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46-jährige Villmergerin sucht ihren leiblichen Vater

Nicole Wey, geborene Eibl (links), zusammen mit ihrer Tochter Julia

Nicole Wey, geborene Eibl (links), zusammen mit ihrer Tochter Julia

Auch Nicole Wey, geborene Eibl, ist das uneheliche Kind einer Österreicherin und eines ihr unbekannten, aber offenbar gut situierten Schweizers.

Als Nicole Wey im «Sonntag» vom 13.3. über Ingeborg F. und ihre Mutter Philomena Schultermandl las, merkte sie: Das ist auch ihre Geschichte (Geschichte von Ingeborg F. links) Ihre begann genau 10 Jahre später, 1964. Auch ihre Mutter war von Österreich als Serviertochter in die Schweiz gekommen. Auch sie wurde von einem gut situierten Schweizer schwanger und verheimlichte ihrer Tochter seine Identität.

«Ich wollte meine Wurzeln kennen»

Der Unterschied: Nicole Weys Mutter gab ihre Tochter 1964 drei Monate nach der Geburt in eine Pflegefamilie – und sie ging nicht nach Österreich zurück. «Schwanger hätte sie niemals nach Hause zurückkehren können», sagt ihre Tochter Nicole Wey heute, «sie stammte aus einer schwarzkatholischen Gegend.»

Dass ihre Eltern, bei denen sie in Villmergen aufwuchs, nicht ihre leiblichen sind, weiss Nicole Wey, seit sie denken kann. «Ich habe wunderbare Eltern», sagt sie, «ich wurde genauso geliebt wie meine vier Jahre ältere Schwester, ihre leibliche Tochter.»

Dennoch packte sie mit 25 Jahren die Neugier: «Ich wollte meine Wurzeln kennen», sagt sie. Die Suche war zuerst nicht schwierig, denn ihr ursprünglicher Familienname Eibl stand seit je auf ihrem Zahnbüchlein. Auch wusste sie, dass ihre Mutter damals in Grenchen im Kanton Solothurn gearbeitet hatte.

Der Griff zum Telefon

Eine Gemeindeangestellte verriet ihr den Namen des Schuhgeschäftes, wo die Mutter Verkäuferin war. «Schuhe!», Nicole Wey schmunzelt, «auch ich habe heute ein Schuhgeschäft.» Am ehemaligen Arbeitsort in Grenchen erinnerte man sich an eine frühere Mitarbeiterin, die damals die beste Freundin der Mutter war. Diese wusste, dass Nicoles Mutter heute in Riniken lebt. Wiederum über die Gemeindekanzlei kam die Tochter zur Wohnadresse.

«Einen Brief wollte ich nicht schreiben, es hätte ja sein können, dass ihr Mann ihn öffnet, und ich wollte keine Familie zerstören.» Also griff sie zum Telefon und nahm sich vor, sofort aufzulegen, falls sich jemand anders als ihre Mutter melden würde. «Sie freute sich! Sie sagte, sie hätte immer gehofft, dass ich nach ihr suchen würde, denn ihr selbst war das nicht erlaubt gewesen, sie hatte vor der Freigabe zur Adoption einen Verzicht unterschreiben müssen.»

Lange habe sie danach eine recht gute Beziehung zu ihrer leiblichen Mutter gehabt. «Aber wir gerieten immer aneinander, wenn ich sie nach meinem leiblichen Vater fragte.» Es ist ihre Geschichte, über deren Anfang sie Bescheid wissen will. «Ich suche keine Eltern, ich suche meine Wurzeln.»

Und so unternimmt Nicole Wey, seit sie 25 Jahre alt ist, immer wieder einen Versuch, ihren Erzeuger zu finden. «Ich möchte das Thema abschliessen, und wenn ich am Ende nur an seinem Grab stehe.»

In einem Heim für verlassene Mütter geboren

Dies hat sie bisher herausgefunden: Ihre Mutter gebar sie in Goumois bei Saignelégier in einem Heim für verlassene Mütter des Seraphischen Liebeswerks Solothurn. Dieses besuchte Nicole Wey vor einem Jahr und konnte Einsicht in ihre Akten nehmen. «Die Oberin Marie-Theres Rotzetter erinnerte sich sofort an mich. Sie war schon vor 46 Jahren dort.»

Im Archiv ist in einem Protokoll von 1964 die Vorgeschichte festgehalten: Die Mutter schloss schon vor der Geburt mit dem Kindsvater einen Vergleich ab. In diesem verpflichtete sich der Vater zur monatlichen Bezahlung von 120 Franken bis zum 18. Altersjahr und zu einer Abfindung von 3000 Franken.

Die 3000 Franken waren Schweigegeld. Nicole Weys Mutter verpflichtete sich, den Namen des Kindsvaters für immer zu verschweigen. Doch die Vormundschaftsbehörde weigerte sich, diesen Vergleich zu akzeptieren. Im Protokoll heisst es: «Da die Kindsmutter nicht gewillt ist, den Namen des ausserehelichen Vaters bekannt zu geben, kann ihr nach konstanter Praxis die elterliche Gewalt nicht erteilt werden ...»

Nicole, die lediglich als Pflegekind zur Familie Wey kam, wurde darauf zur Adoption freigegeben. Im ersten Jahr nach ihrer Geburt hatte ihre leibliche Mutter sie zuerst wieder zu sich nehmen beziehungsweise der Familie ihres Chefs zur Adoption geben wollen. Das Gesuch wurde jedoch abgelehnt.

3000 Franken Schweigegeld

Ein Jahr später heiratete die Mutter und erklärte ihren Verzicht auf das Sorgerecht. Eine Schwester des Seraphischen Liebeswerks setzte sich dafür ein, dass Nicoles Pflegeeltern auch ihre Adoptiveltern werden konnten. Dies dauerte jedoch zehn Jahre. Nicole musste als Österreicherin zuerst noch das Schweizer Bürgerrecht erhalten. Nach zehn Jahren erhielten die Eltern ein Sparbuch mit 11229 Franken, einbezahlt von Nicoles unbekanntem Vater.

Etwas versteht Nicole Wey bis heute nicht: «Diese 3000 Franken Schweigegeld des Vaters sind doch heute nichts mehr wert. Warum verrät meine Mutter mir seinen Namen nicht?» Stattdessen schweigt die Mutter die Existenz ihrer ersten Tochter tot: Ihre Kinder wissen nicht, dass sie eine Halbschwester haben.

Einmal stand Nicole Wey an einer Vernissage in Brugg neben ihren Halbgeschwistern, konnte es kaum fassen und blieb dennoch stumm.

Ihre Mutter hat ihr nur erzählt, ihr Vater sei ein verheirateter Bijoutier aus Basel gewesen, der ihr das Blaue vom Himmel versprochen habe. Eine Zeit lang sah sie deshalb in jedem Basler, der ihr ähnlich sah, ihren Bruder.

Haus neben den Eltern

Trotz aller Liebe im Elternhaus dachte Nicole Wey manchmal, wenn die Gefühle mit ihr durchgingen: «Sie sind halt nicht mein Fleisch und Blut.» Ihre Schwester war das ruhige Musterkind. Nicole Wey hingegen haute mit 18 Jahren von zu Hause ab. Eineinhalb Jahre wohnte sie in Wohlen. Als sie wiederkam, machten ihre Eltern ihr keine Vorwürfe.

Heute hat sie selbst eine 17-jährige Tochter, ihr Haus in Villmergen steht gleich neben dem Elternhaus. Die Pflegemutter ist inzwischen gestorben. Zu ihrem Vater hat sie eine enge Beziehung, ihm vertraut sie alles an. «Mein Vater sagt immer: ‹Es ist in Ordnung dass du deinen leiblichen Vater suchst, ich weiss, dass du das tun musst.›» Und sie selbst findet: «Dieser Mann soll wissen, dass ich trotz allem gut herausgekommen bin!»

Hinweise zu Nicole Weys Vater bitte an: nicole.wey@bluewin.ch

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