Herr Faber, ein Blog des US-Anlegermagazins «Barron’s» hat Sie kürzlich mit einer jährlichen Rendite von 22 Prozent zum besten Stock Picker, also zum besten Aktieninvestor von 2002 bis 2012 gewählt. Glück oder Können?
Marc Faber: Das war zum Teil Glück. Zum Teil habe ich aber auch in die richtigen Märkte investiert. Vorwärts schauend bin ich aber nicht der Meinung, dass man 22 Prozent Rendite pro Jahr machen wird.
Zur Person
Marc Faber wurde 1946 in Zürich geboren und ist in der Limmatstadt aufgewachsen. Nach dem Besuch des Freien Gymnasiums hat Faber an der Universität Zürich Wirtschaft studiert. Die 1970 erschienene Doktorarbeit über die Finanzreform von Sir Robert Peel hat er in Zürich und London, an der London School of Economics, verfasst. Danach arbeitete Faber in New York für die US-Investmentbank White, Weld & Co. und ging 1973 nach Hong Kong. Seit 1990 hat Faber, der «The Gloom, Boom & Doom Report» herausgibt, seine eigene Firma Marc Faber Ltd. Neben seiner publizistischen Tätigkeit verwaltet er Gelder in der Höhe von 300 Millionen Dollar, nimmt aber seit 13 Jahren keine neuen Kunden mehr. (FHM)
Im Gegenteil. Sie schreiben im neusten «Gloom, Boom & Doom Report», dass der US-Aktienindex S&P500 dieses Jahr um 20 Prozent fallen könnte.
Aber aufgrund der jüngsten Entwicklung musste ich das ein wenig revidieren. Ich dachte, die Höchststände vom vergangenen September würden ein längerfristiges Hoch darstellen. Das wurde in den vergangenen Tagen überschritten.
Also keine Korrektur?
Es ist möglich, dass die Börsen noch stark steigen werden. Niemand weiss das ganz genau. Wenn die Börsen aber nach dem jüngsten Rallye wirklich nochmals stark zulegen würden, dann erhöht sich meiner Ansicht nach auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich danach ein richtiger Crash wie etwa im Jahre 1987 ereignen würde.
Noch 2013?
Ja, das nehme ich an. Wenn hingegen die Börsen vom heutigen Niveau aus nicht mehr stark zulegen, dann rechne ich im laufenden Jahr mit einer moderateren Korrektur von 10 bis 20 Prozent gegenüber dem jetzigen Niveau.
Was könnte der Auslöser für eine Korrektur sein?
Was war der Auslöser für den Hauspreis-Crash in den USA im Jahr 2007 und danach? Es hat keinen Katalysator gegeben. Es gab einfach ein Überangebot an Häusern und die Nachfrage war nicht mehr vorhanden. Bei Börsenwerten kann man oft nicht genau sagen, weshalb sie fallen. Das können verschiedene Faktoren sein.
Ist das Börsenrallye nicht einfach eine Folge der Liquiditätsschwemme der Zentralbanken?
Da besteht sicherlich ein Zusammenhang. Die Zentralbanken haben sehr viel Geld ins System gepumpt und damit die Aktienkurse in die Höhe getrieben.
Sie halten aber immer noch Aktien?
Ja. Ich bin zwar nicht zuversichtlich, was die Wirtschaft betrifft. Aber wegen der Liquiditätsschwemme der Zentralbanken können Aktien jetzt auch steigen, wenn die Wirtschaft schrumpft.
Das klingt merkwürdig.
Das ist es auch. Die Liquiditätsschwemme ist problematisch. Die Liquidität wird ins Wirtschaftssystem gepumpt, aber die Wirtschaftsteilnehmer kommen zu unterschiedlichen Zeitpunkten an dieses Geld ran. Das heisst, man weiss nicht, wohin die Liquidität fliessen wird.
Was meinen Sie damit?
Das Geld kann zum Beispiel eine Zeit lang in die Löhne fliessen oder in Rohstoffe, in Aktien, Obligationen, Immobilien oder in Konsumentenpreise und hier auch Blasen schaffen. Das Problem dabei: Die Liquidität fliesst nicht regelmässig, sondern das Geld fliesst zuerst hier hin, dann da hin – schafft zuerst hier eine Anlageblase und kurbelt später die Inflation an.
Das heisst die Liquiditätsschwemme erhöht die Unsicherheit?
Ganz genau. Wir leben heute in einem freien internationalen Wirtschaftssystem. Da kann das in den USA geschöpfte Geld ungehindert nach Vietnam, China oder Indien fliessen und in diesen Ländern Beschäftigung oder eine höhere Inflation hervorrufen. So ist die thailändische Börse 2012 um 40 Prozent gestiegen, was ich nicht für möglich gehalten hätte. Aber die neo-keynesianische Politik des billigen Geldes erhöht die Volatilität auf den Finanzmärkten.
Das heisst?
Die fiskal- und geldpolitischen Eingriffe der Staaten ins Wirtschaftssystem sollen die Ausschläge der Konjunktur dämpfen, so meinen die Keynesianer. Aber seit die Notenbanken im 20. Jahrhundert damit begonnen haben, in die Wirtschaft einzugreifen, sind die konjunkturellen Ausschläge grösser als zuvor.
Auch der Mindestkurs der Schweizerischen Nationalbank war falsch?
Die Einführung des Mindestkurses war falsch, weil sich der Franken ja sowieso wieder abgeschwächt hätte. Als die Euro-Untergrenze eingeführt wurde, notierte der Dollar bei rund 80 Rappen, heute kostet der Dollar wieder 92 Rappen.
Nun hat aber gerade die sogenannte Realwirtschaft geklagt, sie leide unter dem starken Franken.
Dass eine starke Währung einem Land schadet, ist Unsinn. Alle Länder mit starken Exportindustrien – die Schweiz, Deutschland oder Japan – haben oder hatten eine starke Währung. Und dann schauen Sie sich doch mal die Exportindustrien von Ländern mit schwachen Währungen wie Simbabwe an (lacht).
Die Eingriffe von Notenbanken sind also grundsätzlich abzulehnen?
Ja. Die Notenbanken stützen ihre Interventionen auf mathematische Theoriemodelle und haben zu wenig Ahnung von der realen Wirtschaft in der wirklichen Welt.Zuviel Theorie und zu wenig Praxis?
So könnte man das auch sagen. Es gibt aber auch zwei gravierende soziale Probleme der Liquiditätsschöpfung. Sie vergrössert erstens den Abstand von Reich und Arm, weil sie die Vermögenswerte der Reichen teurer macht. Wer nichts hat, für den wird es also schwieriger zu Reichtum zu kommen, weil Liquidität die Vermögenspreise steigen lässt und damit gleichsam die Eintrittshürden zum Reichtum nach oben verschoben werden.
Und das zweite Problem?
Die Notenbanken kaufen zur Liquiditätsschöpfung Staatsanleihen. Das fördert die Budgetdefizitpolitik der Staaten, weil die Finanzierung des Defizits relativ einfach ist. Die Notenbanken kaufen einfach die Staatsanleihen, wie es die US-Notenbank Fed macht. So wird das Defizit von jährlich rund 1,3 Billionen Dollar finanziert. Das hat aber auch Konsequenzen auf die persönliche Freiheit der Menschen.
Welche?
Je grösser der Staat wird, umso weniger persönliche Freiheiten werden die Bürger haben. Der Extremfall war die vollständige Kontrolle der Planwirtschaft unter dem Kommunismus. Das war eine wirtschaftliche Katastrophe. Aber auch heute noch hat jeder Eingriff unbeabsichtigte Folgen. Man würde den Markt besser sich selbst überlassen, um Übertreibungen zu korrigieren. Dann wären auch die Entwicklungen an der Börse wieder besser vorherzusagen.
Hat die regulatorische Verschärfung der jüngsten Zeit keine Fortschritte gebracht?
Vielleicht brachte sie da und dort Verbesserungen. Im grossen Ganzen sehe ich aber keine Fortschritte. Wir haben heute weniger Stabilität im Finanzsystem als vor fünf, zehn oder fünfzehn Jahren. Die hohen Staatsschulden haben ein neues Element der Instabilität gebracht. Die offiziellen Zahlen zeichnen ein zu optimistisches Bild. Wenn man auch die Kosten für das Gesundheits- und Vorsorgesystem der westlichen Staaten dazu nimmt, dann sieht es schlecht aus. Es wird sich zeigen, ob und wie wir aus dieser exzessiven Schuldenpolitik wieder raus kommen werden.