WM 2018

Wie sehr soll Petkovic seine Stammelf nun durcheinander wirbeln?

Vladimir Petkovic

Vladimir Petkovic

Die Schweiz steht nach dem Sieg gegen Serbien mit anderthalb Beinen in den WM-Achtelfinals. Eröffnet sind nun personelle Planspiele im Hinblick auf das weitere Turnier. Zumindest die Degradierung von Haris Seferovic auf die Ersatzbank drängt sich endgültig auf.

Rund 12 Stunden nach dem Sieg gegen die Serben ist das Schweizer Nationalteam von Kaliningrad in sein Trainingscamp nach Togliatti zurückgereist. Es war ein Flug mit Symbolcharakter. In Kaliningrad waren die Schweizer der Heimat geographisch näher als im vom Spielort 1900 km entfernten Togliatti. Doch statt die frühe Rückkehr in die Schweiz vorzubereiten, stehen sie mehr denn je mitten in dieser WM in Russland. Die Qualifikation für die Achtelfinals ist greifbar.

Die Ausgangslage vor dem letzten Spieltag in der Gruppe E ist derart komfortabel, dass sich die Schweiz am Mittwoch in Nischni Nowgorod gegen das bereits ausgeschiedene Costa Rica sogar eine Niederlage mit einem Tor Differenz leisten kann - sofern Serbien gegen Brasilien nicht gewinnt und bei einem allfälligen Unentschieden höchstens ein Tor mehr erzielt als die Schweiz bei ihrer knappen Niederlage gegen Costa Rica. Siegt Brasilien gegen Serbien, ist die Schweiz so oder so weiter.

Schweiz - Serbien, die Bilder zum 2. Gruppenspiel:

Das erste Ziel hat die Schweiz also mit einer hohen Wahrscheinlichkeit erreicht. Die Frage stellt sich nun, wie weit kann der Weg gehen in der K.o.-Phase? Wer gegen Brasilien nach einem Rückstand einen Punkt holt und gegen Serbien die Wende zum Sieg schafft, der darf die Latte etwas nach oben schieben. Die Schweizer wollen erstmals seit 1954 in einen WM-Viertelfinal. Doch ab den Achtelfinals zählt nur noch der Sieg. Um weiterzukommen, braucht es nicht nur eine solide Defensive und eine gute Organisation, es braucht auch die individuelle Klasse, um im Angriff mit einer Szene das Gleichgewicht zu seinen Gunsten aufzuheben.

Mit den Wechseln kam die Wende

Die zweite Halbzeit gegen Serbien hat aufgezeigt, welches der Weg der Schweiz sein könnte. Nationalcoach Vladimir Petkovic hat in der Pause seinen Fehler in der Startformation korrigiert und den einmal mehr schwachen Haris Seferovic durch Mario Gavranovic ersetzt. Knapp eine Viertelstunde vor dem Ende wechselte er dann Blerim Dzemaili aus und brachte Breel Embolo auf dem rechten Flügel, Xherdan Shaqiri rückte ins Zentrum. Es waren Änderungen, die zukunftsweisend sein könnten.

Es ist zweifelsfrei so, dass Gavranovic schon gegen Costa Rica eine Chance von Beginn weg verdient hat. Auch der Tessiner, in der abgelaufenen Saison 15-facher Torschütze in der kroatischen Meisterschaft, ist kein potenzieller WM-Torschützenkönig. Aber im Gegensatz zu Seferovic fand er sofort eine Bindung zum Team. Er machte das Angriffsspiel mit ein paar Seitenwechseln variabel, er kam immerhin zu einer sehr guten Chance und bereitete das Siegestor von Shaqiri mit einem feinen Steilpass vor. Das ist deutlich mehr, als es Seferovic vor der Pause mit seinen bloss drei Ballberührungen zu bieten hatte.

Die Frage, ob Seferovic oder Gavranovic spielt, darf sich also im Prinzip nicht mehr stellen. Heikler ist vor den nächsten WM-Tagen eine andere Personaldebatte. Soll Petkovic wie in den letzten 20 Minuten gegen Serbien Shaqiri im Zentrum spielen lassen und Embolo auf dem Flügel? Und dafür Dzemaili opfern? Shaqiri hätte mit dem Wechsel kein Problem. "Ich fühle mich auf dieser Position wohl und schoss auch ein Tor."

Die Frage ist taktisch allerdings heikel. Gerade in Partien gegen Teams von gehobener internationaler Klasse, gegen die Widersacher in der WM-K.o.-Phase also, sind die defensive Disziplin und die Laufwege von Dzemaili für das Gleichgewicht der Mannschaft nicht zu unterschätzen. Petkovics Vorgänger Ottmar Hitzfeld hatte auf dieser Position jeweils Granit Xhaka nominiert. Dieser war auch kein "Zehner", hat aber dank seinem defensiven Gewissen jeweils Druck gemacht auf die Angriffsauslöser beim Gegner und deren Passwege zugestellt.

Bei Dzemaili ist es das Gleiche. Ausserdem ist der Zürcher im Gegensatz zu Seferovic gegen Serbien nicht abgefallen. In der ersten Halbzeit hatte er die einzigen gefährlichen Aktionen der Schweizer. Nach der Personalrochade und mit Shaqiri in der Mitte und Embolo auf dem Flügel hat die Schweiz am Freitag zwar den Sieg erzwungen. Petkovic hat dies registriert - und doch dürfte dies auch bei den kommenden WM-Aufgaben eher die Lösung für eine taktische Änderung im Verlauf des Spiels bleiben.

Pause für Lichtsteiner und Behrami?

Andere mögliche Planspiele sind bloss von kurzfristiger Bedeutung und betreffen das Spiel gegen Costa Rica. Soll Petkovic seinem Captain Stephan Lichtsteiner eine Pause gönnen? Mit seinen 34 Jahren braucht der Aussenverteidiger mehr Zeit für die Regeneration als andere Spieler. Bei Juventus Turin hatten sie dies in der letzten Saison erkannt. Lichtsteiner hat in der Rückrunde der Serie A nur zweimal in zwei aufeinanderfolgenden Partien von Beginn weg gespielt.

Ausserdem ist Lichtsteiner schon einmal verwarnt. Holt er gegen Costa Rica eine gelbe Karte, ist er im Achtelfinal gesperrt. Die gleichen Überlegungen gelten auch für Valon Behrami. Der Kämpfer im Mittelfeld braucht wohl eher früher als später eine Pause und ist ebenfalls vorbelastet (wie auch Shaqiri und Fabian Schär). Mit oder ohne Lichtsteiner gegen Costa Rica? Mit oder ohne Behrami? Auch diese Fragen beschäftigen Petkovic, im Wissen, dass der letzte Schritt in die Achtelfinals, so klein er auch sein mag, trotz allem zuerst noch getan werden muss.

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