Alle Probleme von Doris Leuthard wird sie nicht lösen können, die sonderbare, klare Flüssigkeit, die Carl Berninghausen gestern mit nach Bern brachte – aber vielleicht einige. Vor allem beim Klimaschutz könnte sie der Umweltministerin einmal hilfreich sein.

Hier hat die Schweiz ambitionierte Ziele: Um 50 Prozent will der Bundesrat den CO2-Ausstoss bis 2030 drosseln. Einen wesentlichen Beitrag dazu muss der Verkehr leisten, denn Autos und dergleichen stossen anteilig am meisten CO2 aus. Kurzum: Wenn beim Verkehr nicht eingespart wird, sind die Ziele nicht erreichbar.

Neben sparsamen konventionellen Fahrzeugen, die es heute schon im Markt gibt, können Elektroautos Abhilfe schaffen. Aber nur, wenn sie Strom tanken, der klimaneutral – also ohne zusätzliches CO2 in die Atmosphäre zu leiten – produziert wurde. Und nur, wenn die Batterien umweltschonend hergestellt und nach ihrem Lebensende wieder entsorgt werden. Aber selbst dann: Ganz verdrängen werden sie die Benzin- und Dieselfahrzeuge in nächster Zeit nicht. Das bedeutet, dass auch künftig klimaschädliches CO2 von der Strasse in die Luft abgegeben wird.

Hier kommt Berninghausen mit seiner Flüssigkeit ins Spiel. Er ist Gründer und Chef der Dresdner Firma Sunfire, die Flüssigkeit synthetischer Diesel, den er aus Deutschland mitgebracht hat. Noch verwendet Sunfire zu dessen Herstellung CO2, das direkt durch einen Verbrennungsprozess gewonnen wurde. Doch mithilfe eines Partners aus der Schweiz soll sich das bald ändern: Noch in diesem Jahr wollen die beiden Firmen klimaneutralen Diesel produzieren — nur mithilfe von Wasser, Strom aus erneuerbaren Energien und CO2 aus der Luft.

Wichtiger Schweizer Partner

Der Schlüssel dafür ist das Zürcher Start-up Climeworks. Die Firma, gegründet 2009 von den beiden damaligen ETH-Studenten Jan Wurzbacher und Christoph Gebald, hat ein Verfahren entwickelt, mit dem sie CO2 aus der Atmosphäre filtern kann. Sunfire verarbeitet es weiter und macht daraus synthetischen Erdölersatz. Die Flüssigkeit, «Blue Crude» genannt, kann zu Diesel weiterverarbeitet werden.

Dieser Diesel wiederum hat zwei herausragende Eigenschaften, wie Berninghausen erklärt: «Er ist klimaneutral, weil wir das CO2 aus der Luft holen, und er ist sauberer und damit leistungsfähiger als herkömmlicher Diesel.» Ein weiterer Vorteil: Der synthetische Diesel stellt weder besondere Ansprüche an die Infrastruktur noch an die Fahrzeuge: Er kann über das Tankstellennetz vertrieben werden, normale Diesel-Autos können ihn tanken.

Die ersten Liter hat Sunfire bereits produziert, allerdings noch ohne den CO2-Filter von Climeworks. Im nächsten Jahr soll eine solche Anlage auf dem Gelände von Sunfire in Dresden installiert und das erste Fass mit klimaneutralem Diesel gefüllt werden. Der deutsche Autobauer Audi unterstützt die beiden Firmen.

Climeworks-Gründer Wurzbacher wirkte in Bern selbst ein wenig überrascht. «Als wir vor sechs Jahren zu zweit im Labor angefangen haben, hiess es, es wird noch Jahrzehnte brauchen, bis man CO2 ökonomisch aus der Luft abscheiden kann. Heute haben wir die erste verkaufsfertige Demonstrations-Anlage mit dabei», sagt er und zeigt auf einen zwei Meter langen und gut 1,5 Meter hohen Kasten hinter ihm. Ein darin enthaltenes Filtermaterial saugt das CO2 wie ein Schwamm aus der Luft. In einem zweiten Schritt wird es auf 100 Grad erhitzt und gibt dabei das CO2 in reiner Form wieder ab.

Das Modell, das er aus Zürich mitgebracht hat, sei jedoch nur ein Vorgeschmack darauf, was noch in diesem Jahr im Zürcher Oberland installiert werden soll: Nach Hinwil liefert Climeworks einen CO2-Staubsauger in der Grösse von drei Schiffscontainern. 1000 Tonnen CO2 soll dieser jährlich aus der Atmosphäre filtern – und es an ein Gewächshaus abgeben, in dem Pflanzen dank des CO2-Düngers besser gedeihen können. Das sei der Vorteil des Systems, erklärt Wurzbacher: «Man kann es an jedem beliebigen Ort aufstellen, Luft gibt es schliesslich überall.»

Schneider-Ammann tankt

Momentan seien solche Nischenmärkte wichtig, um die Anlagen in der Praxis einzusetzen, sagt Wurzbacher. Langfristig soll das Geschäftsmodell aber bei den Treibstoffen liegen. Das wiederum dürfte Umweltministerin Doris Leuthard freuen, da der klimaneutrale Treibstoff die CO2-Bilanz der Schweiz verbessern könnte.

Persönlich erschien die Bundesrätin trotzdem nicht zur Präsentation auf dem Bundesplatz. Dafür kam Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann — und liess es sich nicht nehmen, Berninghausens Fünf-Liter-Kanister eigenhändig in den bereitstehenden Audi zu kippen. Er kleckerte ein wenig, freute sich aber sehr über die deutsch-schweizerische Kooperation.