Freitag, kurz vor 17 Uhr im Polizeigebäude in Schafisheim: Polizisten führten den 32-jährigen S. zum letzten Mal in den Gerichtssaal, an seinem Platz nahmen sie ihm die Hand- und Fussfesseln ab. Wie an beiden Verhandlungstagen erschienen zahlreiche Familienmitglieder des Angeklagten.

Auf der anderen Seite des Saals nahm die mittlerweile erwachsene Tochter jenes Mannes Platz, der im Sommer 1997 in Gipf-Oberfrick hingerichtet worden war, um Blutrache zu nehmen zu können. Um 17 Uhr verkündete Gerichtspräsident Beat Ackle das einstimmige Urteil: Der Kosovare muss für 18 Jahre ins Gefängnis – für den Mord an einem 32-jährigen Landsmann, einem Mitglied eines verfeindeten Clans.

Vom eigenen Vater belastet

Der 32-jährige Kosovare nahm das Urteil gefasst entgegen und hörte in der Folge konzentriert und immer wieder nickend den Ausführungen des Gerichtspräsidenten und des Dolmetschers zu. Die Familienmitglieder kämpften währenddessen mit den Tränen. Der Gerichtspräsident führte in der Begründung aus, welche (erfolglosen) Anstrengungen das Gericht unternommen hatte, um den Vater des Angeklagten, der ihn umfassend belastet hatte, vor Gericht zu befragen.

Schliesslich sagte er aber: «Grundsätzlich konnten wir auf die Aussagen des Vaters abstellen.» Dieser hatte 1998 – wie auch andere Clan-Mitglieder – seinen Sohn S. und dessen Cousin als Todesschützen bezeichnet.

Härtere Strafe möglich gewesen

Der Gerichtspräsident erläuterte, dass die Beweise, die der Staatsanwalt vorgelegt hatte, genügt haben. Die Beweislast sei «erdrückend». Der Vorsitzende Beat Ackle ging noch weiter: Hätte der Staatsanwalt gefordert, dass der Kosovare für immer hinter Gitter bleiben muss, wären die Richter dem Antrag gefolgt.

Bei guter Führung könne S. nun aber hoffen, nach zwei Dritteln der verbüssten Gefängnisstrafe freizukommen, wobei er dann zurück in seine Heimat muss. Er hat bereits mehr als zwei Jahre seiner Strafe in Untersuchungshaft abgesessen.

Verteidiger geht wohl in Berufung

Die Verteidigung von S. hatte stets auf Freispruch plädiert. Etwa die vom Angeklagten nicht akzeptierte Pflichtverteidigerin, die trotzdem vor Gericht auftrat. Der vom Kosovaren gewählte Verteidiger, Rechtsanwalt Urs Oswald, hatte bereits vor der Urteilsverkündung gesagt, er ziehe den Fall vor Obergericht, falls es keinen Freispruch gebe.

In seinem Plädoyer setzte Urs Oswald denn auch dort an, wo sein Mandant am ersten Verhandlungstag aufgehört hatte: bei jenen unbekannten Todesschützen von Gipf-Oberfrick, die in Tat und Wahrheit für die Bluttat verantwortlich gewesen seien. «Der Onkel des Angeklagten hatte zwei tschechische Profikiller angeheuert», erklärte der Verteidiger.

Deren Namen habe der Clan-Chef, der einen Monat nach der Bluttat im Fricktal in Prag getötet worden war, nicht bekannt geben dürfen. Der Grund: Die Familie wäre sonst selber ins Fadenkreuz der tschechischen Killer geraten. Sein Mandant habe geholfen, die Ehre der Familie wiederherzustellen, so Oswald weiter, dies aber ohne Tatbeteiligung, sondern mit seiner Anwesenheit.

Der Cousin von S., der sich in Kosovo aufhält, sei in der gleichen Position: «Auch er wird zu Unrecht beschuldigt.» Es gab auch Anstrengungen, ihn ausliefern zu lassen. Offenbar war bei den örtlichen Behörden zu vernehmen, es gebe «zu viele» Männer mit gleichen Namen.

Der Verteidiger sprach von einem Indizienprozess und fragte: «Hat man an den Waffen irgendwelche Spuren gefunden?» Und er beantwortete die Frage gleich selber: «Überhaupt nicht! Es gibt keine Spuren irgendwelcher Art.» Die Anklage beruhe nur auf Hörensagen. In seinem Schlusswort bedankte sich der Angeklagte beim Gericht und sagte: «Lieber sterbe ich im Gefängnis, als dass ich etwas zugebe, das ich nicht gemacht habe.»