Sexvorwürfe
Aktualisiert am 17.05.11, um 13:32 von Christoph Bopp
 

Diese Männer glaubten, mit jeder Geschichte davonzukommen

Impeachment: Bill Clinton. HO
Macht korrumpiert, sagt man. Viel Macht korrumpiert nicht nur, sie verdirbt auch den Charakter. Mächtige Männer halten sich für Sexvorwürfe unangreifbar. von Christoph Bopp
 

Sex und Macht – der Titel drängt sich auf. Was auch immer in der «Sofitel»-Suite passiert ist, es muss unter diesem Vorzeichen stattgefunden haben. Warum das so ist, ist mindestens Männern klar, wenn auch die Gründe dafür vielschichtig sind. Neben allerhand Atavismen und Vorstellungen der Primatenhorde mit dem Alphatier, das «alle Weibchen haben kann», leistet auch die Sprache Vorschub.

«Macht» ist, so definierte Max Weber, der Urvater der modernen Soziologie, «innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen». Wer glaubt, das gelte nur für zivile, friedliche Belange, der irrt. So lesen wir bei Clausewitz, dem Theoretiker des modernen Krieges: «Krieg» sei ein «Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung seines Willens zu zwingen». Und – wie erwähnt – die Sprache ist ebenfalls Zeuge. Man kennt die Wendung «Jemandem zu Willen sein», sie ist ziemlich eindeutig konnotiert.

Ist Macht wirklich sexy?

Folgt man der populärdarwinistischen Argumentationslinie (sie gründet auf der Prämisse, dass die Weibchen die Gene erfolgreicher Männchen wollen und nicht die der Verlierer), gilt der Satz eben auch für Promis, die nicht aus der Politszene stammen. Die Skandale und sonstigen Storys aus diesem Milieu sind denn auch so zahlreich, dass man befürchten muss, dass nur prominent werden kann, wer auch die Anlage zum Sexmaniac hat.

Einen Webfehler haben die meisten Männer im Rampenlicht: Sie glauben, sie würden mit jeder Geschichte davonkommen, für sie gälten die normalen Regeln nicht. Das kann recht weit gehen.

Den Prototyp gewissermassen lieferte im Alten Testament David, der König Israels, der Batseba, die Frau des Söldnerführers Urija, schwängerte und dann dafür sorgte, dass er im Krieg gegen die Ammoniter fallen sollte (2.Sam. 11).

Bestien in totalitären Systemen

Während sich die Nazi-Führungsriege in dieser Beziehung einigermassen zurückhielt, sind die sexuellen Perversionen von Jeschow und Berija, Mitglieder von Stalins Führungsriege, so bekannt, dass seriöse Historiker fürchten, dass unter all den Skandalgeschichten die historische Wahrheit von Stalins Terrorherrschaft begraben werden könnte.

Vergewaltiger in Demokratien

Dass auch gewählte politische Führer Affären haben, hat die öffentliche Meinung lange akzeptiert. John F. Kennedy und seine vielfältigen Frauenbeziehungen waren zu seinen Lebzeiten kein Thema in der Presse. Seine Biografen deuteten die sexuellen Eskapaden als Lebenshunger. JFK war durch Krankheiten wiederholt am Rande des Grabes, da gebe es Grund zur Nachsicht. Bill Clintons Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky führte nur deshalb zu einem Amtsenthebungsverfahren, weil sie durch politische Gegner instrumentalisiert und durch den profilierungssüchtigen Staatsanwalt Kenneth Starr ausgeschlachtet wurde.

Wegen Vergewaltigung verurteilt wurde hingegen der frühere israelische Staatspräsident Moshe Katsav. Er war offen der Auffassung, ein Gericht würde sich nicht getrauen, ihn zu verurteilen, und verzichtete auf einen aussergerichtlichen Vergleich. Jacob Zuma, seit 2009 Präsident Südafrikas, wurde 2005 vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Das Gericht befand, der Sex habe «einvernehmlich» stattgefunden.

(az)
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