Erneute Krönung für «Les Bleus», 20 Jahre nach dem ersten Titel? Oder doch die Sensation, der riesige Triumph für Kroatien, erstmals in der noch jungen Geschichte des Landes, 20 Jahre nach der ersten WM-Teilnahme überhaupt? Es ist ein überraschendes Endspiel. Erstmals in der Neuzeit sind die grossen Fussball-Nationen im WM-Final nicht unter sich. Doch das hat seine Logik.

Deutschland?

Die Affäre Özil/Gündogan unterschätzt, sich selbst zerlegt mit einer Mischung aus Hurra-Fussball und Ideenlosigkeit, peinliches Vorrundenaus.

Spanien?

Einen Tag vor WM-Beginn den Trainer entlassen, danach den Ball hin- und hergeschoben ohne Ende, gescheitert im Achtelfinal an leidenschaftlichen Russen.

Argentinien?

Chaos auf dem Platz ohne Ende, Messi als heimlicher Trainer – und lustloser Spielmacher, gescheitert an den Franzosen, immerhin nach einem Spektakel mit sieben Toren.

Brasilien?

Grosse Hoffnungen, grosses Theater, ein Neymar, der sich immer am Boden wälzt, gescheitert im Viertelfinal an Belgien, immerhin etwas Stolz gezeigt.

Ja, es gibt gute Gründe, warum gerade Frankreich und Kroatien im Final stehen. Die Franzosen haben nach einem durchschnittlichen Start einen Steigerungslauf hingelegt. Sie zeigten die Qualitäten, die eine Turniermannschaft auszeichnen. Sie wirken homogen, die Stürmer verteidigen, die Verteidiger schiessen Tore, dazu verbarrikadieren sie das Zentrum resolut. «Wir waren elf Hunde auf dem Platz», sagt Jungstar Mbappé nach dem Halbfinal. Wie wahr.

Mario Mandzukic schiesst Kroatien in den WM-Final.

Mario Mandzukic schiesst Kroatien in den WM-Final.

Hunde und Pitbulls

Wenn die Franzosen Hunde sind, so treffen sie nun im Final auf Pitbulls. An solche gemahnen die Kroaten an dieser WM. Wie sie gegen England im Halbfinal nach dem 0:1-Rückstand reagierten, war herausragend. Da war ein Team voller Emotionen am Werk, voller Lust, lange zuleiden. Wer diese Qualitäten nicht auf den Platz bringt, ist im entscheidenden Moment verloren. Darum ist die Schweiz erneut im Achtelfinal ausgeschieden. Und darum lässt der Erfolg von Ivan Rakitic und Co. den Schmerz rund ums SchweizerNationalteam noch einmal grösser werden.

Neben den Kroaten waren mit Russland, Schweden und Uruguay weitere Mannschaften unter den besten acht der Welt, von denen man das nicht unbedingt erwartet hätte. Das grosse Favoritensterben – Italien und Holland fehlten zudem bekanntermassen gänzlich – bringt uns zur Frage: Ist die Schere zwischen denLändern weiter zugegangen? Die einfache Antwort: Ja. Bei den Nationalmannschaften passiert genau das Gegenteil dessen, was auf Klub-Ebene zu beobachten ist. Niemand kann sich einfach die besten Spieler zusammenkaufen. Zudem lernen immer mehr Teams, solidarisch und effektiv zu verteidigen – was die Anzahl Überraschungen erhöht.

Zurück zur Flaschenpost?

Und sonst? Was bleibt von dieser WM? Zunächst einmal die vielen schönen Tore. Schöne Tore sind die Essenz des Fussballs. Sie sind es, die das Staunen der Zuschauer auslösen. Und sie sind es, die für manch einen Knorz entschädigen. Ja, auch solche Spiele gab es. Sie blieben aber im erträglichen Rahmen. Die taktisch hochstehenden und kurzweiligen Partien waren hingegen deutlich in der Überzahl.

Russland 2018 war die erste WM mit ausführlichen technischen Hilfsmitteln. Die Befürchtungen, der Videoschiedsrichter könne zu Chaos und Willkür führen, wurden nicht bestätigt. Im Gegenteil. Der Fifa gelang es besser als beispielsweise der Bundesliga, die Einsätze im überschaubaren und vernünftigen Rahmen zu halten. Die Konsequenz war erfreulich: Es gab so wenige Fehlentscheide wie noch nie. Wer das nicht wahrhaben will, kann auch wieder die Einführung der Flaschenpost fordern.

Nun freuen wir uns auf das Dessert. Der Fussball-Alltag kommt früh genug.