Im Fussball haben Gefühle, Schwächen keinen Platz. Nur die Stärksten überleben – alle anderen fallen gnadenlos durchs Raster. Umso schöner, wenn man Zeuge des Gegenteils wird. Zeuge einer Begegnung zweier Fussballprofis, während der die Gefühle hochleben. Zwei Fussballprofis, die in ihrer Karriere vom Pech verfolgt wurden.

Der eine hat sich durchgebissen und wurde mit Meister- und Champions-League-Ehren belohnt. Der andere steht immer noch mitten im Orkan des bösen Schicksals und hofft, dereinst auch vom Glück geküsst zu werden wie sein Gegenüber.

FCA-Aussenverteidiger Miguel Peralta (l.) und FCB-Offensivmann Davide Callà während ihres Treffens.

FCA-Aussenverteidiger Miguel Peralta (l.) und FCB-Offensivmann Davide Callà während ihres Treffens.

An diesem Donnerstag stehen sich in einer Bar mitten im solothurnischen Schönenwerd Davide Callà und Miguel Peralta gegenüber – und jeder weiss, was der andere gerade denkt und fühlt.

Calla startet durch

Warum das Treffen zwischen Callà, dem Profi des FC Basel, und Peralta, dem Profi des FC Aarau? Es ist eigentlich ein trauriger Anlass: Es ist der Schmerz, das Leiden, das sie verbindet. Die Gemeinsamkeit ist die jahrelange Leidensgeschichte.

Die Gemeinsamkeit ist ein kaputtes rechtes Knie, das mehrere Male operiert wurde. Die Gemeinsamkeit ist das wochenlange Humpeln an zwei Krücken. Die Gemeinsamkeit ist monatelange Therapie. Aufbautraining im Wasser. Aufbautraining mit dem Velo. Aufbautraining mit Jogging. Aufbautraining mit Ausdauerläufen und Sprints. Aufbautraining mit und ohne Ball.

Es gibt allerdings einen kleinen Unterschied: Im Gegensatz zu Peralta hat Callà seinen Leidensweg hinter sich. Der Flügelstürmer startet seit August 2012 durch. Erst unterschrieb der italienisch-schweizerische Doppelbürger beim FC Aarau einen Einjahresvertrag und schoss die Mannschaft in der Saison 2012/13 mit 19 Toren in die Super League. Und spätestens seit Februar 2014 und seinem Transfer von Aarau zum FC Basel ist Callà im Konzert der Grossen angekommen.

Mehr noch: Callà hat sich im sich ständig verändernden rot-blauen Kader zu einer Konstante entwickelt, er ist mittlerweile Führungsspieler, auch wenn er nicht jede Minute auf dem Platz steht. Er ist ein Vertrauter von Captain Matias Delgado, Callàs Meinung hat Gewicht. Die Fans anerkennen seine Leidenschaft, seinen treuen Dienst für den Verein. Der gebürtige Winterthurer und ehemalige St.-Gallen- und GC-Profi Callà ist in Basel Publikumsliebling.

Davide Callà ist Publikumsliebling beim FC Basel.

Davide Callà ist Publikumsliebling beim FC Basel.

Peralta hingegen steckt im Elend. Ihm läuft es dreckig. Im Frühsommer 2014 zog er sich den ersten Kreuzbandriss und einen Meniskusschaden zu. Nach der Operation folgte eine sechsmonatige Zwangspause. Im Januar 2015 reiste Peralta mit dem FC Aarau in ein Trainingslager in die Südtürkei und verletzte sich am Meniskus im rechten Knie. Wieder wurde er operiert. Wieder folgte eine sechsmonatige Zwangspause.

Miguel Peralta wird nicht vor Juni ins Mannschaftstraining wiedereinsteigen können.

Miguel Peralta wird nicht vor Juni ins Mannschaftstraining wiedereinsteigen können.

Und Mitte September dieses Jahres riss im Training erneut das Kreuzband – Meniskusschaden inklusive. Die Saison ist gelaufen. Der Wiedereinstieg ins Mannschaftstraining erfolgt frühestens im kommenden Juni. Da stellt sich zwangsläufig die Frage: Liegt ein böser Fluch über dem Talent des FC Aarau?

Callà soll Peralta Mut machen

Die Verletzungsgeschichte von Callà und von Peralta ist Anreiz genug, sie in ungezwungener Atmosphäre zu treffen. Das Ziel: Callà soll Peralta Mut machen. Callà soll den Muntermacher spielen. Er ist prädestiniert für diese Rolle. Callà ist ein feiner Mensch, (fast) immer gut gelaunt. Er ist temperamentvoll, denkt positiv und trägt das Herz auf der Zunge. Callà ist zweifellos der Richtige für die Seelenmassage bei Peralta.

Er weiss genau, wie sich Peralta fühlt. Schliesslich hing Callàs Karriere in der Zeit zwischen 2006 und 2012 ebenfalls an einem dünnen Faden. Vor zehn Jahren schlug die Verletzungshexe schonungslos zu. Kreuzbandriss und Knorpelschaden im rechten Knie hiess die niederschmetternde Diagnose.

Die beiden treffen sich in der Sass-Bar in Schönenwerd.

Die beiden treffen sich in der Sass-Bar in Schönenwerd.

 

Es war der Auftakt zu einer beispiellosen Leidenszeit. Nach fünf Eingriffen im gleichen Knie und einer Leistenoperation schien die Karriere des italienisch-schweizerischen Doppelbürgers frühzeitig zu Ende. Dann aber gab Callà sein Schicksal in die Hände von Jürgen Eichhorn. Der deutsche Arzt und Kniespezialist gab ihm die Hoffnung an eine Fortsetzung der Laufbahn zurück. Und im Sommer 2012 startete Callà so richtig durch.

Es ist ein trüber Donnerstagnachmittag. Peralta ist schon da und sitzt auf einem Hocker, neben ihm lehnen die Gehstöcke. Da tritt Callà ins Lokal. Sie haben sich zwar mal gekreuzt beim FC Aarau in einem Januar-Trainingslager, von «sich kennen» kann aber nicht die Rede sein. Doch das Eis zwischen Jung und Alt bricht blitzschnell.

Callà hat erkannt, wie mies es Peralta geht. Lust trifft Frust. Callà umarmt Peralta, fragt, wies geht, verteilt Nettigkeiten und spricht viel Mut zu. Wir lassen die beiden einen Moment alleine. Es entwickelt sich ein reges Gespräch, in dem zwar fast nur Callà spricht – aber so soll es ja auch sein. Peralta soll von seinem «Vorbild», wie er Callà bezeichnet, Tipps und Tricks erfahren, damit es doch noch etwas wird mit der anvisierten Auslandskarriere.

«Für einen Profi gibt es kein Rezept, um eine solch schwierige Phase zu überstehen», sagt Callà. «Entscheidend ist, dass man den Heilungsprozess mit Geduld angeht und nie den Glauben an das Gute verliert. Eines habe ich gelernt: Ehrliche Arbeit wird belohnt.» Ein paar konkrete Tipps hat er dann doch auf Lager: «Miguel, es ist ganz entscheidend, wer dein Arzt ist.

Dabei kommt es auf dein Gefühl an – der Leistungsausweis eines Doktors ist nicht alleine entscheidend. Ihr müsst euch auch menschlich verstehen.» Und weiter: «Jetzt, wo du bald die Stöcke ablegen kannst und langsam wieder joggen kannst, rate ich dir: Nimm dir genügend Ruhephasen. Mache nicht den Fehler und trainiere zu viel.

Das schadet dir nur auf Dauer. Die Erholung, die richtige Ernährung und die mentale Ablenkung sind fast genauso wichtig wie die Arbeit mit den Physios, im Kraftraum und später auf dem Platz.» So geht das weiter – Callà plaudert aus dem Nähkästchen, wie er sich damals immer wieder aufgerafft und hochgearbeitet hat.

Eine gute Stunde ist vergangen. Peralta ist sichtlich beeindruckt. Er sagt: «Danke Davide, du hast mir grad sehr geholfen. Es geht mir nicht so gut, wie du vielleicht gemerkt hast. Aber nach dem heutigen Tag habe ich wieder etwas mehr Mut.

Man hört und liest viel – aber wenn man mit einem Spieler, der die gleiche Scheisse wie ich durchgemacht hat, von Angesicht zu Angesicht sprechen kann, ist es etwas anderes. Dann glaubt man noch mehr daran, dass alles wieder gut wird.»

Der Traum vom Trikottausch

Callà nickt und sagt: «Glaub mir, Miguel, es kommt der Moment, in dem sich das Schicksal auf deine Seite schlägt. Mir ging es so – schau, was ich noch alles erreicht habe. Ich bin sicher: Auch bei dir klopft das Glück bald an die Tür – und dann gehts bergauf. Entscheidend ist, dass du den Glauben an das Gute nicht verlierst. Schau mich an! Hätte mir einer vor vier Jahren gesagt, dass ich mit dem FC Basel in der Champions League spiele, hätte ich ihn ausgelacht.»

Peralta: «Danke Davide. Ich wünsche mir nach unserem Treffen, dass wir uns noch einmal auf dem Fussballplatz begegnen. Das wäre ein Traum – und dann tauschen wir Trikots!» Callà strahlt und sagt: «Versprochen, das machen wir!» Dann verabschiedet sich Callà mit einer herzlichen Umarmung von Peralta und fährt zurück zu seiner Familie.

Peralta, immer noch etwas baff vom Treffen mit seinem Idol, setzt sich wieder an die Bar und nimmt einen grossen Schluck aus dem Wasserglas. «Ich habe von vielen gehört, dass Callà ein Guter ist. Aber gerade so toll? Ich bin begeistert – schön, gibt es im Fussball noch solche Typen, die trotz ihrer Bescheidenheit Erfolg haben. Ich werde mir seine Worte zu Herzen nehmen – und hoffen!»