«Gut gemacht, Jungs, ihr seid stark!», twitterte Nationalspieler Paul Pogba ohne jedes französische Selbstlob: Mit den «Helden des Tages» meint der Mittelfeldspieler jene thailändischen Fussballkids, die eben erst aus der Grotte befreit worden sind.

Nein, die Zeichen stehen in Paris nicht auf Selbsthuldigung, nicht einmal auf den Ausdruck dessen, was bisweilen als französisch angesehen wird: Nationalstolz. Es war am Mittwoch offenkundig: Die «Bleus», die «Blauen», wollen diesmal konzentriert bleiben und sich lieber in Bescheidenheit üben als zum Schluss wieder flach herauskommen.

Sagen darf man es nicht

So wie vor zwei Jahren im Euro-Final in Paris, das gegen Portugal mit 0:1 nach Verlängerung verloren ging. «Diese Niederlage haben wir bis heute nicht verdaut», bekennt Nationaltrainer Didier Deschamps. Und sie soll nun Anstoss sein, den WM-Final am kommenden Sonntag mit der nötigen Ernsthaftigkeit anzugehen, auch wenn der Gegenspieler den Franzosen durchaus als schlagbar erscheint.

Denn ehrlich gesagt, rechnet in Frankreich niemand mit etwas anderem als einem WM-Sieg. Nur sagen darf man es nicht. Also umschreibt Deschamps: «Von einer WM bleibt immer nur der Gewinner in Erinnerung.» Das war aber schon hart an der Grenze des Zulässigen: In Paris will man das Fell des Bären für einmal nicht verteilen, bevor er er- legt ist.

«Den Kopf in den Sternen»

Die Sportzeitung «L’Equipe» umschreibt den Vater ihres Gedankens mit den eleganten Worten, die Blauen hätten «den Kopf in den Sternen». Sterne im Plural, wohlgemerkt: Nach dem WM-Titel von 1998 mit Zinedine Zidane will Frankreich nun den zweiten WM-Stern an die blauen Trikots heften können. Und Deschamps würde sich damit in die Ahnengalerie des Fussballs einreihen. Er wäre nach Mario Zagallo und Franz Beckenbauer der Dritte im historischen Bund, der eine WM zuerst als Spieler und dann als Trainer gewonnen hätte. Wenn er hingegen das Finalspiel von Sonntag als Verlierer verlässt, stünde bereits ein Nachfolger bereit, der Zagallo und Beckenbauer seinerseits nacheifern möchte: Zinédine Zidane gratulierte der neuen Blauen-Generation mit Griezmann und Mbappé am Mittwoch zu ihrem Finaleinzug und wünschte ihr viel Glück. Aber auch Zizou nimmt das Wort «Sieg» oder «Titel» nicht in den Mund. Pogbas Mutter Yeo Moriba fand für die Franzosen eine andere Umschreibung des Kommenden: «Sie sind auf einer Autobahn und es folgt keine ‹péage› (Mautzahlstelle) mehr.» Freie Fahrt für die Bleus!

Popularitätspunkt bei WM-Sieg

Ein Franzose muss noch bremsen. Emmanuel Macron würde die blaue Stimmungsbombe, die in Frankreich nach dem Belgien-Spiel losgegangen ist, noch so gerne auf seine politischen Mühlen lenken. Der Staatspräsident, ein bekennender Fan von Olympique Marseille, riss zwar nach dem Belgien-Sieg kamerabewusst die Arme hoch und suchte danach die Kabine der Blauen auf. Dort liess er aber die Medien wohlweislich vor der Tür. Was die Franzosen nicht mehr ertragen können, sind die übermässigen Versuche politischer Instrumentalisierung. Jacques Chirac war ein Meister darin, Nicolas Sarkozy und François Hollande eiferten ihm nach.

Macron, der in den Umfragen ohnehin als abgehoben herüberkommt, nimmt sich jetzt zurück. Aber am Sonntag wird er dem Final natürlich auch beiwohnen, diesmal sogar mit seiner Gattin Brigitte. Gewinnt Frankreich, gibts vielleicht sogar einen Popularitätspunkt für den Staatschef. Aber nur, wenn er sich am Sonntag hübsch im Schatten hält.

«Ein schwieriger Gegner»

Dort bleibt bisher auch seine Gegenspielerin bei den Präsidentschaftswahlen vor einem Jahr. Marine Le Pen findet, anders als ihr Vater vor 20 Jahren, nichts daran auszusetzen, dass die besten Blauen Schwarze sind, angefangen von Kylian Mbappé, Samuel Umtiti oder Ngolo Kante. Mbappé wird bloss von belgischer Seite wegen Zeitschindens kritisiert.

Der erst 19-jährige Sohn eines kamerunesischen Vaters und einer algerischen Mutter zieht den Hut vor den Belgiern, «einer sehr kompletten und sehr ausgeglichenen Mannschaft, unserem schwierigsten Gegner». Die Franzosen hätten zum Schluss zugegebenermassen nur noch verteidigt. Das sei nicht sehr an- genehm, meinte Mbappé zu den Belgiern. «Aber was solls. Ich, ich bin jetzt im Final.»