Wer in Deutschland eine Reise von Berlin nach München auf dem Landweg plant, steht vor der Wahl: Mit dem Auto oder dem öffentlichen Personenverkehr? Letzterer ist seit 2013 nicht mehr auf die Schiene beschränkt.

Zur Auswahl steht neben der Bahn auch noch der Fernbus. Der braucht in der Regel zwar länger, ist aber in den meisten Fällen wesentlich günstiger.

Geht es nach dem Schweizerischen Nutzfahrzeugverband Astag, ist dieses Modell auch in der Schweiz nicht mehr ausgeschlossen.

«Der Astag fordert gleiche Rahmenbedingungen für den öffentlichen Verkehr und private Reisebusse. Dabei ist auch eine Marktliberalisierung für Fernbusse, wie dies in Deutschland seit 2013 der Fall ist, vertieft zu diskutieren», erklärte der Vizedirektor André Kirchhofer gegenüber der «Nordwestschweiz». Am heutigen Dienstag will der Verband in Bern seine Vorstellungen zur Zukunft der Personenbeförderung in der Schweiz präsentieren.

Fernbusse bisher verboten

Fernbusse

In Deutschland fahren überregionale Busse seit 2013. Die damalige Bundesregierung aus CDU/CSU und FDP hat die Konkurrenz zur Bahn nach langem Ringen erlaubt. Die Datenbank Statista weist für die MFB MeinFernbus GmbH einen Marktanteil von fast 40 Prozent aus, gefolgt von den Tochterunternehmen der Deutschen Bahn mit 21 Prozent. An dritter Stelle kommt das Münchner Unternehmen Flixbus mit einem Marktanteil von knapp 15 Prozent.

Ein mit dem Fahrplan der Bahn konkurrierendes, überregionales Reiseangebot auf der Strasse ist in der Schweiz verboten. Bislang gab es auch wenige Bestrebungen, das zu ändern.

Die Schweiz gilt als zu klein für Fernbusse. Das bestätigten mehrere regionale Busunternehmer auf Anfrage. Zum Beispiel Christian Merz vom gleichnamigen Unternehmen: «Wir lassen die Finger davon», sagte er. Die Verkehrssituation und das Lohnniveau sprächen klar gegen ein Fernbus-Angebot.

«Ausserdem ist der Schienenverkehr viel zu gut», sagt Ulrich Twerenbold, Inhaber des gleichnamigen Familienbetriebs aus Baden.

Die Zugverbindung Zürich–Paris sei ein Paradebeispiel: «Seitdem der TGV die Strecke fährt, hat kein anderes Verkehrsmittel eine Chance», so Twerenbold. Fernbusse seien ein «Low-Budget-Angebot», für das es innerhalb der Schweiz keinen Markt gebe, sagt er.

Nicht einmal die SVP

Selbst die SVP ist zurückhaltend. Liberalisierung sei zwar grundsätzlich immer gut.

Im Falle der überregionalen Personenbeförderung seien aber aktuell «keine Initiativen geplant», sagte Ulrich Giezendanner, der in der Verkehrskommission des Nationalrats sitzt, gegenüber dieser Zeitung.

Am 3. November beschäftigt sich die Kommission mit dem Thema Personenbeförderung, allerdings geht es dabei vorrangig um die Situation der SBB.

Die Bahn spürt nämlich zunehmend Druck von ausländischen Busunternehmen, die Reisen von der Schweiz ins Ausland und umgekehrt anbieten – und sich dafür Schweizer Partner ins Boot holen.

Anfang Oktober hat der deutsche Anbieter MeinFernbus eine Marketing-Kooperation mit dem Schweizer Anbieter Postauto gestartet. Weitere Initiativen sollen folgen.

Im Gespräch sei man auch mit anderen Schweizer Busunternehmen. Diese sollen Fahrten von MeinFernbus in die Schweiz übernehmen.

Busse und Fahrer werden dabei von den Partnerunternehmen vor Ort gestellt, Administratives wie Kundenservice und Marketing von Deutschland aus gesteuert – ein Modell, das sich unter anderem in den Niederlanden bewährt habe, sagte eine Sprecherin auf Anfrage. Insgesamt arbeite MeinFernbus bereits mit 84 regionalen Busunternehmen zusammen. Über die involvierten Schweizer Unternehmen wollte die Sprecherin keine Angaben machen.

Die SBB freuen sich nur mässig über die deutsch-schweizerische Kooperation, die der Staatskonzern Post eingegangen ist. Gleichwohl sei es Teil der unternehmerischen Freiheit der Post, sagte SBB-Sprecher Stephan Wehrle auf Anfrage.

Seitens der Post-Tochter Postauto will man sich zur SBB-Kritik nicht äussern, wie ein Konzernsprecher auf Anfrage erklärte.

Busse sind indirekte Konkurrenz

Ganz ohne ist das Engagement von MeinFernbus und dessen Mitbewerbern in der Schweiz dabei nicht: Für Wehrle stellen sie zwar keine direkte Konkurrenz zur Bahn dar.

Eine «indirekte Konkurrenz» seien die Fernbusse aber allemal. Denn die Busse dürfen zwar keine Personen von Genf nach Basel bringen, wohl aber von Zürich nach München.

Internationale Busreisen in die Schweiz und wieder heraus sind legal – und sie werden immer beliebter.

Gleiches gilt für den Transitverkehr. Das Berliner Unternehmen MeinFernbus ist mit dem Schweizgeschäft so zufrieden, dass es die Kooperationen ausbauen will.

Auch der grösste deutsche Konkurrent Flixbus fühlt sich wohl in der Schweiz. Die Münchner haben erst vor kurzem angekündigt, die Schweiz zu einem internationalen Drehkreuz zu machen.

«Zürich wird dabei einer der wichtigsten Fernbusknoten in Europa», sagte Flixbus-Chef André Schwämmlein in der vergangenen Woche.