In der amerikanischen Technologiebranche wimmelt es von Exzentrikern: Junge Männer, die geniale Ideen ausbrüten, im Kontakt mit ihren Mitmenschen aber grosse Defizite aufweisen. Andrew Mason, der Geschäftsführer der Schnäppchen-Plattform Groupon, macht da keine Ausnahme. Manchmal treibt es der 32-Jährige, der gerne den adoleszenten Pausenclown spielt, aber zu weit.

Voriges Jahr sorgte er mit seinen kreativen Rechnungslegungsmethoden für Aufregung. In diesem Frühjahr hielt der pausbäckige Multi-Millionär eine Rede vor Tausenden seiner Mitarbeiter, in der er – Bierflasche in der Hand – seine Firma als «Kleinkind im Körper eines Mannes» beschrieb und bekundete, dass Groupon erwachsen werden müsse. Dann verschlug es Mason die Sprache. «Sorry, ich habe zu viel Bier getrunken», stotterte er.

Börsenwert ist eingebrochen

Tatsächlich bleibt dem vor vier Jahren in Chicago gegründeten Unternehmen nicht mehr viel Zeit, um die Sturm- und Drangphase zu überwinden. An der Technologiebörse Nasdaq in New York, an der Groupon seit November 2011 notiert ist, gilt Groupon mittlerweile als absoluter Reinfall. Der Aktienkurs ist seit dem ersten Handelstag von 28 Dollar auf unter 5 Dollar gefallen. Und die Investoren verlieren die Geduld mit dem Schnäppchenanbieter: Gestern machte das «Wall Street Journal» publik, dass vier namhafte Investoren ihren Aktienbestand jüngst massiv abgebaut hätten. Darunter befindet sich auch die Beteiligungsgesellschaft Andreessen Horowitz, die im Juni ihren gesamten Bestand von 5,1 Millionen Groupon-Aktien verkaufte.

Dieser Schritt kommt einem Misstrauensvotum der ganzen Silicon-Valley-Welt gleich. Denn hinter der Beteiligungsgesellschaft steckt Marc Andreessen, der in den Neunzigerjahren den Internet-Browser Netscape entwickelte und dann in modische Start-Ups wie Twitter, Skype, Facebook und Zynga investierte. Aus diesem Grund gilt der 41-jährige Andreessen als Trendsetter und Schrittmacher der Technologiebranche. Und als gewiefter Geschäftsmann: Aus dem Groupon-Deal resultierte ein Reingewinn von knapp 14 Millionen Dollar, wie das «Wall Street Journal» berechnete.

Der Ausstieg von Andreessen Horowitz kann Mason allerdings nicht wirklich überrascht haben. Bereits im vorigen Jahr hatte Andreessen den Groupon-Geschäftsführer telefonisch darum gebeten, von einem Gang an die Börse abzusehen. Denn das Geschäftsmodell des Schnäppchenjägers werde den prüfenden Blicken der Anleger nicht statthalten, prophezeite er.

Opfer des eigenen Erfolgs

Fairerweise muss man sagen: Groupon ist auch Opfer des eigenen Erfolgs geworden, der beispielslos ist und Hunderte von Nachahmern und Trittbrettfahrer angezogen hat. Die illustre Liste reicht von Amazon über Google bis hin zum Schweizer Verlagshaus Ringier. Jeden Tag können nun preisbewusste Konsumentinnen von New York bis Zürich aus Hunderten von Billig-Angeboten auswählen. Dadurch macht sich nicht nur eine gewisse «Schnäppchenmüdigkeit» breit, wie Analysten sagen. Vorbei sind auch die Zeiten, in denen Groupon veritable Umsatz-Sprünge vollführte. Im zweiten Quartal 2012 stiegen die Einnahmen auf 568,3 Millionen Dollar: Gegenüber dem Vergleichsquartal im Jahr 2011 entspricht dies zwar einem Plus von fast 45 Prozent, gegenüber dem ersten Quartal 2012 aber betrug das Wachstum bloss kümmerliche 2 Prozent.

Neue Strategie im Visier

In früheren Jahren hätte der ehemalige Platzhirsch mittels einer aufwendigen Werbekampagne auf diesen Einbruch reagiert. Noch im ersten Halbjahr 2011 butterte die Internet-Plattform weltweit 443 Millionen Dollar in die Werbung und schrieb deshalb tiefrote Zahlen. Diese Zeiten sind aber vorbei, denn Groupon sitzt das Geld nicht mehr derart locker in der Tasche. Im ersten Halbjahr 2012 sanken die Werbeausgaben auf 205 Millionen Dollar.

Groupon hat deshalb in den letzten Monaten einen neuen Geschäftszweig aus dem Boden gestampft. In den ersten Jahren seiner Existenz war der Schnäppchen-Dienst in erster Linie ein Kuppler, der Beziehungen zwischen Kleinunternehmen und Konsumenten anbahnte. «Groupon», behauptete Mason noch in der vorigen Woche, «ist das Betriebssystem für Kleinunternehmen.» Geld machte Groupon mit dem Verkauf von Gutscheinen für verbilligtes Essen, Getränke, Bootstouren oder ähnlichen Dienstleistungsangeboten. Die Hälfte des Verkaufspreises strich sich Groupon ein, dem jeweiligen Anbieter eröffnete sich aber dank dem Schnäppchen der Zugriff auf einen neuen Kundenstamm.

Nun rückt Groupon von dieser Vermittlerrolle ab. Stattdessen entwickelt sich das Unternehmen zu einem Internet-Warenhaus. «Groupon Goods» heisst das Angebot. Bisher allerdings harzt das Geschäft: Im zweiten Quartal setzte «Groupon Goods» bloss 65,4 Millionen Dollar mit diesem neuen Geschäftszweig um. Dies reicht nicht, um die Nerven der Investoren zu beruhigen.