Herr Brill, reicht diese Billion Euro, die jetzt im Topf ist, um die Finanzmärkte zu beruhigen?
Felix Brill: Man muss das differenziert betrachten. Es wurde nicht nur die Ausweitung des Rettungsschirmes, sondern ein ganzes Massnahmenpaket angekündigt. Für viele ist das überraschend umfangreich ausgefallen. Es ist ein deutliches Signal der Verantwortlichen der EU, dass die Eurozone eine Zukunft hat. Aus politischer Sicht ist das ein grosser Schritt gewesen.
Dann sind Sie der Meinung, dass der Rettungsschirm jetzt gross genug ist?
Brill: Es fehlen noch konkrete Umsetzungsvorschläge. Klar ist bisher nur, dass zwei Möglichkeiten verfolgt werden sollen: Dass der EFSF neu ausgegebene Anleihen zum Teil versichert und dass man eine Zweckgesellschaft gründen will, an der sich auch der IWF, Staatsfonds und allenfalls private Investoren beteiligen können.
Was heisst das für die Risiken?
Brill: Die liegen jetzt zuerst einmal bei den Banken. Die Banken haben einem freiwilligen - das ist in diesem Zusammenhang ganz wichtig zu sagen - 50-prozentigen Schuldennachlass zugestimmt. Die damit einhergehenden Abschreibungen machen jedoch eine Rekapitalisierung der Banken erforderlich. Bis Ende Juni 2012 sollen die europäischen Banken ihre Eigenkapitalquote auf 9 Prozent erhöhen. Es ist unwahrscheinlich, dass dies alle Banken über den Kapitalmarkt machen können. Die Staaten und letzten Endes der EFSF müssten dann einspringen. Das könnte neue Unruhe an den Märkten mit sich bringen.
Felix Brill studierte Ökonomie in Bern, St. Gallen und Stockholm. Brill war drei Jahrelang im Wealth Management Research der UBS tätig, zuletzt als Leiter Economic Research Schweiz. In dieser Funktion war er für die Konjunkturanalyse sowie für die interne und externe Kommunikation von Themen rund um die Schweizer Wirtschaft verantwortlich. Heute beschäftigt sich Brill bei der Firma Wellershoff vor allem mit Trendanalysen sowie der Entwicklung von Frühwarnsystemen.
Was bedeutet die erreichte Lösung für die Schweiz?
Brill: Was die Schweizer Banken an griechischen Anleihen in ihren Büchern haben, scheint überschaubar zu sein. Allenfalls könnte es bei ausländischen Tochtergesellschaften kritisch werden. Für die Schweizer Wirtschaft im allgemein und die Finanzindustrie im speziellen ist es sehr wichtig, was im europäischen Umfeld passiert. Aus Schweizer Sicht ist es auf jeden Fall gut, dass die Probleme aktiv angegangen werden, dass man um den Euro kämpft. Das Auseinanderbrechen der Eurozone wurde ja fast schon „herbeigeschrieben", das findet jetzt wohl nicht statt.
Politisch gibt es allerdings vorerst kaum mehr als Absichtsbekundungen.
Brill: Natürlich. Aber die Absicht, zum Beispiel eine Art Schuldenbremse einzuführen wie in der Schweiz, die Aufsichtsgremien zu verbessern und sich vermehrt zu treffen, um zu überprüfen, ob sich die Länder an die Vorgaben halten und die Haushaltpolitik regelgemäss gestalten, ist nicht nichts, sondern mittelfristig ein sehr positiver Aspekt. Es ist zu hoffen, dass dieses umfangreiche Massnahmenpaket die Zeit erkauft, welche die EU braucht, um die Integration voranzutreiben.
Wird das dem Schweizer Franken helfen?
Brill: Man muss immer abwarten, wie das die Finanzmärkte letztendlich beurteilen. Aber es wurde doch deutlich, dass man die Eurozone nicht nur am Leben erhalten, sondern sogar stärken möchte. Und wenn der Euro an Stärke gewinnt, könnte das Druck wegnehmen vom Franken.
Besteht die Möglichkeit, dass die Schweiz noch zur Kasse gebeten wird?
Brill: Bis jetzt hat man grossen Wert auf die freiwillige Beteiligung der Banken gelegt, um zu verhindern, dass ein formeller Staatsbankrott Griechenlands eintritt. Denn das würde viele schwer abschätzbare Folgeeffekte nach sich ziehen. Es würde mich überraschen, wenn man in Zukunft zu einem stärkeren Zwangsregime übergeht. Man kann sich allerdings vorstellen, dass die Schweiz indirekt über eine Beteiligung des IWF an der zu gründenden Zweckgesellschaft involviert sein wird. (sha/chb)