Es geschieht jeden Tag, rund um den Globus, tausendfach. Während die Passagiere ihr Flugmenü geniessen und sich überlegen, welchen Spielfilm im Unterhaltungssystem sie sich als Nächstes anschauen wollen, herrscht zehntausend Meter unter ihnen Krieg. Nur ein kleines gelbes Flugzeugsymbol auf der Reisekarte verrät, dass sie sich über dem Irak, der Ost-Ukraine oder dem Sudan aufhalten.

In der Aviatikbranche stand es bisher ausser Frage, dass zivile Passagierflugzeuge aufgrund ihrer Reisehöhe ausser Reichweite für die Waffen von Rebellen und Terroristen sind. Das Überfliegen von Kriegsgebieten galt als unproblematisch. Umso grösser ist der Schock nach dem Abschuss einer Boeing 777 der Malaysia Airlines über der Ostukraine, wo sich Armee und prorussische Rebellen seit Monaten blutige Kämpfe liefern. An einem durschnittlichen Tag überqueren 300 Flieger das Gebiet. 

Ex-Pilot kritisiert Routenwahl der Airlines

Auch Swiss flog über Ostukraine

Fluggesellschaften aus der ganzen Welt mussten ihre Jets am Donnerstag nach dem Unglück Hals über Kopf umleiten. Bei der Swiss war es ein Flug von Bangkok nach Zürich. Sprecherin Sonja Ptassek betont, der Luftraum sei zum Zeitpunkt des Abschusses für die Zivilluftfahrt offen gewesen. Behördenwarnungen habe es keine gegeben. Die interne Sicherheitsabteilung der Swiss könne zwar «auf individueller Basis» entscheiden, ein Gebiet zu umfliegen. Das tat sie im Fall der Ostukraine trotz wiederholter Abschüsse von Militärflugzeugen durch prorussische Separatisten nicht. Airlines wie Qantas, Air Berlin oder Korean Air Lines hingegen entschieden sich schon vor Monaten dafür, die Region zu meiden.

Inzwischen hat die Ukraine den Osten des Landes zur No-Fly-Zone erklärt. Die Swiss fliegt nun südlich über das Schwarze Meer Richtung Fernost.

Auf den sozialen Netzwerken fragen sich viele, warum es einen Abschuss mit 298 Toten brauchte, bevor die Swiss und mit ihr eine Mehrheit der Airlines das gefährliche Gebiet umflogen. Aviatik-Experte Andreas Wittmer von der Universität St. Gallen bringt in einem kurzen E-Mail an die «Nordwestschweiz» die Meinung vieler Experten auf den Punkt: «Wirtschaftliche Überlegungen spielen neben dem Wetter und der Sicherheit eine grosse Rolle bei der Routenwahl.» Im Klartext: Wer Krisenherde umfliegt, verbrennt mehr Kerosin und macht am Ende weniger Gewinn. Im hart umkämpften Fluggeschäft ist das ein Tabu, solange es von offizieller Seite nicht verlangt wird.

Die Überquerung von Kriegsgebieten ist für die Airlines dennoch ein delikates Thema. Die Swiss etwa verweigert gegenüber dieser Zeitung eine Antwort auf die Frage, ob ihre Flugrouten über den Irak und Syrien führen, wo die islamistische Terrorgruppe Isis grosse Landstriche kontrolliert. Die Lufthansatochter will generell keine Auskünfte zu konkreten Flugrouten geben. Sprecherin Ptassek sagt bloss: «Wir beurteilen die Sicherheitslage laufend. Sobald es Warnungen von den zuständigen Behörden gibt, überfliegen wir den betroffenen Luftraum nicht mehr.»

Sogar Russland leitet um

Der Grat zwischen Profit und Sicherheit bei der Routenplanung ist schmal. Die Moskauer Sicherheitsbehörden etwa untersagen ihren Airlines alle Flüge über syrischem Territorium, seitdem letzten Frühling ein Charterflug mit Touristen ins Visier von Boden-Luftraketen geraten ist. Auch die Airlines von Katar und Saudi-Arabien umfliegen Syrien und nehmen dafür je nach Route eine zusätzliche Flugstunde in Kauf. Die Konkurrenz aus dem Libanon wiederum überquert das kriegszerrüttete Land heute noch und spart so gemäss einer unbestätigten Schätzung bis zu einer Million US-Dollar monatlich.