«Wir wollen nicht jeden Beipackzettel genehmigen müssen», sagte gestern Finma-Chef Patrick Raaflaub. Doch was er mit seinem Chefjuristen von der Finanzmarktaufsicht, Urs Zulauf, vorschlägt, sind keine kosmetische Retuschen. Es geht um eine grundsätzliche Kehrtwende in der Überwachung von Kundenbeziehungen. Auch wenn der Gesetzgeber das letzte Wort hat, wird es ein «Vorher» und ein «Danach» geben, dass sich in wesentlichen Punkten unterscheidet.

Bisher waren Banken mit Ausnahme der Anlagefonds mehr oder weniger frei, wie sie ihre Kunden beraten und wie sie ihre Finanzprodukte bewerben. Es gibt Empfehlungen, Vereinbarungen, Selbstregulierungen. Doch in der Realität herrscht Wildwuchs. Etwa bei der Bezeichnung von strukturierten Finanzprodukten. Viele Bankkunden fühlen sich schlecht geschützt – zu gross ist oft der Informationsunterschied zwischen Bankberater und Kunde. Dies im Unterschied zur EU, wo in den letzten Jahren der Konsumentenschutz auch in diesem Bereich zugenommen hat.

«Beipackzettel» für Finanzprodukte

Der Fall «Lehman Brothers», bei dem vor allem die Credit Suisse ihren Kunden strukturierte Produkte verkaufte, die nach der Pleite der USInvestmentbank Lehman Brothers im Nachgang der Finanzkrise 2008 wertlos verfielen, hinterliess offenbar einen bleibenden Eindruck. Denn seither versucht die Finanzmarktaufsicht auch in der Schweiz einheitliche Regulierungen einzuführen, damit solche Fälle nicht mehr passieren können. Ohne Verschärfung drohe die Schweiz zu einem «Kundenschutz-Entwicklungsland» zu verkommen, sagte Raaflaub.

In einem ersten Schritt schlägt die Finma vor, dass Kunden eine Art Beipackzettel zu den Finanzprodukten erhalten, in welchem sie über Risiken und Nebenwirkungen einheitlich und in einfach verständlichen Worten aufgeklärt werden. Bei einer Vielzahl von Produkten steht es heute den Emittenten frei, Prospekte primär als Werbematerial oder als Schutz gegen allfällige Ansprüche der Anleger einzusetzen. Bei strukturierten Produkten muss dem Kunden gegenüber nur ein Bruchteil der Einnahmen der Emittenten aus der Produktion und dem Vertrieb offengelegt werden. Damit soll nun Schluss sein, geht es nach dem Willen der Finma. «Es kann nicht sein, dass Bankkunden in einem der wichtigsten Finanzplätze der Welt nicht gut geschützt werden», sagte Zulauf gestern. Ausserdem schlägt die Finma vor, dass Bankberater besser ausgebildet werden.

In einer ersten Stellungnahme begrüsste die Stiftung für Konsumentenschutz die Vorschläge. Knackpunkt bei Streitigkeiten zwischen Kunden und ihren Finanzdienstleistern ist oft, dass Anleger nicht beweisen können, dass sie falsch beraten wurden. Dort bleibe das Positionspapier vage. Video- und Tonaufnahmen fordert die Finma ausdrücklich nicht.

Die Finanzindustrie ist kritisch

Kritik kommt vonseiten der Banken und Versicherungen, deren Produkte mit Anlagecharakter auch betroffen wären. Die Finma gehe «über weite Strecken von unmündigen und unwissenden Kunden aus und verkennt ihre Eigenverantwortung», schreibt der Bankenverband. Für den schweizerischen Versicherungsverband zielen die Bemühungen der Finma ins Leere: Bei Versicherungen sei der Konsumentenschutz bereits gut ausgebaut.