WM 2018

Marianne im Freudenrausch: Frankreichs Finaleinzug führt in Paris zu spontanem Volksauflauf

Fans auf den Pariser Champs-Élysées. Charles Platiau/reuters

Fans auf den Pariser Champs-Élysées. Charles Platiau/reuters

Man würde exzessiven Nationalstolz erwarten, patriotisches Jubelgeschrei: Frankreich steht zum dritten Mal seit 1998 im Final der Fussballweltmeisterschaft. Weit gefehlt. Am Nationalfeiertag findet auf den Champs- Élysées eine zackige Truppenparade statt.

In Frankreich waren weder vor der WM noch in den Gruppenspielen triumphale Töne zu hören. Gewiss hatte Trainer Didier Deschamps eine junge und starke «Sélection» aufgebaut, und Frankreich ist zudem selber in aufstrebender Form: Die schweren Terroranschläge von 2015 liegen schon Jahre zurück; wirtschaftlich geht es bergauf, und Präsident Emmanuel Macron verströmt ganz unfranzösischen Optimismus.

Der Funke wurde spät gezündet

Und doch hat der Funke erst nach dem Halbfinalsieg gegen Belgien gezündet. Überall im Land setzten die Hupkonzerte ein. «Allez les Bleus!», schrien im Pariser Vorort Cachan die Banlieue-Kids, und als sich diskret ein Wagen mit Blaulicht näherte: «Allez la police!» Die Uniformierten lachten mit, unsicher, ob das nun euphorisch oder leicht provokativ gemeint war.

Egal: Seit Dienstagabend wirken die streitbaren Gallier wieder einmal vereint. Die üblichen Trennlinien durch die Gesellschaft haben sich dank dem Fussball-Wunder der Bleus – bis auf weiteres – aufgelöst. Anders als beim französischen WM-Sieg 1998: Damals hatte der rechtsextreme Front National noch die «Blauen» für zu schwarz befunden. Jetzt hält sich Marine Le Pen zurück, auch wenn wohl nicht aus Einsicht, sondern weil sie um politische Salonfähigkeit bemüht ist.

Dabei hatten die Franzosen ihre Nationalelf keineswegs von Beginn weg ins Herz geschlossen. Mit einer gewissen Distanz verfolgten sie zuerst längere Zeit, was ihre Mannen auf dem Spielfeld zu bieten hatten. Die Mehrheit der 65 Millionen Franzosen schloss erst nach und nach Bekanntschaft mit Spielerstars: Etwa Kylian Mbappé, der einen Vater aus Kamerun und eine Mutter aus Algerien hat; Ngolo Kante, «der Mann mit den drei Lungen», in Paris aufgewachsen, aber in England spielend. Oder Samuel Umtiti, der zweijährig aus Kamerun nach Lyon gekommen war und heute in Barcelona verteidigt.

Individualisten verschmelzen

Umtitis entscheidendes Tor gegen Belgien änderte alles: Hunderttausende meist jugendlicher Landsleute strömten in der Nacht auf Mittwoch in die Strassen, in Paris auf die Champs-Élysées. Beeindruckend zu sehen, wie dieses Volk ausgefuchster Individualisten in Momenten der nationalen Eintracht zu einer einzigen Masse verschmilzt, als wäre sie eine einzige Person.

Frankreich sei wirklich eine Person, hatte schon der berühmte Historiker Jules Michelet befunden. So analysierte er die kollektive Vorliebe für die Monarchie, dann für die Revolution und bald wieder für Kaiser Napoleon. Marianne, die Landesfigur Frankreichs, ist oft bäuerlich reserviert, aber impulsiv und leidenschaftlich.

Blasmusik-Applaus

Der Zufall – doch gibt es Zufälle?, fragt Marianne – will es, dass am Samstag Nationalfeiertag ist. Der Kern des Quatorze Juillet ist, von Tanzbällen in den Feuerwehrlokalen und abendlichen Feuerwerken eingerahmt, die Truppenparade auf den Champs-Élysées. Ein waffenklirrendes Muskelprotzen der Armee für unbelehrbare Militärköpfe? Nicht für die Franzosen. Am 14. Juli pilgern Familien in Shorts, die Kinder auf den Schultern, zu Zehntausenden an die Avenue zwischen Triumphbogen und Concorde-Obelisk, um «ihren» Elitesoldaten, Offizierinnen und Fremdenlegionären zu Blasmusik zu applaudieren.

Sie alle wissen: Der Nationalfeiertag geht auf den Sturm des Bastille-Gefängnisses zurück, also auf den Beginn der grossen Revolution. Weniger bekannt ist: Die erste Truppenparade in Paris war im Jahr 1880 von einem republikanischen, politisch links stehenden Staatschef – Jules Grévy – organisiert worden, um die Volksmassen gegen die deutschen Nationalisten zu mobilisieren.

Ein gesunder Nationalstolz

Aber ob nun die Soldaten der Republik oder die Anhänger der Bleus über die Pariser Prachtavenue ziehen: Auf jeden Fall tragen sie Marianne in ihrem Herzen mit. «Vive la République, vive la France», lachte Stürmerstar Antoine Griezmann am Dienstagabend, die gestreckte Hand wie zum militärischen Gruss an die Schläfe legend.

So will es das französische Temperament. Und ein Nationalstolz, der auch in der geballten Masse – anders als etwa in deutschen Landen – keine Angst macht. Eher verströmt er eine ansteckende Festfreude. Gewiss, gegen Mitternacht verkommt sie oft zu trinkseligem, manchmal aggressivem Gegröle. Ihr gemeinschaftlicher Ansatz ist hingegen positive Energie und kollektive Freude.

Erst recht, wenn Marianne den WM- Final gewinnen sollte.

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