«Dieser Baum ist tot, den können wir fällen.» Alexander setzt das Beil am Stamm an, nach ein paar Minuten liegt der Baum am Boden, bevor er durch den Wald zurück zum Wochenendhaus getragen wird. Das Holz braucht Alexander als Nachschub fürs Feuer. Zurück beim Haus hat der Viertelfinal Russland-Kroatien längst begonnen. 13 Minuten sind bereits gespielt, Spielstand: 0:0. «Wir haben nichts verpasst. Die Nationalhymne singen wir sowieso nicht», sagt Boris.

Wer nach Golovteyevo fährt, muss sich in Geduld üben. Das Dorf befindet sich 130 Kilometer ausserhalb Moskaus. Und natürlich staut es, an jenem Freitagabend, an dem es rausgeht aus der Grossstadt. Die Fahrt dauert rund vier Stunden. Je näher man dem Ziel kommt, desto weniger Verkehr hat es. Dafür erschweren Schlaglöcher die Fahrt. Die letzte Abzweigung führt durch einen Wald, Laternen gibt es nicht, die Strasse mit Kieselsteinen ist so breit wie das Fahrzeug. Nach dem Wald reihen sich Anwesen an Anwesen, die Gärten sind eingezäunt.
Der 30-jährige Boris hat einige Freunde eingeladen für das grosse Spiel, Russland gegen Kroatien. «Egal, was kommt, wir sind sowieso überrascht», sagt Alexander, einer der Freunde von Boris, vor dem Spiel.

Alexander fällt einen Baum im Wald.

Alexander fällt einen Baum im Wald.

«Das ist doch nicht Russland»

Ein gutes Dutzend sitzt vor dem Fernseher, während Boris’ Mutter Louisa das Essen auftischt: Schweinefleisch, Pilze, Salat, Kartoffeln, Brot. Bis das Essen verteilt und jeder mit Getränken versorgt ist, kümmert sich niemand um Russlands Team. Nur Boris’ Vater Vladimir, der sich als «Vova» vorstellt, steht vor dem Fernseher. Kaum hat er sich gesetzt, passiert es: Denis Tscheryschew schiesst mit einem Distanzschuss das 1:0 für Russland.

Zuerst schauen alle nur ungläubig in Richtung Fernseher, den Mund leicht geöffnet. «Unglaublich. Das ist doch nicht Russland», sagt Alexander. Vova nimmt eine leere PET-Flasche hervor, die er mit Kieselsteinen gefüllt hat, und schüttelt sie. «Rossija, Rossija, Rossija.» Nikita, der eine Mütze von Spartak Moskau auf dem Kopf und ein Adler-Tattoo auf der Brust trägt, schüttelt den Kopf und füllt die kleinen Gläser mit Wodka.

WM 2018: Das sehenswerte 1:0-Führungstor der Russen gegen Kroatien

Nur wer Geld hat, hat Chancen

Gastgeber sind Vova und seine Frau Louisa. Fast jedes Wochenende verbringen sie in ihrer Datsche, wie die Wochenendhäuser in Russland genannt werden. Ihr Anwesen umfasst vier kleine, mit Bungalows vergleichbare Häuschen: Zwei zum Schlafen, eines zum Kochen, eines für die Sauna. Dazu kommt ein kleines Holzhüttchen für die Toilette. Solche Datschen, die aus der Zeit der Sowjetunion stammen, gibt es in der Umgebung Moskaus rund eine Million. Statistiken zu Folge besitzt jede dritte Moskauer Familie eine.

«Im Sommer sind wir so oft wie möglich hier», sagt Vova. Normalerweise wohnt die Familie in einer Wohnung mitten in Moskaus Innenstadt. Sohn Boris sagt, dass viele lieber auf dem Land leben würden, es wäre auch günstiger. «Aber hier gibt es keine Jobs, ausser man will Bauer sein. Doch wer das macht, ist verrückt. Man erhält fast keine Unterstützung vom Staat.»

Das russische Fussballspiel im eigenen Garten vor dem WM-Viertelfinal

Das russische Fussballspiel im eigenen Garten vor dem WM-Viertelfinal

Jonglieren statt schauen

Das Spiel läuft, das Interesse hält sich in Grenzen. Der Jüngste, der achtjährige Danya, Neffe von Boris, nimmt sich den Ball und jongliert vor dem Haus. Als Kroatien ausgleicht, jubelt Nikita. «Ich bin mir sicher, dass wir verlieren. Unser Nationalteam ist einfach schlecht», sagt er und lacht. Er mag Deutschland, auch Russland gefällt ihm ganz gut, ausser es geht um Fussball. Warum mag er denn Spartak? «Spartak ist eine Ausnahme.» Boris kritisiert das System des russischen Fussballs. «Nur wer Geld hat, hat die Chance, Profifussballer zu werden. Das ist Russland, es geht immer nur um Geld. Trotzdem würde ich mich über einen Sieg Russlands freuen.»

Am Abend nach der Anreise gibt es einige Getränke, bevor sich alle in Richtung Banja machen. Alexanders Freundin Julia hat bereits eingeheizt, es ist über 80 Grad warm. Sie weiss auch, wie das mit den Zweigen funktioniert. Sie führt das traditionelle russische Quästen durch. Mit nassen Birkenzweigen schlägt sie denjenigen in der Banja leicht. Es fühlt sich an wie eine Massage. Dadurch soll die Blutzirkulation angeregt werden.

Tanja mag eigentlich lieber Eishockey, kickt aber gegen den Ball.

Tanja mag eigentlich lieber Eishockey, kickt aber gegen den Ball.

Nach der Trommel folgt die Gitarre

Auch während des Spiels würde ein Gang zur Banja guttun, es hat merklich abgekühlt. Als ein Spieler gefoult wird und sich wieder mal am Boden wälzt, sagt Tanja, Nikitas Freundin: «Die Fussballer sind alles Simulanten. Darum mag ich Eishockey lieber.» Wer im Spiel gewinnt, ist ihr egal. «Ich bin nicht patriotisch. Zwar mag ich unser Land, aber ich mag unsere Regierung nicht.» Hat sie etwas gegen Putin? Sie zuckt mit den Schultern. «Es ist halt einfach Putin, wir haben keinen andern. Er kümmert sich sehr um die Aussenpolitik, macht aber wenig für das Volk.»

Grossvater Vova hat am Nachmittag vor dem Viertelfinal zum eigenen Match aufgerufen. Vier gegen vier auf dem Rasen. Dazu trägt er ein altes Dress von Spartak Moskau. «Ich mag unsere Nationalmannschaft. Aber Spartak ist wichtiger», sagt er.

WM 2018: Der entscheidende Penalty von Rakitic

Super Mario

Als Torschütze Tscheryschew ausgewechselt wird, applaudiert Alexander. «Er hat gut gespielt», findet auch Boris. Es geht in die Verlängerung. Danya und dessen Urgrossvater, der ebenfalls Boris heisst und bald 90-jährig ist, verabschieden sich in Richtung Bett. 2:1 für Kroatien, Boris schüttelt den Kopf, Alexander flucht, Nikita lacht. Wenig später folgt der Ausgleich zum 2:2 durch Mario Fernandes. Vova holt eine Trommel und macht Lärm, minutenlang, bis zum Ende der Verlängerung. Alexander strahlt.

«Super-Mario!» Die Männer stimmen an: «Rossija, Rossija, Rossija.» Penaltyschiessen. Zuerst grosser Jubel, Goalie Akinfejew hält, die Trommel hat inzwischen ein Loch. Dann ist es aber fertig mit Super-Mario. Russland scheidet aus. Alexander kann beim entscheidenden Penalty von Kroatiens Rakitic nicht hinsehen. Danach steht er auf und applaudiert. «Wir sind stolz. Jeder ist überrascht, wie gut wir an dieser WM waren.»

Eine halbe Stunde nach Spielende sitzen die Freunde rund um das Feuer im Garten. Boris und Tanja stimmen abwechslungsweise mit der Gitarre russische Klassiker an, alle singen mit. Es ist ein WM-Abschied voller Feuer.