Die Nummer zwei hinter Joël Mall. Die Nummer zwei hinter Steven Deana. Die Nummer zwei hinter Andrea Guatelli. Die Nummer zwei hinter Lorenzo Bucchi.

Die Nummer zwei hinter … Nein! Jetzt ist genug mit der verflixten Nummer zwei. Ulisse Pelloni will die Nummer eins sein. Ulisse Pelloni will endlich mittendrin statt nur dabei sein. Seine Karten sind nicht schlecht. Mit Blick auf die Zahlen sind sie sogar ausgezeichnet. Fünfmal war der Tessiner für den FC Aarau in dieser Saison von Beginn an im Einsatz. Fünfmal hat er gewonnen. Gegen Zollbrück (5:0), Breitenrain (1:0) und Lugano (2:0) im Cup, gegen Le Mont (2:1) und Wohlen (1:0) in der Meisterschaft hat der 22-jährige Torhüter gerade mal einen Treffer kassiert. Das sind 0,2 Gegentore pro Partie. Soll mir mal einer einen Torhüter zeigen, der in dieser Saison eine solch hervorragende Bilanz aufweist.

Lorbeeren hin, Lorbeeren her; Pelloni gilt beim FC Aarau weiterhin als Nummer zwei. Auch nach seiner gelungenen Vorstellung vor Wochenfrist im Derby gegen Wohlen. Warum eigentlich? Warum wird ihm Bucchi in der Hierarchie vor die Nase gestellt? Auf diese Frage eine Antwort zu finden, ist schwierig. Cheftrainer Marco Schällibaum und Torhüter-Trainer Swen König werden wissen, warum sie sich im Sommer gegen Pelloni und für Bucchi als Stammtorhüter entschieden haben.

Die Kehrtwende vor dem Derby

Für den 33-jährigen Bucchi spricht sicherlich die Erfahrung. Und schlecht gespielt hat der Italiener in der Vorrunde ja auch nicht. Zwei Runden vor Schluss der Vorrunde folgte nun aber die Kehrtwende: Vor dem Derby gegen den FC Wohlen entschieden sich Schällibaum und König für einen Torhüterwechsel. Pelloni nützte die Chance und zeigte, was in ihm steckt. Nach der starken Leistung verdiente er sich die Note 5. Das ist gut. Und gut reichte in dieser spielerisch trostlosen Partie schon aus, um sich die Auszeichnung als bester Aarauer zu verdienen.

«Ich habe gespürt, dass ich eine Chance bekomme», blickt Pelloni auf die vergangenen Tage zurück. «Es war zwar nur ein Bauchgefühl, aber irgendwie lag der Wechsel in der Luft.» Und warum? «Wir haben in den drei Spielen vor dem Derby gegen den FCZ, Schaffhausen und Xamax elf Treffer kassiert. Da rechnet man sich als Torhüter Nummer zwei natürlich eine Chance aus.» Pelloni legt Wert auf die Feststellung, dass sein Kontrahent zuletzt alles andere als schlecht gespielt hat. Nein! Aber irgendwie und irgendwo müsse ein Trainer ja Zeichen setzen, wenn er von der Mannschaft eine Reaktion sehen möchte.

Pelloni wechselte auf die Saison 2014/15 zum FC Aarau. In seinem ersten Jahr brachte er es gerade mal auf zwei Einsätze in der Meisterschaft und kassierte sieben Tore. In der Saison 2015/16 waren es sechs Einsätze mit acht Gegentoren. Und in dieser Saison zählte er zweimal zur Startformation und wurde einmal eingewechselt. Diese Zahlen als Beweis dafür, dass Pelloni schwierige Zeiten hinter sich hat. Das ging sogar so weit, dass er sich trotz Vertrag in der Winterpause der Meisterschaft 2015/16 für einen Wechsel zum FC Chiasso entschieden hat.

«Ich brauchte eine Luftveränderung», sagt er rückblickend. «Und ich wollte Spielpraxis sammeln.» Die Zeit im Tessin hat ihm gutgetan. Spricht man mit Leuten im Umfeld des FC Aarau, wird klar, dass sie Pelloni nach der Rückkehr ins Brügglifeld im vergangenen Sommer kaum mehr wiedererkannt haben. Er sei abgeklärter, sachlicher und ruhiger als früher. Ist da aus einem ungeduldigen Burschen etwa ein junger, reifer Mann geworden?

Geduld bringt Rosen

Gemach, gemach: Pelloni ist erst 22 Jahre alt. Er kann sich zweifellos steigern. Und an Talent fehlt es dem jungen Mann wahrlich nicht. Es kommt nicht von ungefähr, dass er vor drei Jahren Stammtorhüter der Schweizer U20-Auswahl war. Vielleicht bringt Geduld in seinem Fall tatsächlich Rosen. In der Chefetage des FC Aarau macht man sich jedenfalls jetzt schon Gedanken, den im Juni auslaufenden Vertrag zu verlängern. Pelloni wäre es wohl recht. Es wird interessant sein, die Torhüter-Frage im Hinblick auf die nächste Saison zu verfolgen. Sie entbehrt keinesfalls einer gewissen Brisanz. Wer weiss, wer sich da noch alles als neue Nummer eins ins Gespräch bringen wird? Werden die Karten etwa ganz neu gemischt?