250. Geburtstag
Zschokke-Jubiläum: «Nach allen Richtungen Besseres zu fördern»

Die Heinrich-Zschokke-Gesellschaft feierte im Grossratssaal den 250. Geburtstag des grossen Schriftstellers, Politikers und Volkserziehers.

Christoph Bopp
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Landstatthalter Alex Hürzeler bei seiner Geburtstagsrede.

Landstatthalter Alex Hürzeler bei seiner Geburtstagsrede.

Henry Muchenberger

Heinrich Zschokkes 250. Geburtstag ist eigentlich schon vorbei – geboren wurde er am 22. März 1771 in Magdeburg –, aber die Feier musste coronabedingt verschoben werden. Auf ein paar Tage mehr oder weniger kommt es bei über 200 Jahren ja nicht an, könnte man denken. Wobei es bei einem Mann wie Zschokke nicht ungefährlich ist, mit der Menge zu argumentieren. Denn hinter diesem Riesenwerk an gedruckten Schriften, die er hinterliess, und politischen Errungenschaften, die er auf den Weg brachte, droht der Mann selbst zu verschwinden. Der Eindruck, den er uns heute hinterlässt, wäre dann der eines unermüdlichen Schaffers – das war er auch –, aber es würde ihm nicht gerecht, ihn nur nach dem Fleiss und seiner Produktionsleidenschaft zu beurteilen.

Hürzeler: Zschokke ist präsent wie eh und je

Durch die Feier zog sich denn auch der Wille, die grosse Figur in die Gegenwart zu bringen. Landstatthalter Alex Hürzeler («Zschokke ist präsent wie eh und je») versuchte das ebenso wie Aaraus Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker («Zschokke hinterliess deutlichere Spuren im Aargau als Albert Einstein, an den man sich eher erinnert»).

Deutlich wurde der zeitliche Abstand im Vortrag, den Zschokke-Biograph Werner Ort hielt. Er wollte «Zschokke als Kommunikator» nahe bringen. Zschokke war zweifellos ein rhetorisches Talent erster Güte. Und sein Erfolg mit dem «Schweizerboten» (die Zeitschrift hatte mehr als 3000 Abonnenten) zeigt auch, dass er wusste, in welcher Sprache man dem damaligen Leser kommen musste. Aber das längere Zitat aus einem Spendenaufruf zeigte, dass Zschokkes Rhetorik eher an antiken Vorbildern geschult war als an modernen Ohren. Und stellt man sich vor, dass heute einer, der zeit seines Lebens kein Schweizerdeutsch sprach, das Volk erziehen wollte, sieht man schnell, dass das nicht funktionieren würde.

Egerszegi: Das Wort war seine stärkste Waffe

Wie soll man denn «Zschokke in die Gegenwart holen?», wie alt Ständerätin Christine Egerszegi-Obrist in ihrer Festansprache einleitend fragte. «Das Wort war seine stärkste Waffe, er nannte die Dinge beim Namen», auch das wird man nicht abstreiten können. Aber das, was von ihm bleibt, war eben offenbar nicht das Wort (oder vielleicht eher: die Worte), das zeigt der Vergleich mit dem deutschen Dichter Heinrich von Kleist, den Werner Ort bereits zog.

Kleist und Zschokke trafen sich in Bern, die Zusammenkunft spielt eine Rolle bei der Entstehung des «Zerbrochenen Krug». Gemeinsam war beiden, dass der grosse Goethe in Weimar ihre Stücke aufführte (Zschokkes Räuberdrama «Abällino» dürfte den Dichterfürsten schmerzvoll an den Erfolg seines Schwagers Christian August Vulpius mit «Rinaldo Rinaldini» erinnert haben, den er selbst mit seiner Produktion zu Lebzeiten nicht erreichte), wobei Kleists «Krug» durchfiel. Heute wird Kleist noch gelesen, Zschokke nicht mehr. Und das wird sich auch nicht ändern lassen.

Die Jubiläumsfeier zum 250. Geburtstag von Heinrich Zschokke fand im Aargauer Grossratssaal statt.
8 Bilder
Begrüssung der Gäste durch Hans Fahrländer, Präsident der Heinrich-Zschokke-Gesellschaft.
Das Gesangsterzett "Soltantosoprano" umrahmte die Jubiläumsfeier zum 250. Geburtstag von Heinrich Zschokke musikalisch.
Alt National- und Ständerätin Christine Egerszegi führte mit viel Humor durch ihre Festansprache an der Jubiläumsfeier.
Projektion von Ausschnitten des Zschokke-Films von Matthias und Adrian Zschokke an der Jubiläumsfeier zum 250. Geburtstag von Heinrich Zschokke.
Zschokke-Biograf Werner Ott referiert an der Jubiläumsfeier zum 250. Geburtstag von Heinrich Zschokke.
Der Bündner Regierungssrat Christian Rathgeb reklamiert Heinrich Zschokke für seinen Kanton Graubünden an der Jubiläumsfeier.
Lukas Pfisterer, Grossrat und Präsident der FDP Aargau, spricht an der Jubiläumsfeier zum 250. Geburtstag von Heinrich Zschokke.

Die Jubiläumsfeier zum 250. Geburtstag von Heinrich Zschokke fand im Aargauer Grossratssaal statt.

Fotos: Henry Muchenberger

Zschokkes literarische Produktion litt unter ihrer beschränkten Halbwertszeit, sagte Ort. Es war Gebrauchs- oder Sachliteratur und ihre Zeit lief ab. Was bleibt, ist die Wirkung.  Und der nachzuspüren, ist etwas schwieriger als in die Buchhandlung zu gehen und nach Zschokkes nicht mehr lieferbarem Werk zu fragen, liess uns Christine Egerszegi augenzwinkernd wissen. Und es geht halt nicht anders: Man muss sich in die damalige Zeit zurückversetzen, als es zwar Landschulen gab, die aber von ehemaligen Soldaten geführt wurden und deren pädagogisches Lieblingsinstrument die Rute war. Zschokke griff ein, regte an, kümmerte sich um die Verbesserung der Lehrerausbildung und versuchte auch die Mittel dafür aufzutreiben.

Ein Aufklärer im eigentlichen Sinne

Auch wenn Zschokke Leute wie Kant bewunderte, der mit seinem Wort von der Aufklärung als «Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit» als Kronzeuge gilt, war er ein Aufklärer im eigentlichen Sinne. Mit seinem Ziel, «einfache Leute fähig zu machen, am Staat teilzunehmen», wie es Lukas Pfisterer, Vizepräsident des aargauischen Grossen Rates und direkter Nachkomme Zschokkes, in seiner Grussadresse formulierte, trug er dazu bei, dass Aufklärung nicht als ein Projekt gebildeter Herrenclubs versandete, sondern Wirkung entfaltete.

So sah sich Zschokke in seiner «Selbstschau» (1842), aus der das Titelzitat stammt. Christine Egerszegi beleuchtete, wie Zschokke das Bildungswesen reformierte, Heute staunt man über die Initiativen Zschokkes, die vielen «Gesellschaften», die er gründete oder gründen half, Institutionen wie die Allgemeine Aargauische Ersparniskasse oder die Eidgenössischen Verbände und Feste, die er initiierte.

Aber damit erwies sich Zschokke wahrscheinlich wirkungsmächtiger als der berühmte Dichter Kleist – und vielleicht auch Albert Einstein. Und wenn man in der Klimaproblematik immerhin noch ein Thema findet, bei dem uns Zschokke direkt einen Hinweis geben kann (er war ein Verfechter nachhaltiger Forstpolitik und Waldbewirtschaftung), dann kann man sich leicht ausmalen, wo ein Zschokke-Charakter heute noch an- und zupacken würde. Wenn er ein Beispiel ist dafür, dass es das immer braucht, dann ist er in der Tat aktueller denn je.

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