Eigentlich hat Levi Wasiljewski* keine Zeit. Er ist Mitte zwanzig, arbeitet als Texter in einem jungen Kasaner Start-up-Unternehmen und hat gerade viel um die Ohren. Doch für uns macht er ausnahmsweise pünktlich Feierabend. Er führt uns an den Kasanka River, kurz bevor dieser in die mächtige Wolga mündet. Ein Bekannter hat den Kontakt zu Levi vermittelt. Unser Anliegen: Von einem Einheimischen erfahren, wie es sich lebt in dieser Millionenstadt 800 Kilometer östlich von Moskau.

Levi möchte sein Gesicht nicht zeigen.

Levi möchte sein Gesicht nicht zeigen.

Wir setzen uns auf eine Parkbank, und Levi beginnt zu erzählen. Wir haben uns zuvor noch nie gesehen. Es überrascht daher, wie vertrauensvoll es aus Levi heraussprudelt. Und wie wenig schmeichelhaft es klingt. Wir stutzen, fragen ihn, ob er denn keine Angst vor Unannehmlichkeiten habe, wenn er so anklagend über die russische Politik rede. «Nein, nein. Im Moment habe ich keine Bedenken. Aber wenn es in Russland so weitergeht, kann ich bald nicht mehr in diesem Stil sprechen.»

Etwas aber möchte Levi gleich klarstellen: «Meine Lebenssituation ist gut. Mein Salär liegt über dem Durchschnittslohn von 25 000 bis 30 000 Rubeln (400 bis 480 Franken). Viele Menschen müssen schauen, wie sie mit diesem über die Runde kommen.» Er will damit sagen, dass seine Kritik nichts mit einer schwierigen persönlichen Lage zu tun habe.

Politik nützt WM-Hype aus

Als eine Gruppe von Fussballfans an uns vorbeischlendert, kommen wir auf die WM zu sprechen; Kasan war ja Spielort. Levi, das wird rasch klar, ist ein Liebhaber, weiss alles über Fussball. «Natürlich profitierten einige Leute von diesem Anlass und von den WM-Touristen. Die Hotels waren voll, die Restaurants hatten mehr Gäste und die Fans kauften Souvenirs», sagt Levi. «Trotzdem war ich dagegen, dass die Weltmeisterschaft, dieses Prestigeobjekt von Wladimir Putin, nach Kasan kommt und dafür ein viel zu teures Stadion gebaut wurde. Das Geld hätte man für Wichtigeres verwenden können.»

Levi berichtet, dass die WM die Bevölkerung auch deshalb spalte, weil die Regierung den Hype um den Event benützt habe, um fast unbemerkt ein paar Reformen einzuführen und neue Gesetze aufzustellen, die das Leben in Russland noch härter machten. «Es gab Steuererhöhungen und das Rentenalter wurde hinaufgeschraubt», erläutert Levi. «Dieses beträgt für Männer 65, für Frauen 63 Jahre. Weil die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer aber bei 62 liegt, werden viele gar nie in den Genuss eines Ruhestands kommen», schimpft Levi.

Russland ist eben korrupt

Der junge Mann ist in Fahrt. «Und wissen Sie was? Ich glaube, unser Sieg im Achtelfinal gegen Spanien war gekauft!» Hoppla, das ist mal eine Ansage. Gekauft, die Spanier? Eigentlich undenkbar. Aber Russland hat auch eine Doping-Historie, und man kann sich schon fragen, warum die Russen derart viel mehr gelaufen sind als ihre Gegner an dieser WM.

Levi sagt, Russland sei eben korrupt. Um zu relativieren, was Kasan betrifft: «Hier bestehlen die Politiker die einfachen Leute zwar auch. Aber immerhin stecken sie nicht alles in den eigenen Sack, sondern investieren einen Teil in die Infrastruktur und Verschönerung der Stadt.»

Sauber und gepflegt

Das ist ein gutes Stichwort, um das Gespräch in positivere Bahnen zu lenken. Denn Kasan ist tatsächlich schön. Jährlich kommen zwei Millionen Touristen in die Hauptstadt der Republik Tatarstan; allerdings, wenn nicht gerade WM ist, praktisch keine Ausländer. So ist Kasan (übersetzt: Kochtopf) im Westen touristisch ein weisser Fleck. Obwohl es eine ganze Menge zu bieten hat. Die Stadt ist sauber und gepflegt. Zumindest grossflächig im Zentrum. Es gibt wunderbare Bauten zu bestaunen wie das Herz von Tatarstan, den Kreml. Dieser wurde auf den Ruinen der Residenz des letzten Khans errichtet, nachdem Iwan der Schreckliche 1552 die Stadt eingenommen hatte. Der Kreml ist auch der Sitz des Präsidenten der Republik, die dank Ölvorkommen wohlhabender ist als andere und auch autonomer. Gesprochen wird tatarisch sowie russisch, und auffallend oft sieht man junge Menschen Wasserpfeife rauchen.

Ein Highlight des Kremls ist die 2005 fertiggestellte Kul-Sharif-Moschee. Sie ist die Zweitgrösste in Russland und steht gleich neben der Mariä-Verkündungskathedrale. Was symbolhaft ist für Kasan. Die Stadt ist mit 50 Prozent Muslimen zwar das Zentrum des Islam im Land, steht aber beispielhaft dafür, wie friedlich die verschiedensten Religionen nebeneinander existieren können.

Normales Stadtbild: Junge, modern gekleidete Frauen neben traditionsbewussten Musliminnen.

Normales Stadtbild: Junge, modern gekleidete Frauen neben traditionsbewussten Musliminnen.

«Das stimmt», sagt Levi, «die Kirchen hier vertragen sich.» Er selber ist halb Tatar, halb Russe und gehört keiner Religion an. «Aber ich bin kein Atheist, ich glaube an Gott.» Diese Haltung passt gut zum Tempel aller Religionen. Dieser ist zwar kein Touristenmagnet, weil er ausserhalb der Stadt am Ufer der Wolga liegt. Aber faszinierend ist es durchaus, was der Muslim, Dichter, Philosoph, Maler, Bildhauer, Architekt und Heiler Ildar Khanow errichtet hat. Seit 1992 ist er am Bauen eines Kulturzentrums, bestehend aus einer Moschee, einer Synagoge, einer russisch-orthodoxen Kirche sowie unzähligen Türmchen, Zinnen, und Mosaiken. Die 16 Kuppeln stehen für 16 Weltreligionen. Khanow sagt: «Gott ist immer derselbe, ganz egal in welcher Religion.»

In Kasan gibt es unzählige gemischte Familien. Und auf der Flaniermeile stöckeln junge Frauen in Miniröcken neben Musliminnen mit Kopftüchern. Eine Burka ist nicht zu sehen. Der hier praktizierte Islam ist moderat und liberal.

Die Unterwürfigkeit der Russen

Kasan ist eine Universitätsstadt. Auch Tolstoj und Lenin waren hier immatrikuliert. Levi hat Sprachen studiert. Er spricht fliessend englisch und spanisch. Er ist noch nie im Ausland gewesen und träumt davon, einmal in die Schweiz zu reisen, vielleicht gar dort zu arbeiten. «Ich denke, es muss sehr einfach sein, ein solch kleines Land zu regieren. Russland aber – das ist unmöglich.» Er sagt, er möge Putin nicht, weil dieser zu mächtig geworden sei und am Sessel klebe. «Offenbar brauchen wir Russen einen Zaren oder König oder wen auch immer.» Selbstständig zu sein, das liege seinem Volk weniger als die Unterwürfigkeit.

Er selber steht Alexej Nawalny nahe und würde für diesen stimmen. Auch wenn er nicht alle Ansichten des Oppositionellen teilt. Am Anfang seiner Präsidialzeit sei Putin noch ein anderer Mensch gewesen. «Ja, damals war er sogar der Richtige für Russland. Jetzt aber ist er ein Monster», findet Levi drastische Worte. «Die Menschen hier sind paralysiert. Niemand riskiert etwas, niemand ist innovativ. Es ist ein Graus.» Aber die Regierung fördere die Bildung nicht. «Ungebildete Menschen sind leichter zu regieren», sagt Levi. «Und man lehrt uns, Amerika und den Westen zu hassen. Das Fernsehen berichtet tendenziös und es gibt keine unabhängigen Journalisten mehr. Weil seit dem Mord am Journalisten Wladislaw Listjew im Jahr 1995 alle Angst haben.»

Kasan lebt

Levi sagt: «Russland kann nett sein.» Er meint, jetzt, während der WM, werde den ausländischen Besuchern ein geschöntes Bild vermittelt. «Ich habe früher in einem anderen Teil Russlands gelebt und weiss, wie es auf dem Land aussieht. Meine Heimatstadt ist depressiv und so gut wie tot. Viele sind arbeitslos und ohne Perspektive. Kasan dagegen boomt, Kasan lebt.»

Längst ist es dunkel geworden und die Moskitos stechen. Wir schlendern noch ein Stück dem Fluss entlang. Aus der angedachten halben Stunde unseres Gesprächs sind mehr als drei Stunden geworden. Wir insistieren: Dürfen wird alles schreiben, was du uns erzählt hast? «Kein Problem. Schreibt es», sagt Levi, steigt in die Metro und entschwindet in die Nacht.

Eine Stunde später ploppt eine Whatsapp-Nachricht auf. Levi schreibt: «Gebt mir bitte einen anderen Namen. Und zeigt nicht mein Gesicht auf dem Foto.»

*Name von der Redaktion geändert.