter Männern»

Serie zu 50 Jahre Frauenstimmrecht – heute: Barbara Ducceschi, Präsident Aargauer Gemeinnützige Frauenvereine

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Barbara Ducceschi: Ehrlichkeit und gegenseitiger Respekt ist ihr besonders wichtig.

Barbara Ducceschi: Ehrlichkeit und gegenseitiger Respekt ist ihr besonders wichtig.

Iris Krebs

Wer sind Sie?

Ich bin Barbara Ducceschi, eine Optimistin. Dankbar dafür, in einem Land wie die Schweiz geboren worden zu sein und dankbar für die damit verbundenen Möglichkeiten. Es ist für mich selbstverständlich, meine Meinung sagen zu dürfen. Ich lache gerne, da ich denke, dass Lachen die beste Art ist, dem Leben die Zähne zu zeigen. Das bedeutet aber nicht, dass ich das Leben nicht ernst nehme!

Wofür erheben Sie Ihre Stimme?

Solidarität, Fairness und Unterstützung von Schwächeren im Sinne von Ermächtigung. Unterstützung soll aber nicht Almosen sein, sondern Hilfe zur Eigenständigkeit sein – obwohl ich keine Freundin von Anglizismen bin, gefällt mir der Begriff «Empowerment» sehr. Ehrlichkeit und gegenseitiger Respekt ist mir wichtig. Ich versuche, Dinge beim Namen zu nennen, dabei aber nie «auf die Person» zu zielen.

Was haben Sie im Jahr 1971 gemacht?

Da ich sehr spät im Jahr geboren war, wurde ich erst mit dem nachfolgenden Jahrgang im Frühling 1971 in die 1. Klasse eingeschult. Dass Frauen nun auch abstimmen durften, habe ich ganz bewusst mitbekommen. Seit ich mich erinnern konnte, habe ich meinen Vater zur Wahlurne begleitet und durfte seine Stimmzettel jeweils selbst in die Urne werfen. Irgendwann fragte ich, wieso meine Mutter nie mitkäme und als mir mein Vater erklärte, dass sie nicht abstimmen dürfe, hat das mein Selbstverständnis ganz gehörig durcheinandergewirbelt. Ich konnte schon damals nicht verstehen, wieso eine Frau das nicht machen dürfte…

Chancengleichheit, was braucht es dazu?

Es braucht mehr Möglichkeiten, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen u.a. mit Teilzeitstellen, auch in Kaderpositionen. Aber auch die Arbeit einer Frau, die nicht noch ausser Hause erwerbstätig ist, sollte vermehrt wertgeschätzt werden. Eine Frau, die nach Familienpause wieder ins Berufsleben einsteigen will, hat es extrem schwer, obwohl sie beste Managementkenntnisse mitbringt – sie kann organisieren, ist flexibel, belastbar und vielseitig einsetzbar. Diese Fähigkeiten werden jedoch kaum anerkannt. Es darf zudem nicht sein, dass Frauen, die nicht erwerbstätig sind, aber im ehrenamtlichen oder familiären Umfeld – sei es in der Kindererziehung oder der Pflege gebrechlicher Angehöriger – arbeiten keine Absicherung erhalten. Frauen dürfen aber absolut auch noch fordernder werden. Wir Frauen müssen nicht warten, bis wir etwas zugeteilt bekommen – es steht uns zu, wir dürfen es einfordern.

Wovon träumen Sie?

Ich träume von einer Welt, in der es keine Rolle spielt, welchem Geschlecht, welcher Hautfarbe, welcher Nationalität ein Mensch angehört – wir begegnen uns als Menschen und respektieren uns gegenseitig als solche. Vermutlich werde ich das aber nicht mehr erleben. Persönlich freue ich mich darauf, wieder reisen zu dürfen, speziell nach Ostafrika zu unserem Schulprojekt, der SMK Shining Stars Academy, einer Schule in Kenia, die nach langer, pandemiebedingter Schliessung 2020 nun seit diesem Januar wieder geöffnet ist und wo beinahe 300 Kinder unterrichtet werden, vom Kindergarten bis zur 5. Klasse.

Worauf sind Sie besonders stolz?

1986 bin ich im Rahmen einer Juniorprogrammierausbildung in die Informatik eingestiegen, war damals eine absolute ­Exotin unter Männern. Trotzdem gab es nur einige wenige Situationen, in denen ich als Frau «schräg» angeschaut wurde – ich habe kaum je ei- ne Benachteiligung erleben ­müssen, weder im Umgang, noch in der Arbeit. Die nächsten 20 Jahre blieb ich diesem Metier treu und es war eine unglaublich gute Zeit. Privat bin ich glücklich über die schon erwähnte Schule in Kenia – es ist unser Beitrag des «Empowerments» von jungen ­Men- schen.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft?

Seid mutig und wagt etwas – und verliert nie euren Humor. Reist und lernt andere Kulturen, andere Werte kennen, erweitert so euren Horizont.

Ihr Leitsatz?

(Fast)

alles hat auch eine positive Seite – manchmal dauert es ein bisschen, bis man sie sieht; aber sie ist (meist) da.