Was tut ein Mittelstürmer, wenn er in der Krise steckt und in zwölf Spielen nur zwei Tore erzielt? Was tut er, wenn die Ersatzbank droht? Sich auf die Couch legen und die Beine hochlagern? Einen Mentalcoach verpflichten? Oder setzt er gar auf Hokuspokus, ruft Hellseher Mike Shiva an und lässt sich vom Mann mit der dunklen Brille und dem bunten Kopftuch Karten legen?

Nichts von alledem: «Ich brauche in schlechten Phasen keine fremde Hilfe», sagt Rossini. «Schliesslich habe ich den besten Mentalcoach zu Hause. Es ist meine Frau Eleonora. Sie weiss genau, was ich brauche, wenn es mir nicht läuft.» Was die gute Eleonora mit ihrem Patrick in den vergangenen Wochen angestellt hat, wissen wir nicht. Ihr Rezept allerdings wirkt. Mehr noch! Es schlägt voll ein: In den vergangenen drei Spielen gegen den FC Winterthur (1:1), den FC Zürich (3:6) und den FC Schaffhausen (3:2) schoss Rossini fünf Tore und avancierte beim FC Aarau zum Mann der Stunde.

Mehr Krafttraining

Natürlich ist Eleonora nicht der einzige Grund für den aktuellen Höhenflug. «Weil der psychische Bereich für das Erreichen des optimalen Leistungsvermögens entscheidend ist, habe ich mir Gedanken über die Torflaute gemacht und die entsprechenden Konsequenzen gezogen», sagt Rossini.

«Ich habe in den Krafttrainings einen Zacken zugelegt. Dank stärkerer Beinmuskulatur fühle ich mich besser denn je. Nach meinem Tor gegen Winterthur ist zudem das Selbstvertrauen zurückgekehrt. Dieser Treffer hat den Bann gebrochen. Jetzt kann ich meine Stärken als Strafraumstürmer wieder ausspielen. Und das Wichtigste: Nach den vielen kleinen Verletzungen bin ich endlich wieder voll einsatzfähig.»

Rossini hat also keine einfachen Zeiten hinter sich. Nach dem starken Saisonauftakt mit je einem Treffer gegen Chiasso (1:1) und Wohlen (4:1) fiel er in ein Leistungsloch. Das ging so weit, dass er von Trainer Marco Schällibaum auf die Ersatzbank verbannt wurde und nur noch zu Teileinsätzen kam. Kritiker schrieben Rossini bereits in die sportlichen Niederungen. Jetzt ist alles anders. Ganz anders! Der Mittelstürmer des FC Aarau trifft wieder. Und wie! Die zwei Tore gegen Schaffhausen zum 1:0 und 3:2 könnten zwar kaum unterschiedlicher sein, sind aber geradezu typisch für seine Abschlussqualitäten.

Den ersten Treffer erzielte er mit dem rechten Fuss aus vollem Lauf und aus kurzer Distanz. Der zweite Treffer gelang ihm mit einem Lob-Kopfball aus zehn Metern. Völlig untypisch war die Reaktion des siebenfachen Saisontorschützen auf den Siegestreffer. Rossini freute sich beinahe diebisch und setze zu einem verrückten Breakdance-Jubel an. «Es war eine spontane Idee», blickt Rossini zurück. «Diesen Breakdance habe ich in meiner Profikarriere noch nie gemacht. Ich lernte diesen Tanz als Bub und bin damit in den Strassen von Bellinzona und Lugano aufgetreten.»

Wer weiss? Vielleicht glänzt Rossini am Samstagabend im Brügglifeld gegen Xamax nach seinem achten Treffer erneut mit einer speziellen Einlage.

Second-Hand-Stürmer Janko Pacar

Wenn die Klubführung des FC Wohlen im Sommer jeweils den Transfermarkt sondiert, begleitet sie immer eine kleine Hoffnung: diesen branchenüblichen Widerspruch, einen treffsicheren Stürmer für wenig Geld zu erhalten, doch irgendwie bewerkstelligen zu können. Denn wenn die Freiämter auf Stürmersuche gehen, dann ist das wie, wenn eine Person, die am Existenzminimum lebt, shoppen gegen würde. Sie mustert die Markenkleider ja schon, aber letztlich müssen eben doch die preiswerten No-Name-Klamotten genügen.

Kommt auf fünf Treffer und zwei Assists diese Saison: Janko Pacar.

Kommt auf fünf Treffer und zwei Assists diese Saison: Janko Pacar.

Der FC Wohlen blieb seiner Strategie der vertretbaren Löhne trotz den Al-Yousef-Zuschüssen treu. Deshalb verpflichtete er im Sommer nicht einen klingenden Namen, sondern Janko Pacar, einen Second-Hand-Stürmer, dem jahrelang vor allem eines nachgesagt wurde: ein Gescheiterter zu sein.

Pacar, 26-jährig, eigentlich im besten Fussballeralter, hat den Sommer in Dietikon verbracht. Dort, wo sich alle arbeitslosen Fussballer zum Fithalten trafen. Er, der einst in der Nachwuchsabteilung des FC Luzern als Rohdiamant galt, war ganz unten angelangt. Als der schweizerisch-kroatische Doppelbürger im Frühling nämlich von seinem sechsmonatigen Abenteuer in Rumänien zurückkehrte, wollte ihn niemand mehr. Zumindest bis der FC Wohlen anklopfte.

Pacar zögerte nicht – auch weil der angebotene 3-Jahres-Vertrag endlich Kontinuität ins Leben des Vagabunden bringen könnte. Er, der neben Luzern auch schon für Kriens, Winterthur, Chiasso und Winterthur stürmte, startete zaghaft. Er hatte Probleme mit dem Rhythmus, hatte nicht diesen Einfluss, den er sich erhoffte. «Es sei wichtig, in solchen Situationen nicht den Kopf zu verlieren», sagt Pacar heute. Also rackerte er weiter. Weil er wusste, «dass manchmal ein kleines Erfolgserlebnis reichen kann, um auf Touren zu kommen».

Der Schlüsselmoment

Elf Spiele musste er warten, bis er endlich traf. Mit seinem Doppelpack leitete er die magische Nacht in Neuenburg ein, in der der FC Wohlen das ambitionierte Xamax auswärts 4:1 schlug. Ein Schlüsselmoment. Seither sind vier zusätzliche Spiele hinzugekommen. Pacar steht mittlerweile bei fünf Treffern und zwei Assists. Eine ansprechende Entwicklung. Vor allem, weil der Stürmer auch in den wichtigen Momenten punktet: Auswärts beim FC Chiasso, einem der grössten Konkurrenten im Kampf um den Ligaerhalt, und zuletzt gegen den FC Winterthur, als sein Team im achten Heimspiel endlich den ersten Heimsieg feiern konnte.

Janko Pacars Auferstehung zeigt, dass nicht nur in der Welt der Mode etwas, das den Schriftzug keiner renommierten Marke trägt, plötzlich doch en vogue sein kann. Schön seien die letzten Spiele für ihn gewesen, weil er schon länger nicht mehr in dieser Regelmässigkeit traf, sagt Pacar. «Aber von einem Stürmer darf man auch Tore erwarten.»

Zufrieden ist er nämlich noch nicht. Das könne man nie sein. Worte, die Pacar vor fünf Jahren vielleicht noch nicht gewählt hätte. Denn der Stürmer weiss mittlerweile, dass Momentaufnahmen blenden können. Deshalb hält er sich bei seinen Ausführungen um seine Form zurück. Schliesslich hat die Aufpolierung seines Images eben erst begonnen.