Die 10-jährige Maria Luisa Erdin hat einen grossen Traum. Sie möchte als Eiskunstläuferin internationale Wettkämpfe bestreiten und an grossen Showanlässen auflaufen können.

Dafür arbeitet sie bereits jetzt hart. Sehr hart sogar. Jede Woche trainiert sie fünf bis sechs Mal, jeweils zwei bis zweieinhalb Stunden.

Technik, Akrobatik und Beweglichkeit sind im Eiskunstlauf enorm wichtig und müssen bereits früh erlernt werden.

Der Aufwand zahlt sich aus, denn Maria Luisa Erdin hat von den letzten 15 Wettkämpfen 11 gewonnen und vier zweite Plätze herausgefahren – und das, obwohl sie in drei verschiedenen Niveaukategorien angetreten ist.

Im Februar hat sie sich zudem für die Mini-Schweizermeisterschaft qualifizieren können.

Der grosse Aufwand für die Sportkarriere von Maria Luisa Erdin stellt ihre Eltern jedoch vor Probleme – vor allem finanzieller Art.

Die Kosten für ein Jahr – Training auf und neben dem Eis, Ballet, Eismiete, Fahrkosten, Trainingslager, Wettkämpfe und Material inbegriffen – werden sich in naher Zukunft schätzungsweise auf 80000 Franken belaufen.

«Das sind Beträge, über die wir schlicht nicht verfügen und ohne die Unterstützung des Grossvaters wäre bereits der jetzige Trainingsumfang nicht zu bezahlen», sagt Mutter Mirjam Erdin und fügt hinzu, dass es eine sehr grosse Herausforderung sei, Sponsoren für ein 10-jähriges Kind zu finden.

Unterstützung durch den Verein

Maria Luisa Erdin, die mit ihrer Familie nur fünf Minuten von der Kunsteisbahn Aarau entfernt in Suhr wohnt, trainiert beim Eislaufclub Aarau.

Der Verein hat unter der Leitung von Präsident Michael Schön in den letzten Jahren viel in den Wettkampf- und Leistungssport investiert und so auch eine Gruppe von acht Nachwuchsathletinnen hervorgebracht, die den Sport auf hohem Niveau betreiben.

Der Verein versucht, die jungen Talente und ihre Familien so gut es geht, zu entlasten.

«Wir erlassen bis zu 50 Prozent der Kosten für die Clubtrainings, übernehmen die Eiskosten und zahlen teilweise die Wettkampfgebühren. Uns ist jedoch bewusst, dass dies nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist. Aber als Verein müssen wir auch die Balance zwischen Breitensport und Leistungssport finden, was nicht immer ganz einfach ist», sagt Präsident Michael Schön.

Auch der nationale Eislaufverband verfügt noch nicht über die Strukturen, um junge Talente in grossem Umfang zu unterstützen (siehe Box unten).

Russische Trainerin will mehr

In den letzten Wochen hat sich die Situation für Maria Luisa Erdin und ihre Trainingskolleginnen beim EC Aarau nochmals verschlechtert. Die Preise für die Trainings wurden von ihrer russischen Trainerin erhöht. Statt wie marktüblich 100 bis 120 Franken pro Einzelstunde (ohne Platzmiete) liegen die Preise nun 20 Prozent höher.

Die Folgen sind gravierend, denn Maria Luisa Erdin und ihre Trainingskolleginnen bestreiten während der Saison rund 80 Prozent aller Trainings auf privater Basis, da die Clubtrainings des EC Aarau nicht ausreichen.

Ausserhalb der Saison – von März bis August – werden gar sämtliche Trainings auf privater Basis organisiert. Die Konsequenz ist, dass bereits jetzt sechs von acht betroffenen Läuferinnen ihren Trainingsstandort gewechselt haben und nicht mehr beim EC Aarau trainieren.

Dazu gehört auch Maria Luisa Erdin, die neu in Basel trainiert. «Die russische Trainerin hat hervorragende Arbeit geleistet. Ohne sie wäre Maria Luisa nicht dort, wo sie heute steht, aber diese Preiserhöhung können wir leider nicht finanzieren», sagt Mirjam Erdin.

«Eigentlich müsste ich meiner Tochter sagen, dass sie unter diesen Bedingungen ihren Traum vom Eiskunstlaufen aufgeben sollte. Aber das mache ich natürlich nicht, sondern hoffe, dass wir irgendwie Sponsoren finden, um weiter trainieren zu können.»

Kehren die Talente zurück?

Beim EC Aarau ist man mit der Situation ebenfalls nicht zufrieden, denn die geleistete Aufbauarbeit im Bereich Wettkampf- und Leistungssport droht aufgrund der jüngsten Ereignisse zu zerfallen.

«Wir haben das Gespräch mit der Trainerin gesucht, aber leider ohne Erfolg», sagt Michael Schön.

«Wir haben uns im Vorstand dennoch dafür ausgesprochen, weiterhin Wettkampf- und Leistungssport in Aarau anzubieten, und werden daher eine Verstärkung für unser Trainerteam suchen.»

Ob aber die Talente, die sich bereits eine neuen Trainingsstandort gesucht haben, wieder zum EC Aarau zurückkehren, ist derzeit noch nicht klar.

Talentschmiede: Dem nationalen Verband fehlen die Mittel

Beim Schweizer Eislaufverband SEV ist man sich der Problematik bewusst, dass die vorhandenen Strukturen auf lokaler und regionaler Stufe kaum greifen. «Wir haben zwar ein Nationalkader, für das sich Talente ab 12 Jahren qualifizieren können, aber nur beschränkte Mittel, um diese finanziell zu unterstützen. Dies erfolgt meist bei Wettkampfstarts im Ausland», sagt Martin Häfelfinger Geschäftsführer und Chef Leistungssport beim SEV. Ein nationales Leistungszentrum, regelmässige Kaderzusammenzüge oder finanzielle Erleichterungen für talentierte Läuferinnen und Läufer, die noch nicht dem Nationalkader angehören, gibt es nicht. Der SEV weiss, dass es für Schweizer Eiskunstläufer mit den vorhandenen Strukturen schwierig ist, im internationalen Vergleich den Anschluss zu wahren. Vor allem auch, weil das Schweizer Schulsystem die frühe Förderung verunmöglicht, da Sportschulen erst ab dem 12. Altersjahr angeboten werden, was für den Eiskunstlauf zu spät ist. Der SEV verfolgt daher einen anderen Ansatz. «Wir arbeiten seit diesem Jahr mit Koordinatoren, die den Vereinen helfen, die Trainingsqualität im Nachwuchsleistungssport zu steigern, sowie Trainer, Läufer und Eltern zu beraten. Heute sind viele Athleten nicht optimal betreut und können daher nicht ihr volles Potenzial ausschöpfen», sagt Häfelfinger. Trotzdem ist klar, dass die Schweiz weiterhin auf Ausnahmetalente angewiesen ist, wenn es um die Vergabe von Medaillen an internationalen Grossanlässen geht. (fba)