Mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht kommt Roman Suter auf den Boden zurück. Eben hat der 22-jährige, geistig behinderte Mann, die Wand im Kletterzentrum Kraftreaktor in Lenzburg bezwungen. Von zuoberst winkte er hinunter, stolz und glücklich. «Klettern macht mir unheimlich Spass, auch weil ich hier meine Freunde treffen kann», gibt Suter an.

Stefan Keller, Kletterlehrer der Gruppe, istgefordert. Sobald ein Teilnehmer die Wand bezwungen und wieder festen Boden unter den Füssen hatte, machte sich der nächste bereit.Knoten kontrollieren, gewisse Anweisungen geben, motivieren und sichern im Akkord.

Trotz Blindheit mutig nach oben

Ein Teilnehmer brauchte besondere Unterstützung. Der 30-jährige Matthias Näf ist nämlich blind. Blind und klettern – tönt nach Widerspruch. Auch seine Mutter Ruth Schildknecht zweifelte und wollte sich darum selber von den Fähigkeiten ihres Sohnes überzeugen. «Ich hätte nicht gedacht, dass Matthias trotz seiner Blindheit mit solcher Leichtigkeit die Wand empor klettern kann», gibt sie zu. Denn tatsächlich, behutsam und sorgfältig tastet sich Näf die Wand hoch, sucht die perfekten Elemente, um sich daran festzuhalten. Vereinzelt hilft ihm Leiter Keller und ruft ihm zu, wo er seine Füsse am besten platzieren kann.

Näf klettert seit vier Jahren und es macht ihm sichtlich Freude. «Es ist schön zu sehen, wenn er oben ankommt. Das gute Gefühl, welches dieses Erfolgsergebnis ihm gibt, ist für Matthias Gold wert», schwärmt seine Mutter. Ob sie denn keine Angst gehabt habe, ihrem blinden Sohn beim Klettern zuzuschauen? Schildknecht gibt zu, dass eine gewisse Nervosität vorhanden gewesen sei. «Jedoch nur beim ersten Mal. Ich habe Vertrauen in Matthias und in das Leiterteam», beteuert sie.

Die Begeisterung ist spürbar

«Auch uns als Leiter gibt dieses Klettertraining sehr viel. Die Begeisterung der Teilnehmenden zu spüren ist etwas Spezielles. Die Behinderten sind sehr offen und spontan, das macht es spannend mit ihnen zusammenzuarbeiten», zählt Leiter Stefan Keller die Vorteile auf. Klar müsse man immer alles mehrfach kontrollieren, Knoten, Gstältli. «Aber das freudige Lachen der erfolgreichen Kletterer kompensiert jeden zusätzlichen Aufwand.»