Nun, acht Jahre später bin ich für die Zeitung in Russland. Etwas, was ich damals noch nicht ahnen konnte. Und nach bald drei Wochen auf russischem Boden muss ich sagen: Ich mag den Russen den Grossanlass von Herzen gönnen.

Wäre die WM in England besser? Wohl kaum. Russland hat sich mächtig ins Zeug gelegt, eine unvergessliche Weltmeisterschaft zu veranstalten. Die Stadien sind wunderschön, die Organisation top, die Sicherheit gut (auch wenn ich mich an die übermässigen Kontrollen noch immer nicht gewöhnt habe). Das Wichtigste aber: Die Menschen freuen sich richtig, Gastgeber zu sein.

Sie sind froh, ihr durch die Politik verursachtes schlechtes Image verbessern zu können. Und mit kleinen Dingen haben sie es bei mir geschafft. Etwa dann, als ich an der Kasse einmal einen Rubel (umgerechnet etwa zwei Rappen) liegen liess und mir eine ältere Kundin hinterherrannte, um das Geld zu bringen. Oder als ich am falschen Bahnhof stand, weil eine Metrostation und ein Bahnhof den gleichen Namen tragen, aber an einem unterschiedlichen Ort sind, und mir junge Erwachsene halfen, den richtigen Bahnhof zu finden. Sie erkundigten sich sogar einen Tag später, ob ich gut in St. Petersburg angekommen sei.

Oder dann, als meine russische SIM-Karte kein Geld mehr hatte und meine schriftlichen Russischkenntnisse zum Aufladen zu klein waren und sich Wildfremde der Aufgabe annahmen.

Trotz der guten WM: In Russland ist nicht alles super. Das merkt man dann, wenn man mit jungen Russen über Politik spricht. Sie antworten ausweichend, so als ob sie nie gelernt hätten, ihre eigene Meinung zu äussern. Da freue ich mich schon, hier schreiben zu können, was ich denke.