Michel François Kocsis
Aktualisiert am 29.06.10, um 06:14 von Christian Bütikofer
 

Polizeiaktion wegen Missbrauchs von Swisscom-Telefonzentralen

Über 1000 Anschlüsse angezapft: Die Badener Untersuchungsbehörden gehen von einem versuchten Schaden von über 100'000 Franken aus.
Quelle: Keystone
In einer konzentrierten Aktion griffen die Justizbehörden Zürich und Aargau zu: Sie stellten wegen Verdachts auf Missbrauch von Telefonzentralen der Swisscom kistenweise Akten und Computer sicher. von Christian Bütikofer
 

Vor einigen Tagen standen sie vor seiner Tür: In Absprache mit den Aargauer Kollegen durchsuchten Zürcher Polizisten die Wohnung von Michel François Kocsis. Als sie wieder gingen, war Kocsis um einige Akten und Computer ärmer. Er steht im Verdacht, fürs schnelle Geld diverse Gaunereien begangen zu haben.

Vom Tramchauffeur zum CEO

Kocsis liebt teure Clubs: Das Indochine, das Kaufleuten, dort verkehrt er regelmässig. Doch das exklusive Nachtleben ist nicht gerade billig. Offenbar war Kocsis auf der Suche nach einem gutbezahlten Job. Er überlegte er sich, Tramführer zu werden. Alles was es brauche, sei ein guter Leumund. Danach würden 5000 Franken netto locker drinliegen, fand der 21-Jährige.

Doch dann hatte er noch eine bessere Idee: Kocsis wollte Boss werden. Dazu gründete er in Zug eine eigene Firma. Zuerst wird er «CEO» von Kocsis & Partner, dann ändert er das Unternehmen in ZFI GmbH um. Die seltsamen Aktionen begannen.

Knapp 1500 Swisscom und Sunrise-Kunden betroffen

Ende April 2010 erhielten Swisscom und Sunrise auffällig viele Reklamationen von Kunden, die offenbar eine Porno-Nummer gewählt haben, davon aber nichts wussten. Kostenpunkt: Ein Anruf von wenigen Sekunden wurde mit fast 100 Franken verrechnet. Gegenüber der Redaktion a-z.ch gaben Swisscom und Sunrise an, knapp 1500 Personen seien davon betroffen gewesen.

Bei den meisten hätten die Provider den Betrugsversuch aber abgewendet, bevor Geld abgebucht worden sei. Und dort wo die Abbuchung stattfand, annullierten die Provider die Kosten. Zuerst wiegelte Sunrise bei Reklamationen ab. Doch die Beschwerden wurden immer zahlreicher, auch der «Kassensturz» berichtete darüber.

Recherchen der Redaktion a-z.ch zeigen: Erst reservierte sich Kocsis beim Bundesamt für Kommunikation (BAKOM) Mehrwertnummern (so genannte 0900er-Nummern), dann aktivierte er sie gleich selbst. Denn die für Anrufer sehr teuren Nummern werden erst zu Geld, wenn sie auch jemand nutzt.

Versuchter Schaden: über 100'000 Franken

So sehen es die Untersuchungsbehörden: Kocsis verschafft sich Zugang zu diversen Telefonzentralen der Swisscom. Zuerst im Kanton Aargau, dann in Zürich. Er geht in die Telefonzentralen, stöpselt die Kabel um und - schwupps - haben x Personen die teure Nummer gewählt, die er vorher beim BAKOM reservieren liess. Er steckt einfach die Telefonverbindungen um, wie wenn jemand zu Hause sein Netzwerkkabel einsteckt.

Die Badener Untersuchungsrichterin Anna Wiedenhofer meinte gegenüber a-z.ch, der Fall sei für sie relativ klar. Sie geht von einem versuchten Schaden von über 100'000 Franken aus.

Erste betroffene Zentrale war «ohne kritische Infrastruktur»

Wie kann jemand unbemerkt in einen derart sensiblen Raum eindringen? Wie ist etwa die Telefonzentrale Fislisbach gesichert, die als erste «besucht» wurde?

Swisscom-Mediensprecherin Myriam Ziesack sagte, die Telefonzentralen seien zuerst mit Badges gesichert. Das Zugangskontrollsystem im Innern der Zentrale sei abhängig vom Schutzbedarf der Infrastruktur: Für kritischere Zugänge kommt ein Inhouseschliesssystem mit Schlüssel und/oder weiteren Badgeleser zum Einsatz. Zusätzlich sei die Nachvollziehbarkeit der Zutritte jederzeit gewährleistet. Die Telefonzentrale Fislisbach sei eine kleinere Zentrale ohne kritische Infrastruktur.

Genützt hat Kocsis wohl auch seine Erfahrung als Telematiker. So behauptete er, in der Vergangenheit für die Swisscom Hausinstallationen durchgeführt zu haben.

Liechtenstein stellt Rechtshilfegesuch

Der Telefon-Coup war Kocsis offenbar nicht genug. Kaum hatte er die Mehrwertnummern-Abzocke durchgezogen, widmete er sich eine neuem Geschäftmodell: Adressbuchschwindel. Er versuchte die Masche mit den täuschenden «Gratis»-Einträgen in horrend teuren aber völlig nutzlosen Firmenregistern in Liechtenstein aus.

Diverse Geschädigte haben sich bei der Landespolizei gemeldet, worauf das Ländle in Zürich ein Rechtshilfegesuch deponierte. Die Abklärungen sind auch in diesem Fall am laufen.

Auf Anfragen der Redaktion a-z.ch reagierte Kocsis nicht.

(az)
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