Man musste vor zwei Jahren im Trainingslager des FC Basel in Marbella schon genau hinschauen, um den schmächtigen und scheuen Testspieler namens Mohamed Elneny nicht zu übersehen. Ein Lautsprecher ist der 22-Jährige auch heute noch nicht, doch hat er sich mit seiner mannschaftsdienlichen und klugen Spielweise zum heimlichen Chef im Basler Mittelfeld hochgearbeitet: Wann immer ein wichtiges Spiel ansteht, zählt Trainer Paulo Sousa wie schon sein Vorgänger Murat Yakin auf die Dienste des Ägypters. Mittlerweile traut Elneny es sich und seinen Englisch-Kenntnissen zu, ohne Übersetzer mit dem Journalisten zu sprechen. Das Resultat sind viele spannende und überraschende Einblicke in sein Leben.

Über die Anfänge beim FCB:

«Als ich damals zur Mannschaft stiess, hatte ich vor allem eines: Angst. Ich war nur ein Testspieler und hatte grosse Zweifel, ob ich den Präsidenten und den Sportchef davon überzeugen kann, mir einen Vertrag zu geben. Ich wollte doch unbedingt nach Europa wechseln! Bernhard Heusler und Georg Heitz haben das wohl gemerkt und mir gesagt, ich solle einfach ganz normal trainieren. Das habe ich mir zu Herzen genommen – mit Erfolg, kurz nach dem Trainingslager durfte ich unterschreiben. Mein Berater hat mir gesagt, ich solle nicht enttäuscht sein, wenn ich im ersten halben Jahr nicht oft zum Einsatz komme. Das sei normal bei Spielern, die mitten in der Saison wechseln. Doch dann hat mich Murat (Yakin; d. Red.) fast in jedem Spiel eingesetzt. Ich war der glücklichste Mensch der Welt!»

Über sein Leben in der Schweiz

«Mein Leben hat sich komplett verändert, es ist jetzt viel besser als vor zwei Jahren. Ich habe seit knapp zwei Jahren einen Sohn und bin dafür verantwortlich, meiner Familie ein schönes Leben zu bereiten. Zum Glück darf ich das in der Schweiz tun, hier verdiene ich gut und lebe in einem friedlichen Land. Für meinen Sohn ist es besser, in Europa aufzuwachsen und zu lernen, wie ein Europäer zu denken. Nicht falsch verstehen: Ich liebe Ägypten und werde nach meiner Karriere dorthin zurückkehren. Aber als Fussballer ist es dort unmöglich, spazieren zu gehen, von allen Seiten bedrängen einen die Menschen. In Basel lassen sie mich in Ruhe. Ich habe viele Freunde gefunden: Neben meinen Mitspielern, mit denen ich ab und zu essen gehe, verbringe ich viel Zeit mit Ägyptern, wir trinken Tee zusammen oder gehen in die Moschee.»

Über seinen Glauben

«Allah steht über allem, dann kommen auf der gleichen Stufe mein Beruf und meine Familie. Allah hat bestimmt, dass ich Fussballer werde und zum FC Basel wechsle. Geht es darum, Entscheidungen zu treffen, höre ich nur auf ihn. Sollte mir irgendwann ein Verein ein noch so gutes Angebot machen, Allah mir aber von einem Wechsel abrät, dann bleibe ich. Umgekehrt genauso. Ich bin ein streng gläubiger Moslem und bete fünfmal am Tag. Auf Reisen mit dem FCB habe ich den Gebetsteppich immer dabei. Zum Glück gibt es auch hier in Marbella eine Moschee – ich werde am Samstag zusammen mit Ahmed Hamoudi (Elnenys Landsmann und Teamkollege beim FCB; d. Red.) hingehen. Ich fühle mich als Nicht-Christ in der Schweiz sehr wohl und akzeptiert, Probleme gab es deswegen noch nie. In Basel kann man zudem sehr gutes Halal-Fleisch kaufen.»

Über den Starkult im Fussball

«Auch wenn die Menschen in mir einen Star sehen: Das bin ich nicht, ich bin ein normaler Mensch. In meinen Augen ist es gefährlich, sich als Star zu fühlen. Man braucht sich nur zu verletzen oder die Karriere zu beenden – und schon fällt man in ein tiefes Loch. Ich wünsche mir im Fussball mehr Demut und Dankbarkeit.

Über seinen Vater

«Er ist Fussballtrainer und hat begonnen mich zu trainieren, als ich drei Jahre alt war. Er wünschte sich nichts Sehnlicher, als dass ich Profi werde. Ich erinnere mich, wie er mir als Kind befohlen hat, den Ball mit ins Bett zu nehmen. Er hat gesagt: ‹Du musst mit dem Ball verschmelzen.› Er wollte auch, dass ich zur Schule gehe. Ich hatte dazu aber gar keine Lust und verabredete mich stattdessen mit meinen Freunden vom Nachbarquartier zum Kicken. Mit meinem Vater telefoniere ich nach jedem Spiel. Er tadelt mich oft und sagt, er hätte mir es doch anders beigebracht. Aber jedes Mal lobt er mich auch und sagt, wie stolz er sei. Im Herbst haben er und meine zwei Schwestern (Elnenys Mutter ist verstorben) mich erstmals in Basel besucht. Nach dem Sieg gegen Liverpool hatte mein Vater Tränen in den Augen, das hat mich sehr gerührt.»

Über seine Laufstärke

«Rennen gehört zu meinem Job, ich mag es, permanent in Bewegung zu sein. Als Kind spielte ich oft zehn Stunden oder noch länger auf der Strasse – ich glaube, dort habe ich gelernt, pausenlos zu rennen. Meine Pflicht ist es, dem Team mit meinen Stärken zu helfen. Und wenn meine Kollegen sehen, wie viel ich renne, dann rennen sie automatisch auch mehr.»

Über Mohamed Salah

«Wir kennen uns seit fünf Jahren und begegnen uns wie Brüder. Als ich nach Basel kam, hat er mir bei allem geholfen. Wollte ich den Menschen etwas mitteilen, habe ich es Momo gesagt und er hat es dann weitergeleitet. Als er uns vor einem Jahr verlassen hat, dachten viele, ich falle in ein Loch. Aber ich habe viel profitiert davon: Ich werde jetzt viel mehr wahrgenommen, sowohl als Mensch als auch als Fussballer. Ich und Momo telefonieren jeden Tag. Es geht ihm bei Chelsea nicht nur gut, er ist natürlich etwas verärgert darüber, dass er nur selten zum Einsatz kommt. José Mourinho (Chelsea-Trainer; d. Red.) sagt ihm oft: ‹Nächstes Mal bist du dran!› Und doch muss er wieder auf die Tribüne, weil die Konkurrenz bei Chelsea halt riesig ist.»

Über seine Zukunft

«Ich liebe den FC Basel, wirklich. Aber es soll nicht das Ende sein. Mein Traum ist der FC Barcelona. Ich traue mir zu, dort zu spielen. Aber ich muss hart dafür arbeiten.»

Über Ahmed Hamoudi

«Ich bin für ihn, was Momo Salah vor zwei Jahren für mich war. Er hat es schwer, weil er kein Englisch spricht, aber es wird immer besser. Und vor drei Wochen hat er geheiratet, bald kommt seine Frau in die Schweiz. Ich hoffe, das hilft ihm, sich noch besser auf den Fussball zu konzentrieren.»